Schicksalslinien (4/16)

Posted on März 17, 2014

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Sophie holte tief Luft und tauchte unter das gekenterte Ruderboot. Sie öffnete die Augen, in welchen sofort das Salz brannte. Gabriel hing unter dem Boot fest, wie Daniel mit dem Rücken nach oben. Kopf und Beine hingen nach unten, die Arme waren ausgebreitet, einer war in Sophies Richtung ausgestreckt. Sie griff mit der rechten Hand danach und mit der linken nach dem Bootsrand, um sich festzuhalten.
Sophie zog Gabriel unter dem Boot hervor. Sein Körper war anders als der Daniels nicht verkrampft, sondern hing schlaff im Wasser. Sophie umschlang ihn an der Brust, so dass sein Kopf auf einer Höhe mit ihrem war. Sie ließ das Ruderboot los und schob Gabriels Kopf in den Nacken, so dass er nicht ins Wasser hängen konnte.
Jetzt musste sie den Jungen erst einmal in das Boot zurück bekommen und dann… dann musste sie sehen, was ihm fehlte. Sie hatte Fenn Heilmagie wirken sehen, als Seth fast im Schwimmbecken ertrunken wäre. Ihr würde schon etwas einfallen, wie sie mit ihrer Magie ein ähnliches Ergebnis erreichen konnte. Vielleicht hatte auch Fleck eine hilfreiche Idee. Seltsam eigentlich, dass ihr Seelentier die ganze Zeit über so still war.
Sophie lauschte in sich hinein und erst in diesem Moment merkte sie, dass sie ganz alleine war. Erschrocken sah sie auf und wandte den Blick hilfesuchend zurück zum Inselberg. Ein massiver Damm verband das Festland mit der Insel. Sie waren in der alten Welt. Die Boote waren in Richtung Ufer getrieben worden.
„Gabriel!“
Der schrille Schrei aus Daniels Mund ließ Sophie zusammenzucken. Der Junge im Boot hatte sich aufgerichtet und sah panisch zu Sophie und seinem Bruder.
Sophie umfasste Gabriel fester und schwamm auf dem Rücken mit ein paar Beinschlägen in Richtung des zweiten Bootes. Daniel beugte sich vor, bevor Sophie ihn bitten konnte, ihr zu helfen.
„Gabriel“, wiederholte er keuchend und zog seinen Bruder zu sich ins Boot.
Sophie hielt sich am Rand fest und schöpfte erst einmal Atem. Dann stemmte sie sich in einem letzten Kraftakt nach oben und hievte ihren Körper in das Boot zurück, das sich dabei gefährlich zur Seite neigte. Sophie spürte das harte Holz gegen ihren Körper und jeglicher Wunsch einfach kurz liegen zu bleiben und sich zu erholen verpuffte auf der Stelle.
Sie ging auf alle Viere und kletterte auf die Ruderbank. „Wir brauchen Hilfe“, sagte sie zu Daniel. „Ich rudere das Boot ein Stück zurück, damit…“
Sie verstummte als sie Daniels irritierten Blick bemerkte. „Ich kenne Dich… von der Schule“, sagte er langsam. „Was ist passiert? Gabriel wollte mich besuchen und wir wollten… nach Hause.“ Er kniff die Augen zusammen. Sein Bruder lag regungslos in seinem Schoß.
Sophie griff nach den Rudern. Sie waren in der alten Welt. Das Seelentier der beiden Jungen war zerstört worden. Daniel konnte sich an nichts erinnern, was im Entferntesten mit Magie zu tun hatte. Und vielleicht würde er das auch nie wieder können.
Sophie begann zu rudern. Das Boot war schwer mit ihnen drei an Bord und bewegte sich bei den ersten Schlägen kaum merklich vorwärts. Doch weit konnte es in die neue Welt nicht sein. Sophie verdrängte den Gedanken daran, dass sie den Übergang vielleicht nicht schaffen konnte, ihn vielleicht nicht finden konnte.
Sie hatte es schon einmal geschafft, an einer Stelle an welcher es nicht einmal einem der anderen Magier möglich gewesen war. Sie musste es hier einfach schaffen. Denn bis sie ganz ans Ufer gerudert sein würden, wäre viel Zeit vergangen. Bis sie dann einen Notarzt alarmiert hätten, wäre zu viel Zeit vergangen.
Von Weltenei hingegen konnte Hilfe sofort kommen. Mit einem der Fliegenden Pferde würde jemand in zwei oder drei Minuten bei ihnen sein können – wenn Teese nicht selbst Magie wirken konnte.
Das Boot beschleunigte mit jedem Ruderschlag als würde es Teeses Eile verstehen und teilen. Magie kribbelte in ihren Fingern als sie die Ruder im Takt schlug. Teese musste nicht über ihre Schulter zur Insel zurücksehen, um zu verstehen, dass sie den Übergang geschafft hatte.
‚Teese‘, rief Fleck überlaut in ihre Gedanken. ‚Teese, was ist passiert?‘
Teese brauchte keine Worte, um ihr Seelentier an dem Teil haben zu lassen, was gerad geschehen war. Fleck verstand es im Bruchteil eines Augenblicks.
‚Wir brauchen Hilfe‘, unterrichtete Teese ihr Seelentier dennoch eilig. ‚Ich werde so lange versuchen…‘
‚Hilfe ist schon unterwegs‘, unterbrach Fleck sie ruhig. ‚Dreh Dich um.‘

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