Zwei Brüder (18/18)

Posted on März 3, 2014

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„Was?“
„Ich habe einen Zwillingsbruder“, begann Rinnir zu erklären. „Er war im letzten Jahr in Weltenei, während ich…“
„Ich weiß“, fiel ihm Teese ins Wort. „Ihr habt die Plätze getauscht.“
Rinnir wirkte überrascht. „Du weißt das?“
„Ja, ich habe… also… den Brief, den er Dir mitgegeben hat“, druckste Teese. „Naja, er schwamm in der Toilette und…“
„Er hat ihn mir geschrieben, damit ich über alles Bescheid weiß“, sagte Rinnir. „Zu jedem meiner Mitschüler hat er etwas geschrieben und bei Dir hat er geschrieben, dass Du vertrauenswürdig wärst. Dass wenn ich Hilfe bräuchte…“ Rinnir sah Teese ernst an. „Ich brauche jetzt Hilfe. Kommst Du mit mir? Vielleicht hört er eher auf Dich als auf mich.“
Irgendwo in Teese schrillten die Alarmglocken. „Was hat er vor?“
Beide Kinder liefen unterdessen bereits am Trainingsplatz entlang. Doch anstatt nach vorne zum Dekanat zu gehen, folgte Rinnir weiter dem Verlauf der Mauer. Sie passierten den Kräutergarten und wandten sich vor dem Hospital nach rechts. Hier endete der Weg an einer hohen Mauer und einer steilen Treppe, die hinunter zum Schwimmbecken führte. Dies war der schnellste Weg nach unten.
„Mein Bruder will nicht nach Weltenei zurückkehren“, erklärte Rinnir, während sie eilig die Treppe hinunter liefen. „Aber er will, dass auch ich nicht wieder hierher komme und ein Magier werde. Er will, dass wir beide in der alten Welt bleiben.“
Teese hielt sich eng an der Mauer, während sie die steile Treppe hinunter liefen. Der Höhenunterschied war gewaltig. Das Gefälle, welches der Weg um Weltenei herum langsam bewältigte, lag auf dieser Treppe auf wenigen Metern verteilt.
„Aber Du willst hierher zurückkommen?“, hakte Teese nach.
„Ja. Noch nie zuvor hat sich Musik so angefühlt.“ Rinnir erreichte das Ende der Treppe als erster und lief über den blanken Fels am Schwimmbad vorbei in Richtung des Bootsanlegers. „Noch nie habe ich mich so lebendig und sicher gefühlt. So eins mit allem. Ich kann nicht zurück.“
„Hast Du ihm das erklärt?“, wollte Teese wissen.
„Ja. Aber er will es einfach nicht glauben.“ Rinnir klang verzweifelt. „Er will seinen Willen unbedingt durchsetzen, wenn nötig mit Gewalt. So war er schon immer.“
„Ehm.“ Teese versuchte zu verstehen, was Rinnir ihr genau zu sagen versuchte. „Mit Gewalt? Wie denn?“
„Er hat Nereja.“
„Wen?“
„Unser Seelentier. Die Schildkröte.“
Das war zwar keine Erklärung für Teeses Frage danach, wie Rinnir Gewalt einsetzen wollte. Aber es war eine Erklärung für etwas völlig anderes, wie Teese unvermittelt klar wurde. Sie blinzelte in jähem Verständnis. „Deswegen hatte sie zwei Köpfe.“
„Was?“ Rinnir sah verwirrt über seine Schulter.
„Ich habe ihn gesehen mit Nereja und sie hatte zwei Köpfe“, sprudelte es aus Teese heraus. „Zwei Köpfe. Für jeden von Euch einen. Ich dachte, Du hast das Seelentier verändert, aber es war schon immer so. Bisher war halt immer nur einer von Euch da.“ Deswegen hatte die Schildkröte immer nur einen Kopf an einer Seite besessen. Und deswegen hatte sie vorhin zwei Köpfe gehabt.
Rinnir kniff die Lippen zusammen und beschleunigte seine Schritte. Teese folgte ihm auf die gemauerte Mole, an welcher die Ruderboote lagen. Kein Ruderer war zu sehen. Aber das war normal, wenn niemand ein Boot angefordert hatte.
Rinnir kletterte in eines der Boote und setzte sich mit dem Rücken zum Meer. Er würde also rudern. Teese setzte sich auf die Bank ihm gegenüber und stieß das Boot ab. Rinnir ruderte einen schnellen Takt, viel zu schnell als es ein Junge seines Alters und seiner Statur hätte tun können. Teese berührte den Rand des Bootes und spürte die Magie vibrieren.
Sie sah auf und blickte in die Richtung, in welche Rinnir so schnell ruderte. Dort auf dem Meer trieb ein weiteres Ruderboot. Rinnirs blonder Haarschopf war schon von weitem gut zu erkennen. Er saß auf der Ruderbank und sah ihnen ruhig entgegen. Auf seinen Knien ruhte das Seelentier. Beide warteten.
Ein merkwürdiges Gefühl beschlich Teese. Das Gefühl, dass es hier gleich um mehr gehen würde als um die Frage ob einer der beiden Jungen nach Weltenei zurückkommen würde. Ein schicksalhafter Moment für Rinnir und seinen Bruder, aber auch für sie und für Weltenei. Etwas von großer Wichtigkeit würde sich hier entscheiden und sie würde einen großen Anteil daran tragen, ohne zu wissen, was genau sie tun musste und welches Ergebnis es haben würde. Langsam schoben sich die Boote auf gleiche Höhe.

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