Schicksalslinien (2/16)

Posted on März 10, 2014

0


***

Die beiden Boote lagen nebeneinander auf der spiegelglatten Oberfläche des Meeres. Auf der einen Seite von ihnen lag Weltenei. Der Burgberg ragte hoch aus dem Meer empor. Häuser aus grauem Stein wanden sich dem Weg folgend um den Berg nach oben, wo auf der Spitze der Magieturm alles überragte. Der goldene Engel mit den Gesichtszügen von Dekan Roath hielt seine Schwerter über dem Kopf gekreuzt und glänzte in der Sonne.
Doch wenn man genau hinsah, dann sah man bereits etwas anderes auf dem Inselberg. Eine zweite Insel mit anderen Häusern, auch aus grauem Stein, aber anders von ihrer Bauweise. Es war als lägen zwei Bilder so perfekt übereinander, dass sie eins ergaben.
Auf der anderen Seite der Boote war es nicht anders. Dort lag die französische Küste. Sophie konnte dort Autos sehen, die auf dem großen Parkplatz standen. Teese aber konnte die Häuser von Thorhafen sehen. Beides war gleichzeitig dort. Die Boote befanden sich genau auf der Grenze zwischen den Welten, in jenem schmalen Korridor, den man mit wenigen Ruderschlägen verlassen konnte, in die neue oder in die alte Welt.
Teese fragte sich einen Moment, wie Rinnir es geschafft hatte, sein Boot genau hierher zu rudern, genau in die Mitte, keinen Meter zu weit in die eine oder andere Richtung. Doch dann wurde ihr klar, dass er nicht weiter konnte. Er hatte das Seelentier bei sich und das Seelentier konnte die Grenze nicht überschreiten. Deswegen hing das Boot hier fest und das von Rinnir und ihr lag nun direkt daneben.
Beide Rinnirs saßen in ihrem Boot mit dem Rücken zum französischen Festland, den Blick nach Weltenei gerichtet. Teese saß ihnen gegenüber in ihrem Ruderboot und blickte gegen das Festland, in ihrem Rücken lag die Insel der Magier. Sie konnte sie spüren wie warme Sonnenstrahlen auf ihrem Rücken. Als wolle die Insel ihr den Rücken stärken, als wolle die Magie sie unterstützen.
„Hallo Sophie“, sagte Rinnir zur Begrüßung. Er lächelte und Teese wurde bewusst, wie blind sie gewesen war, dass sie dieses Lächeln mit dem seines Bruders je hatte verwechseln können.
„Hallo Gabriel“, sagte sie.
Der Junge nickte und sah zu seinem Bruder. „Steig zu mir ins Boot, Daniel. Wir wollen nach Hause.“
Doch Rinnir schüttelte zaghaft und doch bestimmt den Kopf. „Ich will nicht nach Hause“, sagte er. „Nach Hause, das ist bei unseren Eltern. Dorthin willst Du doch auch überhaupt nicht. Warum kommst Du also nicht mit Teese und mir?“
„Weil das die Seite der Lügner ist“, sagte Gabriel. „Die Seite der Blender.“
„Das ist nicht wahr“, entrüstete sich Daniel. „Die neue Welt sorgt dafür, dass die alte überhaupt lebt und gedeiht.“
„Weil die Magier sie so geschaffen haben“, hielt Gabriel dagegen. „Sie haben es so eingerichtet. So, dass sie unbehelligt ihre Macht ausüben können.“
Rinnir sah hilfesuchend zu Teese. Teese biss sich auf die Lippen. „Wäre die Welt nicht geteilt worden, wäre sie heute nicht so wie sie ist“, sagte sie. „Wir wären alle irgendwo im Mittelalter hängen geblieben.“
„Na und?“, wollte Gabriel herausfordernd wissen. „Dann würden wir jetzt reiten anstatt Auto zu fahren und an Stelle von Kartoffeln gäbe es halt Getreidebrei.“
„Es gäbe keine Heizungen im Winter“, griff Teese seine Worte auf, „kein Licht in der Nacht. Menschen würden an einer Blinddarmentzündung sterben oder an Diabetes.“ Was wusste sie noch alles an schlimmen Dingen über das Mittelalter?
„Menschen würden nicht älter als vierzig Jahre, Frauen würden früher sterben und ihre Babys auch. Es gäbe die Pest und schlechtes Wasser. Ein König würde bestimmen, was Du zu denken und zu tun hast und Du müsstest von Deinem Besitz ihm so viel abgeben, dass er in Saus und Braus leben und schöne Burgen bauen kann, Du aber nicht mal Schuhe an den Füßen hättest…“
„Dafür sterben die Leute heute an Herzversagen und Krebs“, unterbrach Rinnir sie. „Leute werden alt, aber sie vegetieren in Heimen vor sich hin. Steuern muss man auch heute noch zahlen und es gibt noch genug Leute, die Dir sagen, was Du zu denken und zu tun hast.“
„Ich möchte nicht zurück, Gabriel“, sagte Daniel leise. „Mir gefällt es auf Weltenei. Ich mag meine Magie. Du weißt, ich liebe die Musik. Sie war immer mein… Trost und mein Glück, wenn alles andere um uns herum schlecht und ungerecht war. Hier ist die Musik“ – er suchte nach Worten – „Hier bin ich die Musik. Sie ist in mir und mit ihr kann ich wundervolle Dinge tun.“
„Ich mag die Magie nicht“, sagte Gabriel. Er wirkte verbittert. „Sie manipuliert Dich. Sie verändert Deine Gedanken. Sie ist eine Waffe und die meisten, die sie auf Weltenei führen haben keine Ahnung, was sie damit anrichten können. Ich kann nicht mit Dir dorthin gehen.“
„Wir könnten dort zusammen sein.“ Rinnir gab die Hoffnung nicht auf. „Unsere Eltern würden sich damit arrangieren.“
„Würden sie sich denn damit arrangieren, dass wir beide auf dasselbe Internat in der alten Welt gehen?“, wollte Gabriel fast höhnisch wissen.
Rinnir schwieg betroffen.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements