Schicksalslinien (11/16)

Posted on April 28, 2014

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Leicht verunsichert erreichte Teese Magister Nabis Haus. Sie durchquerte das große Ess- und Wohnzimmer und betrat durch die hintere Tür den Garten. Hier schlug ihr ein grellrotes Licht entgegen. Der ganze Garten war davon erfüllt und hüllte Nanus großen Körper und Flecks kleinen daneben vollständig ein.
‚Überraschung‘, lachte Fleck in Teeses Gedanken und das Mädchen musste schmunzeln. Natürlich war ihr Seelentier ihr so nah wie sie sich selbst. Fleck liebte sie selbstverständlich ebenso wie sie ihr Seelentier.
Und Nanu war in gewisser Weise Teeses Tochter. Der Drache hatte sie als Jungtier für seine Mutter gehalten und obwohl Nanu längst verstanden haben musste, dass Teese kein Drache war und somit nicht ihre Mutter sein konnte, hatte das an ihren Gefühlen nichts geändert.
‚Ja, was für ein Glück‘, entgegnete Teese und ging hinüber zum Schuppen. Fleck kam ihr hinterher gehoppelt und Teese hielt ihrem Seelentier die Stalltür auf.
Im Inneren war es schummrig. Alleine mehrere kleine längliche Fenster unter dem Dach ließen Licht in den Stall fallen. Hier lebten mehrere Tiere, magische wie nichtmagische, zwei Schweine ebenso wie mehrere Jungfrauenhühner – Hühner, welche Köpfe von Frauen besaßen anstatt von Vögeln.
Teese hatten diese Tiere bei ihrem ersten Anblick sehr irritiert. Abbildungen von Drachen, Einhörnern und Meerjungfrauen hatte sie aus der alten Welt gekannt, aber Hühner mit Frauenköpfen? Inzwischen wusste sie natürlich, dass es sich bei ihnen um eine Unterart der Harpyien handelte und sie mit Menschen außer dem Kopf rein gar nichts gemein hatten.
Jungfrauenhühner waren Hühner. Sie konnten nicht sprechen und waren nicht sonderlich intelligent. Das einzige, was neben ihren Köpfen an Menschen erinnerte war, dass sie anstatt zu gackern auf eine summende Art und Weise sangen. Das klang sehr hübsch, mehr aber auch nicht. Magister Nabi hielt diese Hühner aus denselben Gründen wegen welcher man alle anderen Hühner auch hielt, wegen der Eier.
Außer den Schweinen und den Jungfrauenhühnern, welche die ständigen Bewohner des Stalls waren, kamen immer mehrere kranke Tiere hinzu, um welche sich Magister Nabi und Seth kümmerten. Zurzeit waren das zwei Schafe, die Magister Narenda gehörten und eine Hufkrankheit hatten sowie das Flügelpferd, das Seth heute früh vom Stall der Fliegenden Pferde herunter geführt hatte.
Inzwischen war es bereits behandelt worden, denn anders als heute früh waren ihm beide Flügel gestutzt und die Gelenke, welche die Flügel mit den Schulterknochen verbanden, waren mit einer grünlichen Paste eingestrichen.
Magister Nabi stand mit einer Schale in der Hand, welche die Reste der grünen Masse enthielt neben Seth, der dem Pferd Haferwürfel fütterte. Sowohl der junge Tiermagier als auch die Magister leuchteten in einem versichernden Rot.
Flaumschnabel stand mit dem Rücken zu Teese und war damit beschäftigt die Mähne des Pferdes kunstvoll einzuflechten. Das war allerdings kaum irgendeine Form der Behandlung oder Therapie, sondern dem Formori-Mädchen war vermutlich eher langweilig.
Teeses Blick blieb ungläubig an ihr hängen. Anders als bei Seth und Magister Nabi war Flaumschnabels Aura weiß, strahlend weiß, heller noch als jene von Magister Felyth.
‚Oh‘, sagte Fleck betroffen.
Flaumschnabel wandte sich um und sah Teese an, die aus einem Impuls heraus ihre Gedanken in eine andere Bahn lenkte – so wie jemand, der bei etwas Peinlichem überrascht worden war, schnell das Thema wechselte.
Flaumschnabel und Seth waren die beiden ersten Personen gewesen, die mit ihr in Gedanken hatte sprechen können. Und Teese wollte auf keinen Fall, dass Flaumschnabel bemerkte, was sie soeben durch den Freundschaftsstein erfahren hatte.
Im Gegensatz zu Magister Felyth hatte das Gefühl der Abneigung nämlich bei Flaumschnabel bisher auf Einseitigkeit beruht. Teese teilte sich mit dem Formori-Mädchen das Zimmer. Sie waren Freundinnen – oder jedenfalls hatte Teese das geglaubt.
„Habt Ihr Liina irgendwo gesehen?“, fragte Teese das erste, was ihr in den Sinn kam, was den anderen erklären konnte, warum sie einfach so in den Stall gekommen war.
„Nina?“, erkundigte sich Magister Nabi gedankenverloren. „Heute früh hat sie Frühstück gemacht, aber seitdem habe ich sie nicht gesehen. Nein.“
„Ist sie nicht in der Bibliothek?“, wollte Seth wissen. Es war die offensichtliche Antwort auf Teeses Frage.
„Ich dachte sie ist vielleicht schon zurück“, erwiderte Teese etwas lahm. „Wir wollten zusammen zu Abend essen.“ Was nicht gelogen war.
„Bei uns?“, wollte Seth wissen. Etwas Hoffnungsvolles lag in seiner Stimme. Er liebte Liinas Essen.
„Nein, in der Taberna.“ Teese vermied es, in Flaumschnabels Richtung zu sehen. „Naja, vielleicht ist sie auch schon oben. Kommst Du mit?“, setzte sie aus Gründen der Höflichkeit hinzu.
Eigentlich wäre es ihr lieber, Seth würde sie nicht begleiten, denn Teese hatte andere Dinge vor als zum Abendessen zu gehen. Und sie hatte Glück.
Seth schüttelte den Kopf. „Später.“
„Okay.“ Teese wandte sich erleichtert zum Gehen. „Dann sehen wir uns später.“
Sie verließ den Stall und atmete einmal tief durch, als sich die Tür hinter ihr schloss. Der Garten lag verlassen da. Nanu hatte sich wohl entschieden, noch eine Runde um Weltenei zu fliegen.
Teese legte den Kopf in den Nacken, konnte aber ihren Drachen nicht entdecken. Alleine Dekan Ezzos Drachen, der beständig seine Kreise über den Inselberg zog, konnte sie ausmachen. Weiter oben flogen zwei Flügelpferde und ein schlangenförmiger Drache, von welchem Teese nicht wusste zu welchem Magier er gehörte.

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