Schicksalslinien (9/16)

Posted on April 14, 2014

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„Er ist Sympathiemagier“, antwortete Teese nur.
Selm nickte und stellte das Tablett mit dem Saft auf einem der Tische neben Teese ab. „Ich weiß. Ich habe gehört, dass er Dich auch unterrichtet hat.“
„Ja“, sagte Teese.
„Und, hast Du viel von ihm gelernt?“
Teese zögerte kurz. „Ja, er hat mir einige Zauber beigebracht.“
Ro hatte ihr gezeigt, wie man das Wachstum von Pflanzen beschleunigte, die man Pilze aus dem Boden sprießen ließ, wie man ein Feuer machte, indem man seine Hände ineinander rieb oder wie man Blasen an den Füßen heilen konnte. Dinge, die zu lernen sich während der Reise angeboten hatten.
Aber wie man von einem hohen Ort herabschweben konnte, anstatt zu fallen, das hatte er ihr nicht beibringen können. Das hatte Teese selbst lernen müssen.
„Und ich habe gelernt, dass nicht jeder Sympathiemagier dieselben Zauber auf dieselbe Art und Weise anwenden kann“, fügte sie daher hinzu.
Selm nickte. „Das ist eine hervorragende Lektion, findest Du nicht? Jetzt weißt Du nämlich, dass Du Dir manche Dinge selbst erarbeiten musst. Magie ist nicht einfach nur einen Spruch sprechen und Magie fließen lassen. Man muss verstehen, was man machen muss. Was man selbst machen muss. Wie es für einen selbst funktioniert.“
„Ja, das stimmt.“ Teese wurde bewusst, dass ihr das schon einmal jemand erklärt hatte. Vermutlich sogar Selm. Aber wirklich verstanden hatte sie es erst, als sie Ros Schwebezauber eben nicht einfach hatte nachmachen konnte.
Selm schmunzelte und blickte zu Gry, deren Wasser inzwischen komplett verdampft war. Der Raum fühlte sich jetzt irgendwie feucht an, wie in einem Schwimmbad. „Super, Gry“, rief Selm halblaut und ging zu dem Mädchen und Ro hinüber.
Teese blieb etwas unschlüssig stehen. Dann ging sie und holte sich ein Buch über Tiermagie – jener Magie, die sie selbst am liebsten als Talent besessen hätte. Mit dem Buch setzte sich Teese an den Tisch und blätterte noch ein wenig lustlos darin herum.
Sie wurde von der Pflicht entbunden, auch in dem Buch zu lesen, als Ro zu ihr kam und sich ihr gegenüber setzte.
„Du weißt, was ich hier mache?“, fragte er sie an Stelle einer Begrüßung.
„Selm hat gesagt, Du wirst die Alleskönner in Zukunft unterrichten helfen“, antwortete Teese.
„Weißt Du auch, warum?“, hakte Ro nach.
Teese zögerte. Wenn Dekan Ezzo nicht dahinter steckte, wenn Ro von sich aus gekommen war… Welchen Vorteil hatte es, Alleskönner zu unterrichten? Sie sah sich im Raum um. In dem Magiekreis stand jetzt Glom und Gry erklärte ihm, wie der Zauber funktionierte, den Ro ihr eben gezeigt hatte. Das Mädchen sah kurz auf als es Teeses Blick auf sich spürte und lächelte sie an. Teese lächelte zurück. Ihr kam ein Gedanke.
„Weil ich in ihrem Unterricht bin?“, spekulierte sie. Wollte Ro in Wahrheit weiterhin sie unterrichten? Sie war regelmäßig bei den Alleskönnern und wenn er die Alleskönner unterrichtete, dann doch auch sie.
„Weil Du ihnen zu verstehen gibst, dass Du nicht besser bist als sie, indem Du in ihrem Unterricht bist“, korrigierte Ro sie.
Sein Blick maß Teese prüfend. Dann griff er in seinen Nacken und zog das Ende einer Kette hervor, die er unter seiner Robe trug. Er streifte sie über den Kopf und legte sie zwischen sich und Teese auf den Tisch. Die Kette bestand aus feinen silbernen Gliedern ohne einen Verschluss. Dennoch war ein Anhänger an ihr befestigt.
Teese zog die Kette zu sich, um das Schmuckstück besser betrachten zu können. Der Anhänger sah aus wie ein Stein. Ein flacher, milchig weißer Stein mit hellgrauen Punkten, die leicht hervorstanden. Nach außen hin war er dicker, nach innen hin dünner. Im oberen Drittel war der Stein durchlöchert. Wie durch Wind und Wasser.
„Das ist ein Freundschaftsstein“, erklärte Ro. „Ein objektmagischer Gegenstand, der seinem Träger anzeigt, wer ihm wohl gesonnen ist und wer feindlich. Der namenlose Dekan hat ihn immer getragen. Ich habe ihn heute früh das erste Mal seit sehr langer Zeit wieder angelegt.“
Teeses Hand fuhr über den so unscheinbar wirkenden Stein. „Wie funktioniert er?“, wollte sie wissen.
„Hänge Dir die Kette um den Hals, so dass der Stein Deine Haut berührt.“
Teese tat wie ihr gesagt. Der Stein fühlte sich im ersten Moment lediglich kalt an auf ihrer Brust. Erst dann spürte sie das Prickeln am ganzen Körper. Sie sah auf und blickte Ro überrascht an. Sein ganzer Körper war von einem leuchtend roten Streifen umgeben. Eine Art Heiligenschein, der nicht um den Kopf verlief sondern um den Körper – vom Kopf über die Arme und die Beine hinunter.
„Was siehst Du?“, wollte Ro von ihr wissen.
„Einen roten Schein“, antwortete Teese.
„Dann ist Rot Deine Farbe“, sagte Ro. „Du wirst sehen, dass Menschen entweder überhaupt keine Aura besitzen, eine weiße oder eine rote. Menschen mit einer roten Aura sind Dir gut gesinnt oder freundschaftlich gestimmt, jene mit einer weißen nehmen Dir gegenüber eine ablehnende Haltung ein oder sind sogar Deine Feinde. Menschen ohne eine Aura sind neutral. Sieh Dich um.“

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