Schicksalslinien (1/16)

Posted on März 7, 2014

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Sonne schien durch die offenen Fenster in den Raum. Es war ein einsamer Sonnenstrahl eines späten Frühlingtages, der weder Wärme in den Raum mit seinen kalten grauen Mauern bringen konnte noch genug Licht, um den Raum zu erhellen. Die Fenster waren einfach zu klein, die Mauern zu dick. Der ganze Raum war nicht dazu gedacht, irgendetwas hinein zu lassen, das im schlimmsten Fall Eiseskälte sein konnte, sondern die Wärme des Kamins möglichst im Inneren zu halten.
So waren sie alle, die Räume in der Trutzburg des Grafen von Argentanien. So sahen Räume aus, wenn man weder moderne Technik aus der alten Welt nutzen konnte, noch die Magie aus der neuen Welt. Timar hatte fast vergessen, wie unkomfortabel der Verzicht auf Magie war. Zu lange hatte er unter Magiern gelebt, erst von ihnen profitiert und dann selbst Magie nutzen können, um sein Leben einfacher zu gestalten.
Nun musste er auf diese Annehmlichkeiten verzichten. Mehr noch, er musste sich den Anschein geben, Magie zu verachten, so wie alle hier in der Burg seines Onkels. Es war der Preis, den er für seine Entscheidung, hierher zu kommen, zahlen musste. Aber diese Entscheidung war klug gewesen. Er wusste, dass sie ein Schritt in die richtige Richtung war.
Er hatte die Magierwelt fürs erste hinter sich gelassen, aber er würde zurückkehren und sich nehmen, was ihm zustand. Er war dazu berufen, die Welt zu verändern. Sie war die Weltenverrückerin, welche die Zerstörung bringen würde. Er aber war der Weltenvereiner, der Bringer des goldenen Zeitalters. Eines goldenen Zeitalters, wie es in ferner Vergangenheit auf der ganzen Erde geherrscht hatte.
Timar rieb seine kalten Hände ineinander und konnte der Versuchung nicht widerstehen, etwas Magie in sie hinein zu geben. So wie sich die aneinander geriebenen Hände erwärmten, erwärmte sich sein Körper. Das Zittern, das ihn erfüllt hatte, wich einer angenehmen Entspannung und dem wohligen Gefühl der Wärme.
Timar atmete erleichtert durch. Niemand hier konnte wirklich sagen, ob er Magie nutzte, aber er war sich nicht sicher, ob sein Vater es nicht spüren konnte. Sein Vater, dem er einst als mächtigster aller Magier zu folgen gedachte. Er wusste, ihm war dieses Schicksal bestimmt – egal, wessen Name in der Quelle stand.
Eine Weile hatte er gedacht, die Quelle hätte sich irgendwie geirrt. Aber das war nicht möglich. Gott machte keine Fehler und die Quelle war der Ausdruck des göttlichen Plans. Jenes Plans, den Timar als Prophet in seinen Träumen so klar sehen konnte.
Sie würde die nächste Dekanin werden, aber danach… danach würde sein Name in der Quelle zu lesen stehen. Doch sie würde ihren Platz nicht frei geben. Er würde die Welten mit Gewalt vereinen müssen. Und Gewalt war es, die er hier in Argentanien suchte.
Er war der Neffe des Grafen, dessen einzige Tochter würde niemals aus Schastel Awrosch zurückkehren würde. Er wusste es. Deswegen hatte er keine Einwände gemacht, als Fürst Edomar sie ausgewählt hatte. Früher oder später würde sie sterben – oder auf der falschen Seite stehen.
Timar senkte seinen Blick auf seinen Schreibtisch, ein altes und wackeliges Möbelstück, das man für ihn organisiert hatte, als er so unerwartet auf der Burg seines Onkels aufgetaucht war – ein Flüchtling vor den Magiern. Man hatte sich Mühe gegeben, aber man besaß hier einfach nicht die nötigen Mittel.
Mehr als einen Tisch und ein Bett hatte man ihm nicht bringen können. Dazu ein paar alte Bücher und ein Schachspiel als Zeitvertreib. Timars Hand fuhr über die aufgestellten Figuren auf dem Brett vor ihm. Weiße und rote.
Er spielte kein Schach zum Zeitvertreib, aber es war ein gutes Werkzeug für seine Magie. Prophetie war eine schwierig zu kontrollierende Fähigkeit. Die am schwierigsten zu meisternde Magie. Eine Magie für Meister. Und Timar war ein Meister, auch wenn niemand es ihm ansah. Magister Gaban, der sich für so klug hielt, hatte nicht mehr mit ihr anstellen können, als sie in sich zu versiegeln, so dass er sie nur nutzen konnte, wenn er sie aktiv hervorrief.
Timar hingegen war klüger und er fürchtete sein Talent nicht. Er ließ die Magie in sich wirken, wie sie es wollte. Anders als Magister Gaban fürchtete er nämlich auch nicht seine Visionen. Denn anders als Magister Gaban verstand er inzwischen, dass sie veränderbar waren.
Alles, was er sah, konnte er verhindern oder verändern. Es gab nicht die eine Zukunft. Es gab mehrere. Sie wurde bestimmt von vielen verschiedenen Parametern, die meisten davon Menschen. Und Menschen konnte man beeinflussen und für sich gewinnen. Und das musste man, wenn man die Zukunft zum Guten wenden wollte.
Die Anzahl der Figuren auf einem Schachbrett war festgelegt und Timar hatte mit einer einzigen beginnen müssen, während seine Gegnerin alle übrigen besaß. Er hatte alleine einen weißen König, auf den er sich verlassen konnte. Er brauchte mehr Figuren. Er brauchte ihre Figuren.
Timar berührte einen der rote Springer ganz sacht und ließ Magie durch seine Finger gleiten. Faraas hatte seine Erwartungen gänzlich erfüllt. Er hatte ihm Rinnir gebracht. Und nicht nur den einen, sondern gleich beide. Einer hatte für beide geschworen.
Timars Magie erfüllte den roten Springer. Der Junge lächelte: „Meiner.“ Und der rote Springer wurde weiß.

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