Schicksalslinien (5/16)

Posted on März 24, 2014

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Teese ließ die Ruder ins Wasser hängen und drehte sich um. Über das Meer glitten zwei Fliegende Pferde begleitet von einem majestätischen Greif. Nie zuvor hatte Teese Magister Pims Seelentier fliegen sehen. Natürlich hatte der massive Löwekörper den Kopf und die Flügel eines großen Greifvogels. Aber dennoch war er auf Weltenei nie geflogen.
Nun über dem Meer flog der Greif mühelos und pfeilschnell, die Tatzen eng an den Körper gepresst wie eine schlafende Katze. Sein langer Löwenschwanz peitschte hinter ihm wie eine Schlange, die sich durch den Sand wand.
Auf seinem Rücken saß Magister Pim nach vorne gelehnt wie ein Reiter auf einem Springpferd, das soeben eine Zweifach-Kombination sprang. Hinter ihm saß Magister Elgin, einen Arme um den Oberkörper des Waffenlehrers geschlungen, um sich auf dem Greifen halten zu können. Der andere Arm deutete über Magister Pims Schulter nach vorne.
Er musste das Ruderboot entdeckt haben, kaum dass Teese es in die neue Welt hinüber gerudert hatte und der Greif hatte sofort in ihre Richtung abgedreht und beschleunigt. Teese hatte nur wenige Augenblicke, um das Seelentier und seine beiden Reiter wahrzunehmen, schon schwebte der Greif über ihnen.
Magister Elgin sprang von dem Tier, direkt neben das Boot ins Wasser. Teese rutschte eilig weiter nach hinten in das Boot, als ihr Tutor sich in das Boot stemmte und den bewusstlosen Gabriel auf den Arm nahm. Das Boot schaukelte erneut bedrohlich, doch Magister Elgin balancierte geschickt und hielt anscheinend mühelos sein Gleichgewicht als hätte er sein Leben auf einem kleinen Fischerboot mit dem Auswerfen der Netze verbracht.
Magister Pim lehnte sich auf dem Greifen leicht nach vorne und nahm Elgin den Jungen ab, ohne dass ein Wort zwischen den beiden Magistern gesprochen worden wäre. Der Greif drehte schnell ab und flog in Richtung Weltenei.
Ein Flügelpferd kam nun an seiner Stelle herangeflogen. Auf seinem Rücken saß Lizentiat Noan, der seinem Bruder mit einem der Fliegenden Pferde gefolgt war. Elgin wandte sich Daniel zu, der verstört im Heck des Bootes hockte.
„Möchtest Du mit Lizentiat Noan Deinem Bruder hinterher fliegen oder mit uns zurückrudern?“, wollte er von dem Jungen wissen.
Daniel starrte ihn einen Moment einfach nur an, dann nickte er langsam. „Ich will zu meinem Bruder.“
Elgin nickte ernst. „Gut, ich hebe Dich hoch.“
Er umfasste Daniel an der Hüfte und hob ihn nach oben, dem Flügelpferd und Noan entgegen, als wäre Daniel nicht schwerer als ein paar Bücher, die man auf ein Regal legen wollte. Noan griff den Jungen mit derselben Leichtigkeit und setzte ihn vor sich auf das Pferd. Beide Magier mussten Magie nutzen und zwar so selbstverständlich und alltäglich, wie Teese es noch nie auf Weltenei beobachtet hatte.
Das Flügelpferd drehte bei und flog mit gewaltigen Flügelschlägen dem Greif hinterher in Richtung Weltenei. Magister Elgin sah ihnen einen Moment nach und setzte sich dann auf die Ruderbank. „Erzähl mir, was passiert ist“, forderte er Teese auf.
Erleichterung durchströmte Teese in diesem Moment. Die beiden Jungen waren in Sicherheit und beide würden ganz sicher wieder völlig gesund werden, selbst wenn Gabriel noch eben nicht den Anschein gemacht hatte. Aber auf Weltenei würde sich Magister Mintal um die Jungen kümmern und sie konnte jeden heilen. Das hatte sie selbst gesagt. Jeder, der gesund werden wollte, würde es auch.
Das Mädchen atmete tief durch und erzählte Elgin, wie Daniel zu ihr gekommen war, wie sie mit dem Boot zu Gabriel gerudert waren, das Gespräch der Brüder und wie Gabriel das Seelentier ins Meer geworfen hatte. Sie starrte auf das ruhig daliegende dunkle Wasser, in welchem die Schildkröte versunken war und das noch vor wenigen Augenblicken vor Magie golden geschäumt hatte.
„Es hat sich einfach aufgelöst“, sagte Teese ein wenig fassungslos aufgrund dieser Tatsache. „Die Magie ist einfach entwichen und die Jungen sind unter das Boot geraten und…“ Sie zuckte mit den Schultern.
„Du bist ihnen hinterher gesprungen und hast sie herausgeholt“, sagte Magister Elgin.
Teese nickte beklommen bei der Erinnerung daran.
„Aber wir waren auf der anderen Seite und ich wusste nicht, ob ich es schaffe, uns zurück zu rudern. Daniel war… Er weiß nichts mehr über Weltenei. Er hat alles vergessen.“
Magister Elgin lehnte sich über den Bootsrand und blickte wie Teese hinab in die Tiefen des Meeres. „Eigentlich sollte es nicht möglich sein, ein Seelentier so einfach zu vernichten“, sagte er. „Aber alles spricht dafür.“ Er sah zu Teese. „Wir sollten die Aura-Kugel bergen.“

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