Zwei Brüder (12/18)

Posted on Februar 3, 2014

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„Und weißt Du, was für ein Seelentier er erschaffen hat?“, fuhr Liina fort, um gleich darauf selbst auf diese rhetorische Frage zu antworten. „Wieder genau dieselbe seltsame Schildkröte. Ich verstehe das nicht. Wenn er doch solch ein vielversprechender Magier ist, warum hat er dann nicht ein beeindruckendes Seelentier geschaffen?“
„Du hast keine Geschwister, Liina, oder?“, wollte Teese wissen.
„Nein.“ Liina stellte Teese den Teller mit dem Rührei hin und setzte sich wieder an den Tisch. „Aber was hat das damit zu tun?“
Teese zerteilte das Ei auf ihrem Teller. Es roch ausgesprochen gut und sah perfekt aus. Einen Moment überlegte sie, ob Liina es mit Magie gebacken hatte, doch vermutlich konnte man so hübsches Essen mit viel Übung wirklich auch ganz normal zuzubereiten.
„Wenn er dasselbe Seelentier erschaffen hat“, sagte sie, „dann weil es das seines Bruders war.“ Das war ihr ganz einleuchtend. Wenn sie sich mit ihrer Schwester ein Seelentier teilen würde und Nadine hätte eine Form vorgegeben, dann hätte sie auch nicht einfach etwas anderes daraus gemacht. Doch das schien Liina nicht zu verstehen.
„Das ist doch kein Grund“, sagte sie.
Teese zuckte mit den Schultern und begann zu essen.
Als sie fertig war, half sie Liina, das Geschirr wieder wegzuräumen und ging mit ihr den Inselberg hinauf. Liina wollte in die Bibliothek und Teese wurde bei Dekan Ezzo erwartet. Teese legte den Kopf in den Nacken und sah in den blauen Himmel über Weltenei. Heute würde ein schöner Tag werden, fast schon sommerlich.
Liinas Drache schob sich kurz vor die Sonne, als er über ihnen entlang flog. Ein majestätischer Drache in Goldgelb mit einem Löwenkopf und einer wunderschönen Mähne aus glänzend gelbem Haar, in das rote Bänder geflochten waren. In der Luft gehalten wurde der Drache von filigranen roten Flügeln. Seine Schuppen glänzten wie goldene Spiegel.
Mit ihm würde sich Rinnirs Schildkröte niemals messen können. Kein Seelentier aus ihrem Jahrgang konnte das. Teese liebte Fleck, aber sie wusste, dass er nur ein sehr schönes Kaninchen war. Sie hatte ihr Seelentier angefertigt, um etwas zu haben, was sie lieben konnte, nicht um etwas zu haben, was andere beeindrucken würde.
„Liina. Teese.“
Eine Haustür öffnete sich und Rinnir kam heraus. Er streifte sich eilig seine weiße Schärpe über, während er zu ihnen aufschloss. Teese entschied, dass sie schon viel früher hätte merken müssen, dass dies ein anderer Junge war als jener Rinnir, den sie gekannt hatte.
Sie hatte sich von seinem braven Kurzhaarschnitt in die Irre führen lassen und alle Unterschiede, die sie bemerkt hatte, darauf zurückgeführt. Aber dieser Rinnir war wirklich der brave und nette Junge, nach dem er aussah, ruhig und ausgeglichen. Sein Bruder war auch nett gewesen, aber ein unruhiger und rebellischer Charakter mit längeren Haaren, deren Strähnen ihm verwegen ins Gesicht fielen.
„Geht Ihr in die Bibliothek?“, wollte Rinnir von den beiden Mädchen wissen.
„Ich schon“, antwortete Liina.
„Dann komme ich mit“, sagte Rinnir. „Ich will etwas über magische Harmonien nachlesen.“ Er sah zu Teese. „Wie war Deine Reise, Teese?“
„Interessant.“ Teese ging ein wenig zur Seite, als ihnen von oben ein Flügelpferd entgegen kam, das am Halfter geführt wurde.
Der Weg, der sich um den Berg wand, bestand aus Kopfsteinpflaster und einigen Stücken langgezogener Treppen, deren einzelne Stufen jeweils länger waren als Teese groß. Sie waren so gebaut, dass magische Wesen egal ob Flügelpferde oder Drachen den Weg zu Fuß bewältigen konnten.
Flügelpferde flogen allerdings bevorzugt. Dieses hier musste wohl flügellahm zu sein. Seth führte es den Torbogen hindurch und an Liina, Rinnir und Teese entlang.
„Hulluh“, murmelte er ohne stehen zu bleiben.
„Hallo Seth“, grüßten die anderen drei.
Der kleine Junge lächelte und passierte sie wortlos. Vielleicht sprach er in Gedanken mit dem Pferd. Teese konnte zwar nichts hören, aber sie kannte Seth und sein Talent in Tiermagie.
„Wieder ein Tier mehr für unseren Stall“, kommentierte Liina, während sie weiter gingen.
„Ihr seid eine halbe Tierarztpraxis, oder?“, wollte Rinnir wissen.
„Irgendwie schon“, stimmte Teese zu. „Immer wenn ein Tier krank ist, wird Magister Nabi gebeten, sich darum zu kümmern. Im letzten Jahr hatten wir sogar eine kranke Chimäre bei uns.“
„Wir können von Glück sagen, dass sie uns nicht das Haus abgefackelt hat“, bemerkte Liina trocken.
„Sie hatte ein Problem mit ihrem Feuer“, fügte Teese erklärend hinzu.
Die Chimäre hatte dem Grafen von Awrosch gehört. Nachdem sie wieder gesund geworden war, war sie zurück nach Awrosch geschickt worden. Teese fragte sich, was aus ihr geworden war. Sie hatte sie in Awrosch nicht gesehen. Sie hatte aber gehört, dass der Graf eine Reihe magischer Tiere besaß. Vielleicht gab es eine Art Zoo. Sie bedauerte, dass sie sich nicht danach erkundigt hatte.
„Ich bin gegen sieben zum Abendessen in der Taberna“, sagte Liina zu Teese, als sie den großen Platz erreichten, auf welchem die Flügelpferde starten und landen konnten.
„Um sieben“, wiederholte Teese. „Okay. Das schaffe ich bestimmt.“
„Dann sehen wir uns nachher.“
Liina und Rinnir passierten das Dekanat und schlugen den Weg zum Magieturm ein. Teese hingegen ging direkt zu der steinernen Treppe, die am Dekanat hinauf zur Eingangstür führte. Sie klopfte an und wartete.

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