Schicksalslinien (13/16)

Posted on Mai 5, 2014

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‚Lass uns lieber zum Hospital gehen‘, wechselte Fleck das Thema. ‚Ich würde gerne Rin und Nir sehen.‘
Teese blieb stehen. Durch die Bögen der Trainingshalle konnte sie ins Innere des Raums sehen. Dort fand gerade Unterricht statt. Die meisten Schüler dort waren älter als sie und niemand besaß eine Aura, außer Fenn, der unter dem prüfenden Blick von Magister Pim gegen ein Mädchen kämpfte.
Fenn leuchtete in einem sanften Rot, ähnlich dem von Seth. Magister Pim hingegen strahlte ein feines Weiß aus, das Teese resignierend seufzen ließ. Kein Wunder, dass er sie nicht sonderlich mochte. Sie war mit Sicherheit seine schlechteste Schülerin.
‚Ich weiß nicht, ob das damit etwas zu tun hat‘, wagte Fleck einen Einwurf.
Das Seelentier des Magisters, ein majestätischer Greif, hockte in einem der Torbögen und döste vor sich hin. Er war ebenso weiß wie sein Magier. Am gegenüberliegenden Pfeiler lehnte, Teese brauchte einen Moment, um ihn von hinten zu erkennen, Lizentiat Noan.
Der Direktor von Weltenei verfolgte den Kampf von Fenn aufmerksam, oder vielleicht sah er auch nur seinem Bruder zu, wie dieser seinen Unterricht leitete. Teese entging auf alle Fälle nicht der schwache rote Schein um seine Gestalt.
Sie drehte sich um und ging, wie Fleck vorgeschlagen hatte, in die andere Richtung und hinüber zum Hospital. Der langgezogene graue Steinbau wirkte im Licht der untergehenden Sonne fast ein wenig rötlich. Die Sonnenstrahlen spiegelten sich in einem kupferfarbenen Glitzern auf dem riesigen Glasdach, welches den Behandlungsraum überdachte.
In der Eingangshalle blieb Teese unschlüssig stehen. Rin und Nir waren inzwischen kaum noch dort oben, sondern im Erdgeschoss, wo die Betten für die Patienten standen. Wenn sie denn überhaupt noch hier waren.
Ein junger Mann in einer Robe mit grüner Schärpe kam die Treppe herunter. Seine schwarzen Haare hatte er zu einem glatten langen Zopf gebunden und auf seinem Gesicht, dessen Farbe irgendwo zwischen Bronze und Ocker rangierte, lag höchste Konzentration. Lizenziat Lavoc trug eine hölzerne Kiste vor sich her aus welcher weißer Stoff herausquoll. Seine Aura leuchtete in einem deutlich erkennbaren Rot.
„Oh, hallo Dekananwärterin Teese“, grüßte er das Mädchen.
„Hallo Lizenziat Lavoc.“
„Brauchst Du Hilfe?“
Teese schüttelte den Kopf, denn medizinische Hilfe benötigte sie keine. „Nein. Ich wollte Rin und Nir besuchen, wenn man das darf.“
„Ich denke, das darf man.“ Lavoc erreichte das Ende der Treppe und wandte sich nach links, wo sich die Tür zum Bettenhaus befand. „Komm einfach mit.“
Teese beeilte sich, an ihm vorbei zu gehen und ihm die Tür aufzuhalten.
„Danke.“ Der Indianer betrat den Raum als erstes und Teese folgte ihm.
Im abendlichen Licht wirkte der Raum wenig wie ein Krankenhaus, eher wie ein Wintergarten. Es brannte noch kein Oberlicht, denn die einzige Person, die hier auf einem der Stühle saß, las nicht, sondern sah sich den Sonnenuntergang an. Es war Magister Pietro, der ihnen den Rücken zuwandte und weder Teese noch Lavoc zu bemerken schien. Seine Aura war leuchtend rot, nicht so stark wie jene von Schirniel, aber mindestens so stark wie die von Nanu.
„Die Jungen haben hier drüben ihre Betten“, sagte Lavoc zu Teese, während er den Raum durchquerte. „Das hier ist das von Rin“ – er deutete auf einen der nach vorne offenen Räume, deren Vorhang zurückgezogen war, so dass man sehen konnte, dass das Bett leer war – „und das hier ist das von Nir.“ Hier war der Vorhang zugezogen.
„Danke“, sagte Teese.
„Bitte.“
Lavoc verschwand mit seiner Kiste durch einen Durchgang im hinteren Bereich des Raumes. Hier, so wusste Teese von ihren früheren Besuchen als Seth hier gewesen war, lagerten Dinge wie Bettwäsche, Essgeschirr und Dinge für den alltäglichen medizinischen Bedarf.
Teese blieb vor dem vorgezogenen Vorhang von Nirs Bettenabteil stehen. Dahinter war nichts zu hören und durch den Vorhang nichts zu sehen.
‚Schwer an einem Vorhang anzuklopfen‘, kommentierte Fleck Teeses Ratlosigkeit.
‚Ja, irgendwie schon‘, erwiderte Teese. Den Vorhang einfach aufzuziehen erschien ihr unhöflich. ‚Was wenn sie schlafen?‘
Sie strich mit ihrer Hand den Vorhang entlang, so dass sich der Stoff deutlich erkennbar nach innen ausbeulte. „Hallo, jemand da?“, wollte sie nicht allzu laut wissen.
„Teese?“
Ob es Rins oder Nirs Stimme gewesen war, konnte Teese nicht sagen.
„Ja.“
Kurzes Zögern.
„Komm rein.“

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