Schicksalslinien (14/16)

Posted on Mai 9, 2014

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Teese hielt den Vorhang ein Stück zur Seite ohne ihn aufzuziehen und schlüpfte hindurch. Im Raum dahinter stand an der Rückseite quer ein Bett, das gerade so dorthin passte. In ihm saß Rin, der Junge, der zuerst auf Weltenei gewesen war und vermutlich daher auch die erste Namenssilbe erhalten hatte. Er hatte das Kopfkissen hochkant im Rücken und die Beine angezogen, so dass sein Bruder auf der Bettdecke am Fußende sitzen konnte. Nir saß im Schneidersitz und sah wie sein Bruder zu Teese.
Beide Jungen grinsten und dennoch hätte Teese vor Schreck beinahe einen Schritt zurück gemacht, denn beide Jungen leuchteten weiß.
„Hallo Teese.“
Rin bemerkte Teeses überraschtes Zögern zuerst und sein Grinsen wich einem fragenden Gesichtsausdruck. „Stimmt was nicht?“
„Äh… doch.“ Das war eine Lüge.
Vermutlich konnte man das hörten, denn Rin und Nir sahen einander an. Dann grinste Rin allerdings wieder. Es war merkwürdig, ihn ebenso grinsen zu sehen wie Nir. Rin war immer der nachdenklichere von beiden gewesen. Sein Gesicht eher neutral als dass es Gefühle offen zeigte.
„Wir können uns wieder erinnern“, sagte er. Vermutlich nahm er an, dass Teeses Verunsicherung daher stammte, dass er sie unerwartet bei ihrem Namen angesprochen hatte. Teese war froh darüber. Sie hätte um nichts in der Welt die wirkliche Ursache erklären wollen.
„Es kam alles zurück als sie uns nach Weltenei gebracht haben“, fügte Nir hinzu.
„Oh… gut.“ Teese wusste nicht so Recht, was sie sagen sollte. Wobei – eigentlich lag ihr doch eine Frage auf der Zunge. „Und nun?“
„Nun müssen wir uns neue Seelentiere erschaffen“, sagte Rin, als hätten die Ereignisse auf dem Meer zwischen Weltenei und dem Strand der alten Welt nie stattgefunden.
„Jeder ein eigenes“, fügte Nir hinzu. Er hielt eine Aura-Kugel hoch. Sie war einen Fingerbreit gefüllt.
„Dekan Ezzo hat unsere Kugel geteilt.“ Rin legte demonstrativ eine zweite Kugel auf seine unter der Bettdecke verborgenen Knie.
„Wie man eine Zelle teilt“, erklärte Nir. „Kennst Du das aus dem Biologie-Unterricht? Es war interessant zu sehen. Er ist ein großartiger Magier.“
„Geteilt… wie eine Zelle“ Teese machte große Augen. „Das… das ist es also gewesen.“
„Was?“ Die Zwillinge sahen sie beide fragend an.
Fleck hockte sich neben Teese und begann sich wie unbeteiligt seine Hängeohren zu putzen. Ihr Seelentier verstand natürlich, was Teese gerade durch den Kopf ging.
„Am letzten Tag vor den Ferien hatte ich einen Traum“, erklärte Teese. „Mein Seelentier meinte, es wäre ein prophetischer Traum gewesen – mit Magie.“
„Uih.“ Nir sah Teese interessiert an. Er wirkte auf sie so nett. Warum nur war da diese weiße Aura?
„Und?“, hakte Rin nicht minder neugierig nach.
„Es war ein Traum von Rinnir. In ihm hat er…“ – in diesem Fall fand Teese konnte sie von einem der Jungen in der dritten Person sprechen, denn Rinnir in dem Sinne gab es im Augenblick nicht – „In ihm hat er sich geteilt. Wie eine Zelle. Der ganze Körper und danach waren zwei Rinnirs da.“
„Rin und Nir“, Rin grinste seinen Bruder an.
„Ja“, stimmte Teese zu.
Sie versuchte sich, den gesamten Traum in Erinnerung zu rufen. Er hatte mit Timar angefangen. Timar hatte einen Turm auf dem Hügel hinter ihrem Haus in der alten Welt bauen wollen. Rinnir hatte ihm geholfen, aber dann hatte er sich geteilt in Rin und in Nir – wie Teese jetzt wusste.
Aber wenn das wirklich eine Vision gewesen war, was bedeutete es dann, wenn Timar einen Turm bauen wollte? Was denn für einen Turm? Und warum bei ihr zu Hause?
Sie erinnerte sich, dass sie in ihrem Traum darüber wütend gewesen war und dass sie sich in ihrer Wut in einen Engel verwandelt hatte, einen Engel wie der auf der Spitze des Magieturms. Sie hatte Timars Turm zerstört und erst dann hatte sie bemerkt, dass es gar nicht Timar gewesen war, dem sie gegenüber stand, sondern Ro.
Das machte doch alles keinen Sinn. Genauso wenig wie an jenem Morgen als sie nach dem Traum aufgewacht war.
‚Rin und Nir‘, schaltete sich Fleck ein. ‚Hattest Du nicht gesagt, in Deinem Traum hätte einer von ihnen weiterhin Timar geholfen und der andere Dir?‘
‚Ja‘, erwiderte Teese trocken. ‚Aber schau sie Dir an. Anscheinend will mir keiner von beiden helfen…‘
„Ein echter prophetischer Traum“, sagte Nir bewundernd und unterband dadurch jede weitere Gedankenrede zwischen Teese und ihrem Seelentier. „Du bist auch eine großartige Magierin.“
„Äh… Nein.“ Teese winkte hektisch und verlegen ab.
„Doch“, mischte sich Rin ein. „Du hast uns beiden das Leben gerettet. Weißt Du das?“
„Äh“, wiederholte Teese. „Nein.“
„Doch. Das stimmt“, sagte Nir. „Wir schulden Dir etwas.“
„Nein.“ Jetzt klang Teese energisch. Das war ihr unangenehm. „Hätte ich denn zuschauen sollen, während Ihr…“
Rin zuckte mit den Schultern. „Es ist alles meine Schuld, schätze ich. Ich wollte es so unbedingt – dass alles gut wird und schön und…“ Er wirkte deprimiert.
„Es wird alles gut und schön“, hielt Nir dagegen.

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