Zwei Brüder (15/18)

Posted on Februar 17, 2014

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Teese verspürte ein merkwürdiges Kribbeln im Magen. Genau so hatte sie ihn zum ersten Mal gesehen, in der Bibliothek von Schastel Awrosch – ein hübscher junger Mann mit lockigen braunen Haaren, die verwegen zu einem Zopf gebunden waren. Und wie in Schastel Awrosch sah er auf, als er Teeses Blick bemerkte.
In diesem Moment aber löste sich das Déjà-vu in Nichts auf. Der Blick aus seinen braunen Augen war ein vollkommen anderer. Sein Double hatte einen abwesenden und leblosen Blick gehabt, wie ein Stofftier mit Knopfaugen. Magister Pietros Augen aber waren leuchtend und lebhaft. Teese konnte in diesen Augen den aufgeweckten Verstand hinter ihnen sehen, als wären sie tatsächlich das Tor zu seiner Seele.
Seine Augen weiteten sich kurz als er Teese erkannte. Er sprang von seinem Stuhl auf und bevor Teese reagieren konnte, eilte Magister Pietro auf sie zu und fiel vor ihr auf die Knie.
„Ihr seid es“, brachte er hervor. „Meine Retterin. Tausendfachen Dank schulde ich Euch.“
Teese war irritiert. Was war das denn für ein Satz? Er klang unglaublich altmodisch in Teeses Augen und viel zu übertrieben für das, was sie zu seiner Rettung beigetragen hatte.
„Ich habe nicht viel gemacht“, sagte sie fast ein wenig entschuldigend. „Ich habe nur… das gesagt, was mir in diesem Moment in den Sinn kam.“
„Und genau dafür schulde ich Euch meinen Dank.“ Er sah zu Teese auf, die ihn allerdings kaum merklich überragte, nun da er vor ihr kniete. „Ich wusste, ein Mädchen würde einst diese Worte sprechen und den Bann lösen. Magister Berra hatte es prophezeit, wiewohl niemand von uns es damals verstanden hat. Ihr seid die Weltenverrückerin, der Schlussstein, Dekan Zenins Erbin.“
Teese verstand nicht, wovon er sprach und sah hilfesuchend zu Dekan Ezzo. Der allerdings wirkte auch reichlich ratlos.
„Ich werde alles, was in meiner Macht steht, unternehmen, um Euch bei Eurem Tun zu unterstützen“, fuhr Magister Pietro fort.
Er hob seine Arme und legte die Hände mit den Handflächen aneinander. Die betenden Hände aus dem Holzschnitz, der über dem Sofa von Teeses Großmutter hing. Dieselbe Haltung, wie sie Fürst Edomar vor Teese kniend eingenommen hatte.
Teese beugte sich vor und umschloss mit ihren Händen die seinen. So wie sie es mit Fürst Edomar gemacht hatte und lange zuvor Dekan Ezzo mit ihr, am Esstisch in Magister Nabis Haus, als er sich ihr offenbart hatte.
Noch immer wusste Teese nicht, was diese Geste bedeutete. Aber ihre Hände hatten seine umschlossen, bevor ihr dies in den Sinn kommen konnte. Sie spürte das Kribbeln in den Händen, als die Magie zwischen ihnen floss. Von ihr zu ihm. Ihre waren die Hände an der Außenseite. Sie war diejenige, welche zuerst zu geben hatte. Sie spürte, wie ihre Magie aus ihr herausfloss und dann wenige Augenblicke später, strömte seine in sie zurück.
Ihre Hände, die kalt geworden waren, füllten sich wieder mit Wärme und ihr Verstand füllte sich mit einem Verständnis davon, wer er war. Als hätte sie ihn von klein auf gekannt und hätte mit ihm im selben Haus gelebt, am selben Tisch gegessen und im selben Zimmer geschlafen. Wie ein kleiner Bruder, der sie liebte und alles für sie tun würde. Wie ein kleiner Bruder, den sie liebte und den sie vor allem Übel beschützen würde.
„Ihr seid keine Schriftmagierin“, stellte Magister Pietro fest, als Teese ihre Hände zurückzog und er sich langsam erhob.
„Nein.“ Teese schüttelte den Kopf.
„Ich hatte gehofft, Euch unterrichten zu können.“
„Meine Freundin Liina ist Schriftmagierin“, sagte Teese. „Sie ist die klügste Schülerin, die man sich als Lehrer wünschen kann.“
„Eure Freundin“, wiederholte Magister Pietro. „Ich verstehe. Bisher hat jeder Dekan seine Bürde alleine zu tragen versucht. Vielleicht war das falsch.“
Teese schob ihre Hände in die Taschen ihrer Robe, unsicher, ob sie überhaupt verstand, wovon der sprach. Ein wenig erinnerte er sie an Magister Nabi. Und vielleicht war er genauso wenig von dieser Welt wie sie. Sie nicht mehr und er noch nicht wieder. Wie lange er wohl ein Gemälde gewesen war?
„Ich werde Eure Freundin Liina unterrichten“, fuhr Magister Pietro fort. „Und wenn Ihr stark genug geworden seid, um fremde Magie zu lernen, werde ich Euch ebenfalls meine Kenntnisse zur Verfügung stellen.“
„Danke.“ Das war das einzige, was Teese als sinnvolle Erwiderung einfiel.
„Bis dahin“, mischte sich nun Dekan Ezzo zum ersten Mal in die Unterhaltung ein, „wird Dekananwärterin Teese von Magister Elgin, Magister Pim und mir unterrichtet werden. Und wenn ich mich nicht irre, auch von der Universalminimalistin Selm.“
Teese nickte. Sie bemerkte, dass von Ro keine Rede war. Ob die beiden inzwischen bereits miteinander gesprochen hatten?
„Unterricht von einem Universalminimalisten…“ Magister Pietro klang beinahe andächtig. „Zeichen und Wunder.“
Teese vergrub ihre Hände tiefer in ihren Robentaschen. Die Unterhaltung bereitete ihr irgendwie Magenschmerzen. Magister Pietro klang so… bewundernd. Dabei war er der mächtigste Schriftmagier der neuen Welt und sie war nur – Teese.
Sie war insgeheim froh darüber, als Dekan Ezzo und sie das Hospital wieder verließen und zurück zum Dekanat gingen. Beide in Schweigen gehüllt. Teese hatte das Gefühl, Dekan Ezzo würde ihre Begegnung mit Magister Pietro viel zu denken geben. Ob er mehr von all dem verstanden hatte als sie?
Vor dem Dekanat trennten sich ihre Wege. Und Teese fand sich unvermittelt wieder in ihrem ganz normalen Alltag auf Weltenei wieder.

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