Zwei Brüder (13/18)

Posted on Februar 8, 2014

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Es dauerte nur einen Moment und die Tür wurde geöffnet. Vor Teese stand ein Junge mit langen braunen Haaren, einem blassen Gesicht und rotgeweinten Augen: Schirniel, Marisans kleiner Bruder.
„Oh“, sagte er und wischte hektisch mit dem Ärmel über sein Gesicht.
„Hallo“, fand Teese Worte. „Was ist passiert? Ist alles in Ordnung?“
„Ja. Ja.“ Schirniel machte einen Schritt zurück, um Teese einzulassen. Er rieb mit dem Handrücken das linke Auge. „Ich bin… eben erst aufgestanden.“
Was vielleicht sogar nicht einmal eine Lüge war. Eher eine von Liinas Halbwahrheiten. Nur, dass Schirniel darin nicht so gut war wie die kleine Chinesin.
„Wer ist es, Schirniel?“, erkundigte sich Marisans Stimme aus dem Hintergrund.
„Teese“, erklärte er.
„Teese!“
Marisan kam angerannt, fasste Teese an der Hand und zog sie mit sich in die Küche. Schirniel huschte ihnen hinterher und schloss die Küchentür. Der kleine Junge lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür als wolle er verhindern, dass man sie öffnen konnte.
„Teese, weißt Du etwas über Efraim und Timarel?“
Die Worte strömten unglaublich schnell aus Marisans Mund als hätten sie wenig Zeit und es gäbe dringende Dinge zu klären. Auch Marisan hatte rotgeweinte Augen und langsam begann es Teese zu dämmern.
„Hat Euer Vater Euch gestern…?“
Marisan und Schirniel wechselten einen Blick.
„Dann ist es wahr?“, fragte Marisan tonlos. „Eff ist tot.“
Teese nickte ein wenig hilflos. „Ja.“
„Hast Du… es gesehen?“
„Nein, aber Fürst Edomar war dabei, als es passiert ist.“
„Vater hat gesagt, er hätte Efraim getötet.“
Das klang anklagend und Teese verspürte das Bedürfnis den Fürsten zu verteidigen. „Efraim wollte mich töten“, sagte sie. „Und Fürst Edomar hat mich verteidigt.“
Marisan ließ sich auf einen der Küchenstühle sinken.
Schirniel presste seinen Rücken fester gegen die Küchentür.
Teese senkte den Blick. „Es tut mir leid“, sagte sie leise. „Wäre ich nicht…“ Sie zuckte mit den Schultern. Schuldig fühlte sie sich eigentlich nicht. Aber sie war der Auslöser gewesen. „Ich wollte Lisande helfen.“
„Der Grafentochter von Argentanien?“, erkundigte sich Marisan verwirrt.
„Ja. Also.“ Teese machte eine vage Geste. Also noch einmal alles erzählen.
Teese bemerkte, dass es ihr diese Mal leichter fiel, die passenden Worte zu finden und dass es mehr eine Nacherzählung wurde als eine Erzählung von Ereignissen. Als ob die Dinge mit jeder Erzählung weiter von Teese abrückten. Dennoch war sie froh, als sie am Ende angekommen war.
„Ach, Eff.“ Marisan hatte sich vorgebeugt, die gefalteten Hände ruhten auf ihrem Rock. „Er war immer so lieb zu uns.“ Marisan sah Teese an. „Obwohl er Vater nie verziehen hat, dass er seine Mutter verlassen hat, um unsere zu heiraten.“
Teese schluckte. Irgendwie hatte sie erwartet, dass Efraims Mutter gestorben war und Dekan Ezzo daher erneut hatte heiraten können.
„Er meinte immer, wir könnten schließlich nichts dafür“, fuhr Marisan fort. „Zu Weihnachten hat er immer Geschenke für Schirniel und mich geschickt. Kleinigkeiten. Eine Kette aus Holzperlen, ein geschnitztes Flügelpferd, eine bemalte Tasse…“
„Es tut mir leid“, sagte Teese erneut.
Sie hatte Efraim nicht in so guter Erinnerung wie Marisan. Aber gerade deswegen machte es sie betroffen. Sie hatte in ihm nur den hinterhältigen Anführer der Schärgen gesehen, den Mann, der sie hatte töten wollen. Aber er war auch der Bruder gewesen, der für seine Halbgeschwister Geschenke gebastelt hatte.
„Und Timarel?“, fragte Schirniel von der Tür herüber.
Teese zuckte mit den Schultern. „Fürst Edomar hat gesagt, er sei entkommen und ich denke, das ist auch der Fall.“
Sie sah zu Marisan. „Leider hat Nysrael ihm Deinen Brief nicht mehr geben können.“
Marisan schlug erschrocken die Hände vor den Mund. „Du… Du weißt von dem Brief?“
„Ja.“ Teese brauchte einen Moment um Marisans Schrecken zu verstehen. Natürlich hätte sie nichts davon erfahren sollen. Der Brief für Timar war in dem Brief für Nysrael gewesen, den sie hatte überbringen sollen.
„Ich… ich…“ Marisan suchte vergeblich nach Worten.
„Das ist schon in Ordnung“, sagte Teese. „Im ersten Moment war ich enttäuscht, doch dann hat Nysrael mich gefragt, ob ich den Brief Timar denn gegeben hätte und… also ich hoffe, ich hätte das gemacht, aber Du hattest schon Recht, es darauf nicht ankommen zu lassen.“
Marisan hielt den Kopf gesenkt. Es war ihr anscheinend peinlich, dass Teese erfahren hatte, dass sie ihr den Brief an ihren Bruder nicht anvertraut hatte.
„Nysrael hat ihn behalten“, fuhr Teese fort. „Er meinte, falls Timar zurückkommen würde…“ Sie zuckte mit den Schultern. Sie nahm es nicht an. Timar war verschwunden und er würde sicherlich nicht freiwillig zurück nach Schastel Awrosch gehen oder nach Weltenei. Die Frage blieb allerdings, wohin er gegangen war.

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