Schicksalslinien (6/16)

Posted on März 28, 2014

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Er schob die Arme seiner Robe nach oben und streckte beide Arme ins Wasser. „Schauen wir mal“, murmelte er konzentriert.
Ein Moment verging, dann hellte sich sein Gesicht auf. „Ruder ein wenig nach links, von Dir aus gesehen und in meine Richtung.“
Teese griff nach den Rudern und setzte das Boot in Bewegung. Sie ruderte, Elgin saß da, halb über den Bootsrand gelehnt, die Arme im Wasser als wolle er sie kühlen. Teese versuchte zu verstehen, wie er die leere Aura-Kugel spüren konnte. Wie würde sie diese Kugel suchen? Wie würde sie sie an die Oberfläche holen?
„Langsam jetzt“, befahl Elgin. „Gleich sind wir auf der richtigen Höhe.“
Teese ließ die Ruder ins Wasser hängen, so dass das Boot seine Fahrt verlangsamte.
„Gut, hier muss sie sein.“ Elgin zog seine Hände zurück und richtete sich auf. „Das Meer ist hier schon recht tief“, sagte er zu Teese. „Ich kann die Kugel freilegen und Dir einen Weg bahnen, aber Du wirst nach unten gehen müssen, um die Kugel zu holen.“
Teese schluckte. „Nach unten gehen?“
„Ich werde einen Weg schaffen“, sagte Elgin. „Ich habe das bereits zuvor gemacht. Keine Angst. Ich arbeite mit meinem Talent.“
Teese verstand, was er meinte. Das eigene Talent verbrauchte keine Magie. Was auch immer ihr Tutor zu machen gedachte, würde ihn keine Kraft kosten. Er könnte die gewünschte Magie beliebig lange wirken.
„Ich habe keine Angst“, sagte Teese entschieden.
Vor wenigen Tagen war sie in einer brennenden Burg gefangen und ihr Leben in größter Gefahr gewesen. Dort hatte sie auch keine Angst gehabt. Was sollte sie also hier fürchten? Magister Elgin war bei ihr und er war einer der besten Magier von Weltenei.
„Gut, dann halte Dich bereit“, sagte er zu ihr.
Elgin lehnte sich wieder nach vorne. Er legte seine Handflächen aneinander und hielt die Oberarme dicht beieinander. Als würde er ein Schwert in beiden Händen führen, um das Meer zu zerschneiden, senkte er seine Arme in das Wasser.
Teese beobachtete interessiert, wie Elgin Magie wirkte, während er seine Arme auseinander bewegte. Das Wasser wich mit ihnen zur Seite. Einen Moment glaubte Teese hier wäre Sympathiemagie im Spiel. So hätte auch sie das Wasser teilen können. So wie sie ihre Arme zu jeder Seite bewegt hätte, hätte sie das Wasser bewegt.
Magister Elgin allerdings war kein Sympathiemagier. Und wenn er sein Talent nutzte, so hieß das, dass er Elementmagie nutzte. Er bewegte das Wasser direkt, weil es Wasser war und das Wasser ihm gehorchte.
Teese sah fasziniert zu, wie ein Spalt entstand, während das Meer zu beiden Seiten zurückwich, bis hinunter zum Meeresboden. So musste es gewesen sein, als Moses das Rote Meer geteilt hatte. Teese sah hinunter in die Tiefen des Meeres, dessen Wasser der Magie ihresTutors folgend zur Seite wich.
Direkt am Boot bildete das Wasser einen Abhang, der hinunter führte. Das war der Weg nach unten. Teese schwang ihre Beine über den Bootsrand. Es war eine gewaltige Rutschbahn aus Wasser, die sich vor ihr ausbreitete, bis hinunter auf den Meeresgrund.
„Soll ich?“, fragte sie sicherheitshalber und sah zu Elgin.
Der Magister nickte. „Ja. Aber vorsichtig. Es ist immer noch Wasser.“
Teese seufzte und ließ sich in das kalte Wasser gleiten. Ja. Es war immer noch Wasser und keine Rutsche. Sie versank in ihm bis zum Hals wie in ganz normalem Wasser. Es war kalt und sie schwamm mehr bergab als dass sie rutschte. Es war ein merkwürdiges Gefühl, vor allem wegen der senkrechten Wasserwände rechts und links von ihr. Tonnen eisigen Wassers bildeten eine Grube im Meer. Ein großes, rechteckiges Loch.
Teese landete sanft auf dem Boden des Meeres und machte einen Schritt aus ihrer Wasserrutsche heraus. Der Boden war sandig und mit Steinen übersät. Der Sand war feucht und kompakt. Beruhigt ging Teese ein paar Schritte und ließ ihren Blick über die Wasserwände zu ihren Seiten gleiten.
Es war als würde man in ein Aquarium blicken, nicht von oben, sondern von der Seite. Es war allerdings ein riesiges Aquarium und die Sicht verschlechterte sich nach wenigen Metern bereits so sehr, dass das Meer genauso schwarz wirkte wie von oben. Ein paar Fische schwammen verwirrt an der Wasserwand entlang. Ansonsten aber gab es nichts für Teese zu sehen. Dennoch war es faszinierend. Allerdings hatte sie hier unten andere Dinge zu tun als das Meer zu betrachten..
Teese riss ihren Blick von der Wasserwand los und begann den Boden abzusuchen. Die Kugel war nicht allzu schwer zu finden. Es war eine faustgroße Glaskugel und sie wirkte eindeutig fehl am Platz.
Teese hob die Aura-Kugel vorsichtig auf. Sie war tatsächlich leer und zwar vollkommen. Teese schob die Kugel in die Tasche ihrer klitschnassen Robe.
„Ich habe sie“, rief sie nach oben.
„Gut. Ich hole Dich nach oben“, rief Elgin nach unten. „Ich fülle das Wasser von unten auf, so dass Du einfach aufschwimmen wirst.“
„Okay“, bestätigte Teese und atmete tief durch.
Wasser umspülte im nächsten Moment ihre Füße. Das Becken, das Elgin geschaffen hatte, füllte sich von unten mit Wasser. Es war wie in einer Schleuse, die sich langsam mit Wasser füllte und ein Schiff in ihr mit dem steigenden Wasserstand nach oben treiben ließ.
Teese schwamm nach wenigen Augenblicken bereits meterhoch im Wasser und hob sich mit ihm dem Boot entgegen. Wenig später lag das Meer wieder auf seiner ursprünglichen Höhe und Teese konnte sich zurück in das Ruderboot ziehen.

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