Zwei Brüder (17/18)

Posted on Februar 28, 2014

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Ihnen beiden folgte Magister Elgin. Teese erkannte ihn problemlos auch ohne die grüne Robe, die er immer noch trug, während er mit seinem neuen magischen Erscheinungsbild experimentierte. Zwar war seine Haut heller als sie es von Natur aus war und seine schwarzen Haare waren nun hellbraun, aber seine Gesichtszüge hatte er kaum verändert. Sein Körper wirkte ein wenig kompakter, vielleicht auch muskulöser, aber jeder, der Magister Elgin kannte, hätte ihn so erkannt.
Er durchquerte die Halle, lächelte Teese kurz zu und setzte sich neben den Greifen, während Magister Pim den Unterricht begann. Es gab die üblichen Aufwärmübungen und dann war Zieltraining angesagt – jedenfalls für alle Studenten außer Teese.
„Dekan Ezzo hat heute früh mit mir gesprochen“, sagte Magister Pim zu Teese, während die anderen übten. „Du wirst ab sofort anders trainieren als die anderen Studenten.“
Teese glaubte in seiner Stimme einen gewissen Unwillen zu hören.
„Wie werde ich denn trainieren?“, wollte sie ratlos wissen.
„Du wirst in Zukunft nicht mehr auf Zieltafeln werfen, sondern üben, möglichst genau vor oder neben das Ziel zu werfen.“
„Was?“ Teese glaubte nicht richtig zu hören.
„Man hat mir gesagt, dass Du in Zukunft lernen sollst, die Wurfsterne als reines Transportmittel für Zauber zu nutzen, nicht um Menschen damit direkt zu verletzen.“
Teese begann zu dämmern, dass sie diese neue Ausrichtung wohl Ros Gespräch mit Dekan Ezzo zu verdanken hatte und ihrer Übung in Schastel Awrosch mit Fürst Edomar.
„Wir werden uns darauf konzentrieren“, fuhr Magister Pim fort, „dass Du nahe an ein Ziel wirfst und Deine Wurfsterne mit besonders starker Magie aufzuladen lernst, Ablenkungs- oder Bannzauber.“
Teese fing Magister Elgins Blick im Rücken ihres Waffenlehrers auf. Er grinste und zwinkerte Teese zu. Seine Reaktion stand völlig im Gegensatz zu Magister Pims, der Teese an einen sehr mürrischen Ro erinnerte. Er hielt dieses neues Trainingsziel nicht für richtig oder vielleicht einer angehenden Dekanin nicht für würdig.
„Okay“, brachte Teese hervor.
Eigentlich gefiel ihr diese neue Ausrichtung. Sie hatte das Werfen auf die Zieltafeln nie sonderlich gemocht. Vielleicht weil sie sich immer bewusst gewesen war, dass mit diesem Ziel eigentlich ein Mensch gemeint war. Und auf Menschen warf man nicht mit Wurfsternen.
Während die anderen mit ihren Zieltafeln übten, bekam Teese Markierungen auf den Boden gemalt, die sie treffen sollte. Das stellte sich überraschender Weise als viel schwerer heraus als einfach direkt auf eine Scheibe zu werfen. Teese seufzte stumm. Sie hatte ein Talent dafür, dass alles, was wie eine Verbesserung aussah, sich für sie als schwerer erwies.
Teese sammelte gerade ihre geworfenen Wurfsterne aus, als ein Magier mit einer grünen Schärpe über der traditionellen schwarzen Robe die Trainingshalle betrat. Teese blieb überrascht stehen. Sie hatte nicht gedacht, Doktor Hoffmann so schnell wieder zu sehen. Lizentiat Noan, Magister Pims Bruder.
Es war das erste Mal, dass Teese sie beide nebeneinander stehen sah und feststellte, dass sie sich überhaupt nicht ähnlich sahen. Und das lag nicht nur daran, dass Magister Pim vom Erscheinungsbild kaum älter als Dreißig war, während Lizentiat Noan fast doppelt so alt war. Wenn sich die beiden Brüder je ähnlich gesehen hatten, hatte Magister Pim sein Erscheinungsbild stärker verändert als Magister Elgin es zurzeit getan hatte.
„Nanu, was da wohl passiert ist…“ Magister Elgin lief an Teese vorbei, offenkundig neugierig, was den Direktor nach Weltenei geführt hatte.
Teese wandte sich um und sah aus dem Augenwinkel gerade noch, wie Rinnir sich aus der Trainingshalle stahl und über den Trainingsplatz lief. Verwundert folgte Teese ihm, die Hälfte ihrer Wurfsterne in der Hand. Wohin wollte Rinnir denn während des Trainings?
Der Junge überquerte den Trainingsplatz und öffnete die Tür in der niedrigen Mauer. Als er sie wieder schließen wollte, sah er zurück und entdeckte Teese. Eilig winkte er sie herüber. Teese sah kurz über ihre Schulter. Die Erwachsenen sprachen miteinander. Niemand kümmerte sich um sie. Sie huschte über den Platz und folgte Rinnir auf den gepflasterten Platz zwischen Magieturm und Dekanat.
„Wo willst Du hin?“, wollte sie wissen.
„Zu den Booten“, antwortete Rinnir und lief bereits weiter. „In die alte Welt.“
„Wieso?“ Teese folgte ihm. „Was ist passiert?“
„Mein Bruder ist hier.“

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