Zwei Brüder (16/18)

Posted on Februar 24, 2014

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Zuerst ging sie zurück zu Magister Nabis Haus, um ihren Studenplan zu holen. Während sie mit Ro unterwegs war, hatte sie sich keine Gedanken um ihre Unterrichtsstunden machen müssen. Jetzt allerdings fand der Unterricht wieder statt und Teese stellte fest, dass sie heute Training mit den Wurfsternen hatte. In einer knappen halben Stunde, um genau zu sein.
Teese seufzte stumm und machte sich erneut auf den Weg, den Inselberg hinauf. Auf halbem Weg kam ihr Rinnir entgegen, der anscheinend aus der Bibliothek zurück war. Er trug seine Schildkröte vor sich her.
Teese erinnerte sich an Liinas Verwunderung darüber, dass Rinnir erneut eine Schildkröte geformt hatte. Eine genauso schlechte wie sein Bruder beim ersten Mal. Wobei Liina anscheinend nicht richtig hingesehen hatte, wie Teese feststellte.
Während Rinnir näher kam, bemerkte Teese einen eindeutigen Unterschied zu der Schildkröte, die sie kannte. Das Seelentier besaß zwei Köpfe. Oder besser gesagt, es bestand aus zwei vorderen Hälften. Vorne blickte ein Kopf heraus und hinten ebenfalls. Und das erklärte plötzlich die seltsam falsch wirkenden Beine der Schildkröte, die Rinnir beim ersten Mal gefertigt hatte.
Teese hatte es damals schon gewundert, dass die vorderen Beine nach vorne zeigten und die hinteren nach hinten. Sie hatte geglaubt, dass Rinnir die hinteren Beine einfach verkehrt herum erschaffen hatte. Aber das war nicht der Fall. Er hatte einfach für seinen Bruder eine zweite Hälfte in ihrem Seelentier geschaffen.
Die vordere Schildkröte hatte nach vorne gewandte Beine und die hintere Schildkröte nach hinten gewandte. Wobei es natürlich streng genommen keine vordere und keine hintere Schildkröte gab. Sie war so etwas wie Zieh-und-Schieb, das Lama mit zwei Vorderteilen bei Doktor Doolittle.
„Hallo Rinnir“, grüßte Teese grinsend. „Bist Du schon fertig in der Bibliothek?“
„Hallo Teese“, erwiderte Rinnir. Sein Blick streifte Teese nur schnell und er sah dann geschäftig die Straße hinunter. „Ja, ich bin schon fertig.“
Er eilte an Teese vorbei, die sich umwandte und ihm hinterher rief. „Denkst Du daran, dass wir gleich Wurfsterne-Training haben?“
Auch Rinnir wandte sich um, ohne allerdings stehen zu bleiben. „Ja. Ja. Ich komme gleich.“ Anscheinend hatte er noch schnell irgendetwas zu erledigen.
„Okay, dann bis gleich.“ Auch Teese wandte sich wieder um und ging weiter.
Der Weg schlängelte sich mit langsamer Steigung den Inselberg hinauf. Es gab flache Treppen und große Torbögen, welche den gepflasterten Weg immer wieder unterbrachen, bis man auf der großen Plattform ankam. Der Inselberg besaß im Grunde keine Spitze. Der obere Teil des Berges war abgetragen worden, um eine große ebene Fläche zu formen, auf welcher die Stallungen der Flügelpferde standen, das Dekanat und die Halle des Lichts mit der Taberna Akademika.
Rechts davon schmiegte sich ein Stück weiter unten die Kapelle an, in welcher die Erinnerungsschiffe aufbewahrt wurden. Links davon standen der Magieturm und das Hospital und zwischen ihnen die Trainingshalle mit der großen Außenfläche. Eine niedrige Mauer grenzte diese Fläche mehr optisch als funktional vom Vorplatz ab.
Teese ging durch die kleine Pforte, die in die Mauer eingelassen war und betrat von der Rückseite her die Trainingshalle. Einige ihrer Mitschüler waren bereits hier. Seit diesem Jahr trainierten die neuen Schüler nicht mehr alleine für sich, sondern mit den älteren zusammen, welche dieselben Waffen gewählt hatten wie sie.
Die Wurfsterne wurden allerdings nicht besonders häufig gewählt und die Gruppe der Schüler war recht überschaubar. Aus Teeses Jahrgang waren sie inzwischen nur noch zu dritt. Ein paar Schüler mit roten und orangen Schärpen waren zudem noch dabei und ein Mädchen mit einer gelben Schärpe.
Ihre helle Haut hatte einen ganz feinen braunen Farbton. Dichte schwarze Locken bedeckten ihren Kopf und ihre Augen leuchteten strahlend blau. Es war Eje, die Freundin von Icus.
„Hallo Eje“, grüßte Teese das ältere Mädchen und setzte nach kurzem Zögern hinzu. „Herzlichen Glückwunsch zur gelben Schärpe.“
Dazu zu gratulieren gehörte sich doch wohl, oder? Bevor Teese nach Awrosch aufgebrochen war, hatte Amin ihr erzählt, dass Eje dieses Jahr ihre Prüfung ablegen würde und anscheinend hatte sie diese bestanden.
„Hallo Teese.“ Eje grinste fröhlich. „Danke schön. Es war auch schwer genug.“
„Das glaube ich“, sagte Teese.
Sie hatte noch gar keine Prüfung für eine Schärpe abgelegt, trug sie doch noch immer die weiße Schärpe der Kandidaten. Die gelbe allerdings war die letzte Schärpe, die man als Jugendlicher erhalten konnte. Dann folgte nur noch die grüne für die Lizentiaten und die blaue für die Magister. Die Prüfung war sicher nicht einfach gewesen.
„Wohnst Du jetzt auch schon im Magieturm?“, wollte Teese weiter wissen.
Amin hatte gesagt, dass man als Träger der gelben Schärpe dort ein Zimmer bekam. Icus hatte sich darüber sicherlich nicht gefreut. Denn das hieß, dass seine Freundin bei Magister Pim ausziehen musste und bei Magister Pim wohnten Amin und Icus noch beide.
„Ja. Ich habe jetzt ein eigenes Zimmer dort.“ Ejes Grinsen weitete sich. „Ein richtig großes Zimmer mit tollem Blick nach Thorhafen. Wenn Du Lust hast, komm doch nach dem Training auf einen Tee mit nach oben. Dann zeige ich es Dir.“
„Echt?“ Teese grinste nun auch. „Gerne.“
Sie mochte Eje, auch wenn sie es schöner gefunden hätte, wenn sie Amins Freundin geworden wäre und nicht die von Icus. Wobei sie nichts gegen Icus hatte. Sie mochte beide Jungen gerne, aber irgendwie fand sie, dass Amin es verdient hätte, auch eine Freundin wie Eje zu haben.
Magister Pims Seelentier, ein majestätischer Greif, kam im sanften Gleitflug auf die Halle zugesteuert und landete auf leisen Pfoten zwischen zwei der Säulen, welche die Trainingshalle nach außen hin zur sandigen Freifläche begrenzten.
Gleich darauf betrat auch Magister Pim die Trainingshalle. Rinnir kam eilig hinterher gerannt, ohne sein Seelentier. Vermutlich hatte er vorhin noch schnell die Schildkröte nach Hause bringen wollen.

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