Schicksalslinien (10/16)

Posted on April 25, 2014

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Teese sah sich um. Jeder im Raum strahlte in einem sanften Rot. Selm ebenso wie Gry und Rhia, die Teese eigentlich gar nicht richtig kannte. Auch Glom, der Teese bisher nur durch ein paar dumme Kommentare über andere Schüler aufgefallen war, leuchtete rot. Sein Rot war zudem deutlich kräftiger als das der anderen. Ob das etwas zu bedeuten hatte?
„Alle leuchten rot“, sagte Teese zu Ro. „Aber…“
„…unterschiedlich stark?“, beendete Ro ihren Satz.
Teese nickte.
„Je stärker die Aura leuchtet, desto stärker tendiert ein Mensch zu der einen oder zu der anderen Seite“, erklärte Ro, was Teese bereits vermutet hatte.
Aber dass ausgerechnet Glom eine so stark leuchtende Aura besaß, irritierte sie. Sie hatte nicht gedacht, dass er sie irgendwie sonderlich mögen würde.
„Du kannst den Freundschaftsstein bis morgen behalten“, sagte Ro.
„Wozu?“
Teese verstand natürlich, wie sie diesen Anhänger nutzen sollte. Aber sie war hier auf Weltenei. Die meisten hier waren ihre Freunde. Feinde hatte sie hier keine. Timar war nicht mehr hier. In Awrosch hätte der Stein ihr vielleicht hilfreich sein können. Aber hier auf Weltenei?
Ros Mundwinkel zogen sich bei Teeses Frage zu einem missbilligenden Strich zusammen. „Du bist eine Dekananwärterin“, sagte er. „Und die Zeiten sind unsicher. Denkst Du, Du hast nur Freunde auf Weltenei.“
Teese zögerte. „Eigentlich…“
Ro schüttelte stumm den Kopf und stand auf. „Bring mir den Stein morgen nachmittag zurück.“
Damit ging er hinüber zu Glom und Gry, welche sich zusammen an Ros Zauber versuchten. Teese griff nach dem Anhänger um ihren Hals und strich nachdenklich über den Stein. Dekan Roath hatte sicher viele Feinde gehabt. Aber sie? Ro sollte nicht von sich auf sie schließen.
‚Und wenn er Recht hat?‘
Flecks Stimme in Teeses Kopf kam wie aus dem Nichts. Ihr Seelentier war natürlich immer in Gedanken bei ihr, selbst wenn sie beide räumlich getrennt waren, was den Tag über öfter der Fall war. Weltenei war schließlich ein überschaubarer Ort und egal wo Fleck war, war er nie sehr weit von ihr entfernt. Im Augenblick – Teese musste sich nur kurz auf ihr Seelentier konzentrieren – saß das Kaninchen im Garten von Magister Nabis Haus in der Sonne.
‚Meinst Du denn, es gibt hier Leute, die mich hassen?‘, wollte Teese unschlüssig wissen. Wenn Fleck das ernsthaft in Betracht zog, war das etwas anderes als wenn Ro das vermutete.
‚Wir können nachschauen gehen, oder?‘, stellte Fleck die Gegenfrage. ‚Und Du kannst gleich hier anfangen. Magister Nabi ist mit Seth und Flaumschnabel im Stall. Und wenn Du schon hier bist, kann ich Dich dann begleiten. Ich bin neugierig, ob Ro etwas weiß, was uns bisher entgangen ist.‘
Teese wollte das nicht hoffen, aber Flecks Worte ließen sie zweifeln. Natürlich nicht an ihren Freunden, aber es gab doch noch viele andere Magier auf Weltenei. Und dass sie tatsächlich nicht nur Freunde auf dem Inselberg hatte, musste Teese bereits auf dem Weg hinunter zu Magister Nabis Haus feststellen.
Außer Teese waren noch andere Magier auf dem Weg aus Kopfsteinpflaster unterwegs, der spiralförmig die Insel mehrfach umrundete und von der Anlegestelle der Boote hinauf zur Halle des Lichts und der Taberna führte. Unter den Magiern, welchen Teese auf ihrem Weg den Inselberg hinunter begegneten war einer, der in einem hellen Weiß leuchtete.
Teese sah das Licht bereits, bevor sie ihn erkannte. Als er sie dann aber passierte, musste sie sich eingestehen, dass es sie nicht wirklich wunderte, dass er keine rote Aura besaß. Magister Felyth hielt viel auf seine eigene Magie und viel auf strebsame Schüler. Teese war weder Schriftmagierin noch war sie sonderlich fleißig. Sie war froh gewesen, seinen Unterricht nach Weihnachten nicht mehr besuchen zu müssen.
Sie hätte allerdings auch nicht gesagt, dass sie ihn hassen würde. Er war ihr einfach unsympathisch. Das machte ihn allerdings kaum zu einem Feind. Umgekehrt konnte sie sich auch nicht vorstellen, dass er sie hasste, nur weil sie in seinen Augen faul und nicht sonderlich talentiert war. Vielleicht hätte sie bei ihm keine leuchtend rote Aura erwartet, aber ihn als einen Feind zu betrachten, das kam ihr irgendwie seltsam vor.

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