Schicksalslinien (3/16)

Posted on März 14, 2014

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Teese atmete tief durch. „Aber wenn Ihr weder in der alten noch in der neuen Welt beide zusammen auf eine Schule gehen könnt“, begann sie. „Was macht es dann für einen Unterschied, wenn Daniel hier bleibt und Du in der alten Welt? Ihr werdet Euch in den Ferien sehen. So oder so.“
„Und danach?“, wollte Gabriel wissen. „In sieben Jahren sind wir alt genug zu tun, was wir wollen. Dann können wir zusammen bleiben – in der alten Welt.“
„In der neuen könntet Ihr das dann auch“, hielt Teese dagegen. „Und viel mehr noch. Ihr könntet dort viel länger zusammen bleiben als in der alten. Magier sind praktisch unsterblich. Ich kenne Magier, die sind hunderte von Jahren alt.“
„Das ist wahr, Gabriel“, pflichtete ihr Rinnir bei. „Nichts würde uns mehr trennen können.“
Teese hatte das Gefühl, dass Gabriel zu schwanken begann. Es ging hier nicht um falsche und richtige Entscheidungen. Moralische Vorstellungen. Das waren nur vorgeschobene Argumente. Was für Gabriel alleine zählte war, mit seinem Bruder zusammen zu sein. Das hatte er von Anfang an gewollt. Das war das Ziel seines Plans gewesen, mit seinem Bruder den Platz zu tauschen. Auch wenn Teese nicht ganz verstand, wie er das hatte erreichen wollen.
„Wir würden sie alle überleben, Gabriel“, fuhr Rinnir fort. „Wir müssten nicht wieder nach Hause, nach Hause zu unseren Eltern. Wir könnten einfach hier bleiben. Du und ich.“
Gabriel erhob sich, die Schildkröte auf seinem Arm. „Ich kann nicht dorthin zurück gehen“, sagte er entschieden. „Aber Du kannst mit mir kommen. Und Du brauchst keine Angst zu haben, Du wirst nichts vermissen, das verspreche ich Dir. Wenn das die einzige Möglichkeit ist, dass Du bei mir bleibst, dann vergesse ich lieber alles, was ich weiß.“
Er hob die Schildkröte über den Bootsrand und dann ließ er sie fast achtlos los. Teese hatte das nicht kommen sehen, anders als Rinnir. Der Junge hechtete aus ihrem Boot hinüber zu seinem Bruder. Doch auch er war nicht schnell genug. Er verfehlte das fallende Seelentier. Teese hörte ein leises Klatschen, als die Schildkröte auf dem Wasser aufschlug und im Meer versank.
Einen Augenblick glaubte Teese, die Schildkröte würde einfach davon schwimmen, doch das Seelentier besaß die Form einer Landschildkröte, nicht die einer Meeresschildkröte. Sie sank wie ein Stein in die Tiefe.
Teeses Boot schwankte bedrohlich von Rinnirs Sprung. Und Teese hielt sich instinktiv am Rand des Bootes fest, das zwar heftig wackelte, aber nicht kenterte. Das andere Boot allerdings schaffte es nicht, ebenso ruhig zu verharrten.
Gabriel hatte gestanden, Rinnir war gesprungen und anstatt die Schildkröte fangen zu können war er mit seinem Bruder zusammen gestoßen. Beide Jungen fielen mit einem gemeinsamen Aufschrei dem Seelentier hinterher ins Wasser.
Das Boot folgte der Bewegung der Jungen. Wasser schwappte in es hinein und es drehte sich zur Hälfte um sich selbst, so dass der Kiel nach oben ragte. Ein Ruder blieb auf dem Wasser liegen, das andere sauste an Teeses Kopf vorbei. Wasser spritzte auf und goldleuchtende Luftblasen blubberten wie in einem beleuchteten Whirlpool um das Boot herum an die Oberfläche.
Das Seelentier löste sich auf. Teese verstand nicht, wie das möglich war. Fleck hatte schon oft Wasser abbekommen. Nie hatte das ein Problem dargestellt. Sie streckte sich in Gedanken nach ihrem eigenen Seelentier und spürte wie dünn die Verbindung zwischen ihnen war. Sie waren an der Grenze der Welten.
Ein gewaltiger Schlag erschütterte das gekenterte Ruderboot von unten, so dass es erzitterte. Dann tauchte Daniel aus dem brodelnden Meer auf, mit dem Rücken nach oben. Sophie erwachte aus ihrer erschrockenen Starre, glitt auf die Knie und versuchte den anscheinend bewusstlosen Jungen in das Boot zu ziehen. Über den Rand hinweg war das unglaublich schwer. Sein Körper fühlte sich steif und hart an als würden sich alle seine Muskeln gleichzeitig verkrampfen.
Im Meer unter ihnen löste sich das Seelentier auf und verlor seine Form. Magie strömte aus der Aura-Kugel heraus, ohne dass Sophie verstand, warum das so war. Aber ihr wurde klar, dass dies zu Gabriel Plan gehört hatte. Er hatte das Seelentier zerstören wollen, damit keiner von ihnen sich jemals wieder an Weltenei erinnern konnte. Und wie Roath bei der Zerstörung seines Seelentiers, mussten nun auch Gabriel und Daniel den Preis dafür bezahlen in Form von unbändigen Schmerzen.
Sophie schaffte es schließlich, Daniel in das Boot zu wuchten. Gabriel war nirgends zu sehen. Sophie zögerte nicht länger. Sie streifte ihre Schuhe ab und glitt über den Bootsrand ins Wasser.
Die Sonne und der blaue Himmel, welche bereits ein Gefühl von Sommer hatten aufkommen lassen, waren irreführend gewesen. Das Wasser war eiskalt wie das Tauchbecken an der Schwitzhütte auf dem Magieberg. Das Meer war dunkel und ruhig. Keine Magie stieg mehr auf.

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