Schicksalslinien (15/16)

Posted on Mai 12, 2014

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„Mein Bruder wird hier bleiben“, sagte Rin. „Ich werde zurück in die alte Welt gehen.“
Teese senkte den Blick. „Schade.“ Ein Teil von ihr meinte das auch tatsächlich. Der Teil, der Teese noch vor wenigen Minuten gewesen war – eine Teese, die glaubte, dass die Jungen sie mochte.
Sie bedauerte unvermittelt, den Freundschaftsstein von Ro genommen zu haben. Sie hatte die beiden Jungen gemocht. Selbst Rin mit seiner ewig skeptischen und wenig einfühlsamen Art. Aber diese weiße Aura machte alles kaputt.
„Das ist nicht für ewig“, sagte Nir. „Und wir werden uns beide immer an alles erinnern können.“
„Das ist gut“, stellte Teese schließlich fest. „Ich hatte irgendwie Angst, dass Ihr Euch für immer zerstreitet deswegen.“
„Quatsch“, widersprach Rin energisch. „Ich bin zwar immer von meinen Ansichten überzeugt, aber mein Bruder ist wichtiger.“
Nir grinste schief. „Magister Pim war da“, sagte er dann, „und Lizenziat Noan.“
Teese begann zu verstehen. „Zwei Brüder, einer, der in der neuen Welt lebt und einer in der alten.“
Rin drehte gedankenverloren seine Aura-Kugel auf den Knien und sah sie an als könne er darin etwas sehen – wie in einer Traumkugel, in welcher man glitzernden Schnee über eine kleine Figur rieseln lassen konnte.
„Auch ihnen haben wir etwas zu verdanken“, sagte er dann.
„Aber Teese“, begann Nir und sah seinen Bruder an.
Rin wirkte unschlüssig. „Mehr. Ja. Ohne sie…“
Nir sprang mit einem unwilligen Seufzen vom Bett auf. „Weißt Du Teese. Mein Bruder ist manchmal… echt…“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung.
Teese konnte ein Lächeln um Rins Gesicht spielen sehen.
„Wir schulden Dir wirklich etwas“, sagte Nir dann. „Und deswegen… Kennst Du Dornröschen?“
Nir blieb vor Teese stehen. Teese war verwirrt. „Ja.“ Worauf wollte er hinaus?
„Die dreizehnte Fee, die nicht zur Taufe eingeladen wurde, sie verflucht das Mädchen“, erklärte Nir trotz Teeses Worten. „Sie soll sich an einer Spindel stechen und tot zu Boden fallen.“
„Ja.“ Teese verstand nicht, worauf Nir hinaus wollte. Auch Rin hob irritiert eine Augenbraue.
„Aber die zwölfte Fee hat zu diesem Zeitpunkt ihren Wunsch noch nicht gesprochen, nicht wahr?“, fuhr Nir fort. „Und deshalb konnte sie den Wunsch ändern. Sie hat gewünscht, dass das Mädchen nicht stirbt, sondern nur in einen hundertjährigen Schlaf sinken wird.“
„Ja“, wiederholte Teese nun schon zum dritten Mal.
‚Worauf will er hinaus?‘, wollte sie von Fleck wissen.
‚Keine Ahnung‘, erwiderte ihr Seelentier ebenso verwirrt und begann sich das andere Ohr zu putzen.
Nir hob seine rechte Hand. „Dann schwöre ich Dir, dass mein Bruder und ich alles in unsrer Macht stehende tun werden, um Dich zu unterstützen. Und was auch kommt, wir werden Dir helfen, wo wir können.“
„Nir!“ Rins Aura-Kugel rollte von seinen Knien als der Junge sich aufsetzte. „Das kannst Du nicht…“ Er zögerte und dachte nach.
„Und?“, wollte Nir wissen.
Rin lächelte erst. Dann begann er zu lachen. „Gut“, lachte er. „Das ist…“ Er schüttelte den Kopf, sein Gesicht ein amüsiertes Lachen. „Du bist wirklich klüger als ich.“
„Nein, das ist nicht wahr, ich…“
Teese hörte nicht mehr auf die folgende Unterhaltung zwischen den Zwillingen. Denn als Nir gesprochen hatte, hatte sich etwas Seltsames ereignet: Die weiße Aura um beide Jungen hatte sich aufgelöst. Wie Nebel in der Sonne. Nach nur wenigen Augenblicken war sie spurlos verschwunden.
‚Oho‘, kommentierte Fleck. ‚Das ist aber interessant.‘
Teese verstand nicht. ‚Was ist da passiert?‘
‚Ich bin nicht ganz sicher‘, sagte Fleck. ‚Aber ich glaube nicht, dass die beiden Dich auf einmal mehr mögen als noch vor einigen Augenblicken. Vielleicht hat Ro selbst überhaupt nicht verstanden, was dieser Anhänger wirklich zeigt.‘
‚Was zeigt er denn wirklich?‘ Teese stand ratlos neben Rin und Nir, die miteinander darüber diskutierten, wer von ihnen beiden mehr Talente, Fähigkeiten und Intelligenz besaß.
‚Ro hat gesagt, er zeigt, ob einem jemand freundlich oder feindlich gesinnt ist‘, sagte Fleck. ‚Aber ich glaube er zeigt eher an, wie sich jemand einem gegenüber verhalten wird.‘
‚Wo ist da der Unterschied?‘ Teese versuchte, Flecks Worte zu verstehen, scheiterte aber. War das nicht dasselbe?
‚Wenn Deine Mutter Dir Fernsehverbot gibt, weil Du etwas angestellt hast‘, erklärte Fleck, ‚dann würde ich mit Dir wetten, dass sie eine weiße Aura besitzt, obwohl sie Dich liebt.‘
Teese dachte darüber nach. Der Stein zeigte also an, wie sich jemand ihr gegenüber verhalten würde. Flaumschnabel zum Beispiel war eine Formori, die Tochter des Stammeshäuptlings und eine Garantiegeisel im Haus von Magister Nabi. Wenn sie zwischen die Wahl gestellt würde, Teese zu helfen oder den Formori, würde sie sicher ihrem Volk helfen. Dann hieße das aber nicht automatisch, dass sie Teese nicht mögen würde.
‚Ja, so etwas in der Art‘, meinte Fleck zu Teeses Gedanken.
‚Das heißt…?‘, hakte Teese nach.
‚Dass uns der Stein nichts darüber sagt, wer Dich mag und wer nicht.‘
‚Aber Schirniel‘, setzte Teese an.
‚Nun, ich denke, in der Regel werden Menschen, die sich Dir gegenüber wohlgesinnt verhalten, Dich auch lieben‘, sagte Fleck. ‚Aber es ist nicht immer dasselbe.‘
Teese atmete tief durch. Das relativierte im Grunde Einiges. Sie sollte sich nicht durch eine weiße Aura von irgendjemandem verunsichern lassen.

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