Schicksalslinien (8/16)

Posted on April 7, 2014

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Jetzt am Nachmittag waren einige Alleskönner-Magier bei Selm, um sich in den verschiedenen Formen der Magie zu üben. Warmes Sonnenlicht fiel einladend in den Raum und ließ die Wandbehänge mit ihren orientalischen Mustern in kräftigen Farben leuchten. An den Tischen im hinteren Bereich des Raums saßen zwei ältere Schüler über ein Buch vertieft. Auf den bunten Sitzkissen davor saßen Rhia und Glom aus Teeses Jahrgang. Rhia war im zweiten Jahr auf Weltenei – ein ausgemergelt wirkendes Mädchen mit schiefen Zähnen, das sich besonders für Schriftzauber interessierte. Sie und Glom verfolgten interessiert eine Vorführung von Magie, die gerade stattfand.
Dafür gab es im Studienzimmer der Universalminimalisten auf den Boden gezeichnete Kreidekreise, welche die Magienutzung für die jungen Alleskönner erleichterte. Teese hatte im letzten Jahr in einem von ihnen ihre Aura-Kugel befüllt.
Nun stand in einem solchen Kreis Gry, mit welcher Teese oft zusammenarbeitete. Die junge Italienerin hatte ihre schwarzen Haare mit einem Haarreif gebändigt und konzentrierte sich auf eine Schale mit Wasser, aus welcher Dampf aufstieg.
Vor der Schale kniete zu Teeses Überraschung nicht Selm sondern Ro. Er trug auf Weltenei wieder die schwarze Magierrobe wie sie alle und die weiße Schärpe, die ihm den untersten Rang unter den Magiern zuwies. Teese überlegte sich zum wiederholten Male wie sehr er diese Schärpe hassen musste.
Sie war sich inzwischen sicher, dass Ro weit mehr Magie wirken konnte als jeder andere, der die Schärpe der neuen Kandidaten trug. Und dass er weitaus mehr über Magie wusste, war ihr auch bewusst. Vermutlich wusste er weitaus mehr über Magie als Dekan Ezzo und Magister Nabi zusammen. Wobei… vielleicht nicht als Magister Nabi, aber er hatte sich unzählige Jahrzehnte mit Magie beschäftigt und mehr gesehen als die meisten Magister auf Weltenei.
Teese blieb stehen und sah zu, was Ro genau machte. Nach Sympathiemagie sah ihr diese Übung nicht aus. Wenn sie es richtig verstand, ließ Ro Gry das Wasser zum Kochen bringen. Das war vermutlich Elementmagie.
Im ersten Moment irritierte Teese das. Ro war wie sie selbst Sympathiemagier. Aber ihr kam gleich darauf in den Sinn, dass Ro hart an der Vergrößerung seines Magiespeichers gearbeitet hatte – mit blutigen Mitteln, wie Teese wusste. Er war dazu über Leichen gegangen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wozu hätte er dies aber machen sollen, wenn nicht dazu, mit diesem erweiterten Magiespeicher andere Magie als die seines Talentes zu nutzen?
Sympathiemagie kostete Ro immerhin genauso wenig Kraft wie Teese. Kraft brauchte man nur für talentfremde Magie. Das hatte Teese bereits deutlich zu spüren bekommen. Sie hatte bereits genug Übungen bei den Alleskönnern absolviert, um das zu wissen.
Sie hatte gedacht, sie sei die einzige, die sich neben ihrem Talent noch mit anderen Magieformen beschäftigt. Aber Ro, Dekan Roath, hatte genau dasselbe getan. Auch er hatte sich andere Magiearten angeeignet, sie gemeistert.
Teese erinnerte sich unwillkürlich an Ros Zweikampf mit Magister Pim, der versucht hatte, ihn aus der Reserve zu locken, um zu sehen, über wieviel Magie Ro verfügte. Das war im letzten Jahr gewesen.
Teese versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was Magister Pim gesagt hatte. Dass er hoffte, einmal gegen Ro von Magier zu Magier anzutreten? Etwas in der Art. Und Ro? Ro hatte geantwortet, dass er dies nicht hoffe. Und Teese war sich sicher, dass er dies nicht deshalb hoffte, weil er fürchtete, Magister Pim sei ihm überlegen. Vermutlich eher das Gegenteil.
Sie hatte sich so an Ro gewöhnt. Und sie war sich sicher, dass er in ihr inzwischen so etwas wie eine Tochter sah… eine Tochter, die er nie gekannt hatte. Sie war seine Ur-Enkelin. Ur-Enkelin mit vielen Ur-Vorsilben davor, denn Ro war sehr alt.
Teese war sich sicher, dass Ro seine Magie – egal über wieviel er noch gebieten mochte oder irgendwann einmal wieder besitzen mochte – nie gegen sie einsetzen würde. Aber andere Magier? Wenn es nötig sein würde…
Sie schüttelte unwillig den Kopf. Was waren das denn für dunkle Gedanken? Aber sie konnte den Gedanken an Timar nicht abschütteln und das, was er ihr prophezeit hatte. Dass es einen Krieg geben würde und Teese in diesem Krieg andere töten würde. Wenn es wirklich soweit kommen würde, dann würde Ro vermutlich…
„Na, was hältst Du von meinem neuen Aushilfslehrer, Teese?“, unterbrach Selm Teeses düstere Gedanken.
Die Lehrerin der Alleskönner war die Treppe herauf gekommen, ein Tablett mit Saftgläsern vor sich her tragend. Sie war neben Teese stehen geblieben und sah wie das Mädchen zu Gry und Ro.
„Ro?“, wollte Teese verwundert wissen. „Er wird uns unterrichten?“
Natürlich war es das, was er gerade mit Gry machte. Aber Teese hatte gedacht, er wäre zufällig vorbei gekommen und hätte die Gelegenheit genutzt, dem Mädchen etwas zu zeigen. Eigentlich ein dummer Gedanke. Das war einfach nicht Ros Art. Natürlich machte er das hier auf Ansage von Dekan Ezzo – dachte Teese jedenfalls. Doch Selm belehrte sie erneut eines Besseren.
„Er hat mir ganz unerwartet angeboten, sein Wissen mit uns zu teilen“, sagte Selm. „Bisher hat er uns Alleskönner immer gemieden. Ich dachte eigentlich, er hat dieselben Vorurteile und Dünkel wie fast alle Talentträger – Dich einmal ausgenommen.“
Sie lächelte Teese amüsiert an. „Aber offenkundig habe ich ihm da Unrecht getan. Er weiß unglaublich viel über alle möglichen Arten von Magie. Wüsste ich es nicht besser, würde ich sagen, er ist selbst ein Alleskönner.“
Teese lächelte nun ebenfalls amüsiert. Dekan Roath hätte das überhaupt nicht gerne gehört. Teese war sich sicher, dass er sehr stolz auf sein Talent gewesen war, das besonders ausgeprägt gewesen sein musste. Dass er sich zusätzlich mit anderen Formen der Magie beschäftigt hatte, lag nur daran, dass er noch weitaus mehr Macht gesucht hatte, als ihm sein Talent ermöglicht hätte.

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