Schicksalslinien (16/16)

Posted on Mai 19, 2014

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Dennoch war sie sehr froh, als sie schließlich zum Abendessen in die Taberna Akademika kam und dort Liina sah und ihre Aura in einem strahlenden Rot leuchtete.
Die Chinesin saß mit Yophus an einem Tisch, die ebenfalls rot leuchtete. Und das verstand Teese nun auch, denn Yophus schuldete Teese eine Ausgleichsleistung. Sie war im letzten Jahr vom Magisterrat praktisch dazu verurteilt worden, Teese für den Schaden, den sie angerichtet hatte, eine Gegenleistung zu erbringen – ihr zu helfen, wenn es nötig war. Und das war es, was die Aura zeigte.
Sicherlich war es nützlich, solche Dinge zu wissen, wenn man Dekan war und die Geschicke von Weltenei und der neuen Welt leiten musste. Natürlich war das der Grund, warum Ro ihr den Stein gegeben hatte. Aber Teese war weder Dekanin noch war sie Ro. Sie bezweifelte, dass sie je die Geschicke der Welt so leiten würde wie Dekan Ezzo es tat oder wie Dekan Roath es einst getan hatte.
Am nächsten Tag gab sie Ro den Freundesstein ohne viele Worte zurück und entschied, nicht weiter über das nachzudenken, was sie gesehen hatte. Allerdings vergingen nur Tage, bevor sie wieder an den Freundschaftsstein erinnert wurde und an jene Begebenheit zwischen Rin und Nir im Hospital.
Die beiden Jungen fertigten in der folgenden Woche ihre neuen Seelentiere. Wie bei allen anderen Schülern am Ende des letzten Halbjahrs versammelten sich die Magier von Weltenei auf dem Platz vor der Taberna, während Rin und Nir in die Quelle der Welten stiegen.
Ihre Tutoren brachten die beiden Aura-Kugeln auf den Platz, damit die versammelten Magier die Entstehung der Seelentiere verfolgen konnten. Magister Algea brachte Nirs Kugel, Magister Nabi die Kugel von Rin.
Teese stand mit Fenn, Seth und Liina in der vordersten Reihe, als aus den Kugeln Seelentiere entstanden. Langsam und Stück für Stück, so wie Teese im letzten Jahr Fleck aus der Aura-Kugel geformt hatte. Es war ein interessantes Schauspiel, bei welchem unsichtbare Hände aus einer Kugel nach und nach ein lebensechtes Tier schufen.
Rin war der erste, der in die Quelle stieg und sein Seelentier entstand somit zuerst. Teese hatte damit gerechnet, dass er aus Trotz erneut eine Schildkröte erschaffen würde, doch die Magie aus der Aura-Kugel wurde in etwas Größeres geformt. Rins Seelentier bekam einen großen Körper und lange Beine.
„Ein fliegendes Pferd, wollen wir wetten“, kommentierte Fenn, der zwischen Seth und Liina stand.
„Eher eine fliegende Kuh“, hielt Liina dagegen.
Teese nickte. Für ein Pferd war das, was da entstand zu plump.
„Eine große Katze“, sagte Seth wie selbstverständlich.
Und damit sollte der junge Tiermagier Recht behalten. Nach dem großen Rumpf und den Beinen entstand ein langer Schwanz und am anderen Ende ein massiger Kopf. Das Seelentier wurde langsam in immer genauere Konturen geformt. Der Kopf, erst einfach nur rund, erhielt eine nach vorne leicht auslaufende Form mit einer Nase und einem Maul. Kleine Ohren wurden aus dem Kopf herausgezupft, Augen entstanden und damit war Rin eine ganze Weile beschäftigt.
„Eine große Raubkatze“, vervollständigte Teese Seths erste Feststellung.
Doch erst als Rin das Fell zu fertigen begann, erkannte Teese, was für eine Raubkatze der Junge als Seelentier erschuf. Das Fell war dicht und flauschig, am Bauch und Hals war es weiß, ansonsten war es rötlich wie das eines Fuchses. Von oben nach unten zogen sich über den ganzen Körper schwarze Streifen, der Schwanz wurde gestreift und der Kopf erhielt ein markantes Muster aus schwarzen Streifen auf rotem Fell.
„Wow“, entfuhr es Fenn. „Ein Tiger. Und echt gelungen.“
‚Echt gelungen‘ bedeutete, das wusste Teese, dass eine Menge Magie in der Aura-Kugel gewesen war und das hieß, dass Rin über eine Menge Magie verfügte. Viele Magier würden bedauern, dass er kein Talent besaß und noch mehr, dass er nicht auf Weltenei bleiben würde.
Allerdings stand Nirs Seelentier dem seines Zwillingbruders in keiner Weise nach. Dieses Mal war schnell klar, was für ein Tier hier entstehen würde, denn bereits die erste grobe Modellierung erinnerte an das, was Rin zuvor getan hatte.
„Auch ein Tiger“, sagte Fenn und zuckte fast enttäuscht mit den Schultern.
„Zwillinge“, kommentierte Liina als wäre sie überhaupt nicht überrascht.
Nirs Tiger entstand fast auf dieselbe Art und Weise wie Rins Tiger und er war genauso eindrucksvoll, sein Fell perfekt bis zum letzten Haar hin. Doch als es daran ging, den Tiger zu färben, ging Nir anders vor.
Es hatte bereits bei den Augen begonnen, wie Teese im Nachhinein klar wurde. Rins Tiger besaß orangefarbene Augen, Nirs wirkten eher grau. Und das Fell besaß zwar ebenfalls zahlreiche schwarze Streifen, der Tiger blieb aber vollkommen weiß.
Rin erschien auf dem Platz, noch während Nir an seinem Tiger arbeitete und er lächelte beinahe grimmig, als er Nirs Seelentier Gestalt annehmen sah. Die beiden Tiger saßen sich auf dem Platz gegenüber, einer in Rot, der andere in Weiß. Ansonsten identisch.
Rins Tiger wurde am nächsten Tag ins Reservat der Seelentiere gebracht und Rin verließ Weltenei wieder, um auf seine Schule in der alten Welt zurückzukehren. Dieses Mal als Gabriel, der er auch war.
Nir hingegen blieb auf Weltenei, in diesem Jahr und in den folgenden Jahren. Wie er fuhren Teese, Fenn und Liina regelmäßig in ihren Ferien nach Hause, kamen aber stets wieder nach Weltenei zurück – Winter für Winter und Sommer für Sommer. Das Leben auf Weltenei wurde für Teese und ihre Freunde zum gewohnten Alltag, wie er auch in der alten Welt nicht anders hätte sein können.
Ab und an dachte Teese an Timar und an Lisande, aber Timar blieb spurlos verschwunden und in Argentanien blieb alles ruhig. Ab und an erhielt Marisan einen Brief von Nysrael, ab und an dachte Teese an Graf Darion und öfter noch an Fürst Edomar in der neuen Welt. Aber von Edomar hörte man ebenso wenig wie von Timar und in Awrosch ging das Leben seinen gewohnten Gang.
Nichts in der neuen Welt verriet den heraufziehenden Sturm. Keine Wolken, kein Wind, kein leichter Nieselregen oder das Grummeln eines aufziehenden Gewitters. Der Sturm traf Teese unerwartet und unvorbereitet, als sie fünfzehn Jahre alt war und die Formori den Magiern den Frieden aufkündigten.

(Ende von Band 2)

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