Schicksalslinien (12/16)

Posted on Mai 2, 2014

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‚Das kam unerwartet‘, sagte Fleck und folgte Teese einmal durch das Haus auf die Straße, die Teese mit düsteren Gedanken wieder nach oben lief, ohne genau zu wissen, wohin sie wollte. Dass sie den Weg nach oben einschlug und nicht den nach unten, lag vermutlich alleine daran, dass sie gesagt hatte, sie würde in der Taberna nach Liina sehen.
‚Ja‘, stimmte Teese zu. ‚Ausgerechnet Flaumschnabel.‘ Sie starrte auf die Kopfsteinpflaster zu ihren Füßen. ‚Mit ihr habe ich schon in Gedanken gesprochen, bevor ich wusste, wie es ohne Körperkontakt funktioniert. Und danach war sie eine der ersten, mit der es funktioniert hat. Mit Liina kann ich es bis heute nicht…‘
Was Fleck natürlich wusste. Das Seelentier verstand aber auch, was Teese unterschwellig damit sagen wollte. Wenn Flaumschnabel ihre Feindin war, sie nicht mochte, hasste, verachtete oder was auch immer diese weiße Aura in ihrem Fall genau bedeutete, wie mochte es dann um Liina stehen, mit welcher sie noch nicht einmal in Gedanken sprechen konnte?
Teese erreichte die Spitze des Inselberges und passierte den Stall der fliegenden Pferde. Ein Flügel der Tür stand offen und erlaubte den Blick in die Boxengasse. Ein weißes Flügelpferd stand dort und wurde von einem Mädchen in Teeses Alter aufgezäumt. Es war Rena, die bei Magister Narenda wohnte und mit welcher Teese bisher kaum etwas zu tun gehabt hatte. Sie besaß auch keine Aura. Das rote Schimmern aus dem Stall stammte von Magister Tyra, welche dem Mädchen helfend zur Hand ging.
Teese ging weiter in Richtung der Taberna. Wenn sie allerdings so darüber nachdachte, hatte sie im Moment wenig Lust, dort hinein zu gehen. Sie verlangsamte ihre Schritte, als sie am Dekanat vorbei kam. Sollte sie…?
Teese wandte sich nach links und ging die Treppe zum Dekanat hinauf. Ein wenig mulmig war ihr zu Mute, als sie klopfte. Flaumschnabel und Liina waren im Endeffekt nur Kinder, Mitbewohner und Altersgenossen. Wenn sie sie hassten, dann war das zwar traurig, aber brachte Teese ansonsten in keine Schwierigkeiten. Aber bei jemandem wie Dekan Ezzo sähe die Sache ganz anders aus.
Die Tür wurde geöffnet und Teese musste geblendet die Augen schließen. Niemanden, den sie bisher gesehen hatte, Nanu und Fleck eingeschlossen, hatte eine derartig strahlendrote Aura besessen wie derjenige, der ihr gerade die Tür öffnete.
„Oh, hallo Teese.“
Schirniel streckte den Rücken durch, als er Haltung annahm. Teese war im ersten Moment zu verblüfft, um ein Wort heraus zu bekommen. Marisans kleiner Bruder. Dekan Ezzos jüngster Sohn. Warum… warum leuchtete seine Aura so hell? Wie konnte sie heller sein als die von Fleck, ihrem eigenen Seelentier oder Nanu, ihrem Ziehdrachen?
„Äh… hallo Schirniel“, brachte Teese hervor. „Ich wollte hören, ob“ – sie zögerte, unschlüssig, was sie eigentlich Dekan Ezzo gegenüber sagen sollte, wenn er tatsächlich hier war und sie sagte, dass sie ihn sehen wollte – „ob Dein Vater da ist.“
„Ja.“ Schirniel nestelte an der Schnürung seiner weißen Robe. „Aber wir haben Besuch.“ Er öffnete die Tür etwas weiter, so dass Teese in den Flur blicken konnte, der in den Wohnbereich führte und dahinter auf eine Terrasse und den Garten des Dekanats. „Magister Gaban ist da.“
Teese erinnerte sich, dass Dekan Ezzo heute früher am Tag Marisan gegenüber gesagt hatte, dass der Leiter des Colligats von Schastel Awrosch zum Abendessen kommen würde. Teese sah ihn auf der Terrasse stehen, im Gespräch mit dem Dekan. Beide Männer strahlten in einem gut erkennbaren Rot.
Teese atmete erleichtert auf, als sich plötzlich eine weiß leuchtende Gestalt an den Männern vorbei bewegte. Teese erhaschte einen Blick auf die kurzen blonden Locken von Magister Nivien, Magister Gabans Frau. Sie musste ehrlich gesagt gestehen, dass sie die Frau ebenfalls nicht sonderlich mochte, aber dasselbe hätte sie auch von Magister Gaban gesagt.
„Ähm. Okay“, verdrängte sie ihre Gedanken und blickte in Schirniels erwartungsvolles Gesicht. „Dann komme ich einfach morgen wieder.“
„Soll ich meinem Vater etwas ausrichten?“, wollte Schirniel eifrig wissen.
„Nein. Es war nicht so wichtig. Ich komme einfach morgen wieder“, wiederholte sie, durch Schirniels Aura noch immer etwas aus dem Konzept gebracht ihre Worte.
„Gut.“
„Dann bis morgen.“ Teese wandte sich um.
„Ja. Wiedersehen, Teese.“
Teese erreichte das Ende der Treppe, ohne dass sie gehört hätte, wie die Haustür wieder geschlossen wurde. Sie sah kurz zurück und bemerkte, dass die Tür noch einen Spalt weit offen stand und Schirniel ihr hinterher sah. Als er ihren Blick zurück bemerkte, schloss er die Tür eilig.
‚Ich glaube, er mag Dich‘, sagte Fleck amüsiert.
‚Ja, anscheinend.‘
‚Und zwar nicht so wie Seth oder Magister Nabi‘, fügte Fleck hinzu.
‚Was meinst Du?‘, wollte Teese irritiert wissen.
‚Naja, mehr so wie Liina Fenn mag.‘
Teese wandte ihre Schritte in Richtung Magieturm, ohne genau sagen zu können, wohin sie eigentlich als nächstes wollte. Flecks Worte verwirrten sie.
‚Wie mag Liina Fenn denn?‘
Fleck lachte amüsiert. ‚So wie nur ein Mädchen einen Jungen mögen kann.‘
Teese verstand, was ihr Seelentier meinte. ‚Liina ist in Fenn… verliebt?‘ Konnte es möglich sein, dass ihr so etwas bisher entgangen war.
‚Und umgekehrt ist es ebenso.‘
‚Fenn ist in Liina ver…knallt?‘
Teese war vollkommen aus dem Konzept gebracht. ‚Und Schirniel ist…?‘
‚Ja, genau‘, sagte Fleck.
Teese machte eine hilflose Geste. ‚Aber er ist doch noch so klein. Er ist höchstens…‘ Wie alt war Schirniel wohl? Jünger als sie auf alle Fälle. ‚Vielleicht sieben oder so?‘
‚Vermutlich.‘
Teese schwieg überrascht von den Offenbarungen ihres Seelentiers. Sie ging an der Mauer des Trainingsplatzes vorbei nach rechts, weiter in Richtung Magieturm.

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