Schicksalslinien (7/16)

Posted on März 31, 2014

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Elgin schmunzelte. „Perfekt. Warte, ich trockne Dich schnell.“
Er griff nach einer Stofffalte von Teeses Magierrobe und Wasser floss aus ihr heraus als würde man sie direkt an ihrem Körper auswringen. Es war kaum mehr als ein Eimer voll, der das Boot füllte, während Teese trocknete.
Elgin schöpfte das meiste davon mit den Händen zurück ins Meer. Teese setzte sich auf die Ruderbank und holte die Aura-Kugel aus ihrer Tasche, um sie genauer zu betrachten. Wie sie bereits unten auf dem Meeresboden gesehen hatte, war sie vollkommen leer.
„Und, spürst Du etwas Ungewöhnliches?“, wollte Elgin von ihr wissen. Auch er hatte sich wieder gesetzt und sah zu wie Teese die Aura-Kugel untersuchte.
Teese versuchte Magie zu spüren, doch ihre Hände kribbelten nicht einmal ansatzweise. Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Für mich ist das einfach nur eine leere Aura-Kugel.“ Sie reichte Elgin die Kugel.
Er nahm sie entgegen und hielt sie prüfend gegen das Licht als könne er dadurch irgendetwas in ihrem Inneren sehen. Er schüttelte den Kopf. „Ich spüre auch nichts“, sagte er dann. „Und das dürfte nicht der Fall sein. Aura-Kugeln sind magische Gefäße. Selbst wenn sie leer sind, sollten man noch die Magie in ihnen spüren, die bei ihrer Erschaffung hinein geflossen ist.“
Er steckte die Kugel vorsichtig in seine grüne Robe. „Vielleicht kann Dekan Ezzo Licht ins Dunkel bringen. Immerhin hat er sie gefertigt.“
Teese nickte, als ihr bewusst wurde, dass sie das vielleicht nicht gewusst hatte, dass es aber Sinn machte. Dekan Ezzo war Objektmagier. Wer sonst hätte die Aura-Kugeln für die neuen Schüler fertigen sollen?
„Rudern wir zurück“, entschied Magister Elgin.
Er griff nach den Rudern und das Boot setzte sich in Bewegung. Teese blickte Weltenei entgegen, während er das Boot zurück zur Insel ruderte. An der Mole vertäuten sie das Boot und machten sich auf den Weg nach oben.
„Pims Unterricht ist für heute wohl beendet“, sagte Elgin zu Teese. „Was hast Du heute noch zu tun?“
Teese zuckte mit den Schultern. „Unterricht habe ich keinen mehr.“
„Was sagt Dein Plan?“, wollte ihr Tutor wissen.
„Private Studien“, sagte Teese mit einem inneren Seufzer. Sie hatte gehofft mit zu Dekan Ezzo gehen zu können oder wenigstens ins Hospital, um nach den beiden Jungen zu sehen. Aber Magister Elgin war wohl der Meinung, dass das Schwänzen wäre.
„Und was hast Du für Deine privaten Studien vorgesehen?“, hakte Elgin nach.
Teese zuckte erneut mit den Schultern. „Ich könnte zu Selms Unterricht gehen“, sagte sie schließlich. Sie würde sich nach der ganzen Aufregung sicherlich nicht auf ein Buch konzentrieren können.
„Das finde ich eine gute Idee“, unterstützte Elgin sie. „Ich werde in der Zwischenzeit bei Pim und Noan vorbeischauen, um zu hören, wie es den Zwillingen geht und danach Dekan Ezzo die Aura-Kugel bringen.“
Teese beließ es bei einem wenig begeisterten „Hm“.
Magister Elgin lachte. „Keine Sorge. Du wirst nichts verpassen. Dekan Ezzo wird die Kugel sicher erst einmal untersuchen wollen und Magister Mintal wird heute sicher niemandem erlauben, Rin und Nir zu besuchen.“
Magister Elgin hielt inne. Er öffnete den Mund leicht und Teese sah, wie er nachdenklich mit seiner Zunge an den Schneidezähnen entlang fuhr als habe er etwas gegessen, das merkwürdig geschmeckt hatte.
„Rin und Nir“, wiederholte Teese langsam.
Magister Elgin schloss seinen Mund und nickte. „Es sind zwei“, sagte er bedächtig. „Natürlich. Es waren von Anfang an zwei Jungen.“
Teese konzentrierte sich auf Rinnirs Namen. „Rin und Nir“, sagte sie aber nur erneut.
Auch sie hatte jetzt das merkwürdige Gefühl, dass ihr Mund etwas anderes sagte als sie wollte.
„Anscheinend waren sie bisher nie ganz alleine auf Weltenei“, sagte Elgin gedankenverloren. „Zwillinge sind ein interessantes Forschungsgebiet.“
Teese versuchte sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass die beiden Jungen nun getrennte Namen besaßen. Sie konnte sogar die Gesichter den Namen zuordnen als wäre es immer so gewesen. So funktionierte Magie.
„Rin war zuerst da“, sagte Elgin. Auch er schien gerade darüber nachgedacht zu haben, wer von den beiden Jungen wer war. „Deswegen muss er die erste Namenssilbe bekommen haben. Nir ist der Junge von diesem Jahr.“
Teese dachte an Nereja, das Seelentier der beiden Jungen, von welchem nun nur noch eine leere Aura-Kugel übrig war. Zwei Köpfe in einem Körper. So lange Rinnir auf Weltenei gewesen war, war nur ein Kopf zu sehen gewesen, aber beide waren da gewesen. Mit dem Namen musste es genau umgekehrt sein. Man hatte immer beide Silben gesprochen aber nur einer der Jungen war auf Weltenei gewesen.
„Höchst interessant“, sagte Elgin. „Magister Jerv wird das sicher genauer untersuchen wollen.“
Teese überlegte, dass Liina die Zusammenhänge zwischen den beiden Jungen und den Namen sicherlich auch interessierte. Bestimmt würde sie mit ihrem Tutor darüber sprechen. So gesehen würde Teese früher oder später erfahren, was Magister Jerv dazu herausfinden würde, denn Liina würde es ihr sicher erzählen.
An Selms Haus verabschiedete sich Teese von Magister Elgin und machte sich daran, sich vor dem Abendessen noch um ihre privaten Studien zu kümmern.

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