Zwei Brüder (14/18)

Posted on Februar 10, 2014

0


„Aber Nysrael hat mir einen Brief für Dich mitgegeben“, sagte Teese und zog den Umschlag aus ihrem Umhang. „Er hat sehr ungeduldig auf Deinen gewartet.“
Sie hielt Marisan den Brief hin. Marisan sah auf und riss den Brief förmlich aus Teeses Hand. „Oh.“ Sie sprang auf und holte ein Messer aus der Schublade, um den Brief zu öffnen. Mit zitternden Fingern faltete sie das Papier auf. Teese wartete.
Marisan las den Brief. Dann las sie ihn erneut und seufzte. Mit einer raschen Handbewegung ballte sie das Papier zusammen zu einer Kugel, ging zum Herd und warf den Brief in das Feuer.
Sie bemerkte Teeses irritierten Blick und lachte auf. „Nein, mach Dir keine Sorgen, Teese. Es ist alles in bester Ordnung. Aber wenn mein Vater solch einen Brief sehen würde…“
Teese nickte. Von Anfang an hatte sie es als ungerecht empfunden, dass Marisan und Nysrael sich nicht schreiben durften, keine Freunde sein durften und ihnen eine mögliche Zukunft aufs Strengste verboten wurde.
„Ich werde mit Liina reden“, sagte sie. „Vielleicht gibt es eine Form von Schriftmagie, die Euch helfen kann. Briefe, die nur derjenige lesen kann, an den sie geschrieben werden. Irgendetwas in der Art.“
„Danke.“ Marisan lächelte zögerlich. „An manchen Tagen hasse ich es, die Tochter eines Dekans zu sein. Es macht alles so umständlich.“
Schirniel machte einen schnellen Schritt von der Tür weg und hielt Teese von einer möglichen Antwort ab. „Papa kommt“, murmelte er.
Teese sah zur Tür. Sie hatte gar nichts gehört, aber als die Tür gleich darauf geöffnet wurde, war es tatsächlich Dekan Ezzo, der herein kam.
„Marisan, weißt Du, wo Deine Mutter ist?“, wollte er wissen, bevor er Teese am Esstisch stehen sah. „Dekananwärterin Teese, guten Morgen.“
„Guten Morgen, Dekan Ezzo“, beeilte sich Teese zu sagen.
„Ich hatte nicht so früh mit Dir gerechnet“, sagte er. „Aber wir können sofort aufbrechen.“ Er sah wieder zu seiner Tochter. „Marisan?“
„Mutter wollte an meinem neuen Umhang arbeiten“, sagte Marisan. „Sie wird oben im Nähzimmer sein.“
„Dann geh bitte gleich zu ihr und sage ihr, dass das warten kann“, erklärte der Dekan. „Wir erwarten Magister Gaban und seine Frau zum Abendessen. Kümmert Euch darum, dass Ihr etwas Angemessenes auftischen könnt. Wenn Ihr Besorgungen machen müsst, es liegt Geld auf dem Arbeitstisch.“
Marisan nickte eifrig. „Ja, Vater.“
„Und Du, Schirniel. Hast Du nicht heute Vormittag Unterricht bei Magister Felyth?“
Schirniel drückte sich hinter der Tür herum. „Ja. Habe ich.“
„Dann hol Deine Sachen und mach Dich auf den Weg.“
Schirniel huschte aus der Küche und rannte die Treppe nach oben. Marisan folgte ihm und warf nur kurz einen Blick zurück zu Teese, um zu lächeln.
Dekan Ezzo schüttelte unwillig den Kopf, als hätten seine beiden Kinder irgendetwas getan, was seine Missbilligung erregen müsse. Teese folgte dem Dekan aus der Küche und zur Vordertür hinaus.
Sie gingen hinüber zum Hospital, dem Reich von Magister Mintal und ihren Studenten. Teese war hier bereits im letzten Jahr gewesen, als sie sich den Knöchel verstaucht hatte. Ihre Behandlung hatte oben unter dem gläsernen Dach des großen grauen Steingebäudes stattgefunden. Dort gab es mehrere Behandlungstische, Medikamentenschränke und medizinisches Gerät in Form von Skalpellen und Scheren.
Magister Mintal behandelte ihre Patienten mit Magie, die Geräte waren kaum mehr als Hilfsmittel. Sie brauchte weder ein Röntgengerät noch ein Labor, um Blutwerte zu machen. Seit Fenn von ihr unterrichtet wurde, hatte Teese das eine oder andere über Heilmagie gelernt und es beeindruckte sie ungemein.
Teese folgte Dekan Ezzo durch die große Eingangstür in den gewaltigen Treppenaufgang. Sie gingen allerdings nicht nach oben in den Behandlungsbereich, sondern betraten den darunterliegenden Trakt. Dies war das Bettenhaus.
Seth war hier gewesen, als er nach seinem Unfall im Schwimmbecken für eine Woche das Bett hatte hüten müssen. Teese hatte ihn hier besucht und sie kannte die Räumlichkeiten. Einzelzimmer gab es hier nicht. Vielmehr standen zahlreiche Betten in einzelnen Nischen die gesamte rechte Wand entlang. Vorne besaß jede Nische einen Vorhang, welchen man zuziehen konnte. Die meisten Vorhänge waren jedoch geöffnet, die Betten dahinter leer.
Die linke Hälfte des Raumes besaß große Fenster zum Garten. Hier standen Tischgruppen, Sessel und mehrere Liegen. Es gab zwei Bücherregale in welchen Literatur für die Patienten bereitstand, damit sie sich die Zeit vertreiben konnten. Teese hatte ein paar davon durchgeblättert. Es gab Liebesromane für die Erwachsenen und Abenteuerromane für die Jugendlichen.
Die meisten handelten von tapferen Rittern, ungehobelten Riesen, furchterregenden Drachen, hinterlistigen Zwergen und teuflischen Kreaturen. Märchen aus der alten Welt. Und viele der Bücher waren auch tatsächlich sehr alt.
Mehrere davon lagen aufgeschlagen auf einem der Tische. Ein Magier in einer schwarzen Robe und der blauen Schärpe eines Magisters saß dort und las anscheinend konzentriert.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements