Zwei Brüder (11/18)

Posted on Januar 31, 2014

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Und vielleicht war es wirklich einfach nur Schlaf gewesen, den sie gebraucht hatte, denn als sie am Morgen erwachte, fühlte sich Teese besser und voller Tatendrang. Sie war so lange nicht auf Weltenei gewesen und hatte unvermittelt so viele Dinge, die sie erledigen wollte. Doch erst einmal gab es Frühstück.
Als Teese ins Erdgeschoss kam, roch es nachwürziger Suppe und Maultaschen und das hieß, dass Liina frühstückte, denn so etwas konnte man nur in China zum Frühstück mögen.
„Guten Morgen“, grüßte Teese.
„Guten Morgen, Teese.“ Liina sah von ihrem Teller auf und schob im nächsten Moment bereits ihren Stuhl zurück. „Magst Du Rührei und Speck haben? Wir haben eine ganze Stiege Eier bekommen.“
Teese nickte. „Klar. Gerne.“
Sie setzte sich, während Liina sofort geschäftig zu hantieren begann. Vom ersten Tag bei Magister Nabi an, hatte Liina die Küche in Beschlag gelegt. Es schien ihr wirklich Spaß zu machen zu kochen, selbst wenn es hieß, ihr eigenes Essen kalt werden zu lassen. Teese hatte es sich abgewöhnt, deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben. Wenn es Liina nicht gefallen würde, dass sie sie alle bekochte, würde sie es sicher sagen.
„Wo sind die anderen?“, wollte Teese wissen, während Liina Eier verquirlte.
„Seth und Flaumschnabel sind mit Magister Nabi bei den Flügelpferden“, erklärte Liina. „Irgendein Notfall.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Fenn hat Messerkampf-Training und Yophus ist in der Bibliothek.“
„So früh?“ Teese überlegte fieberhaft, was ihr Stundenplan für heute vorsah. Sie hatte vollständig verdrängt, dass sie nun natürlich auch wieder Unterricht haben würde und eine Menge zusätzlicher Übungen und Lektüren, die sie für Dekan Ezzo, Magister Elgin und Selm zu bearbeiten hatte.
„Yophus ist sehr fleißig“, sagte Liina und sie klang anerkennend.
Teese seufzte. Sie hörte den unausgesprochenen Fortgang des Satzes: anders als Du.
„Während Du unterwegs warst, haben wir eine Menge Stoff durchgenommen. Du wirst nacharbeiten müssen.“ Liina goss das Ei in eine Pfanne, in welcher bereits Speck brutzelte.
„Ja“, brummte Teese wenig begeistert.
„Außerdem habe ich während Deiner Reise an Rinnirs Brief gearbeitet“, fuhr Liina for.
„Oh“, entfuhr es Teese. „Also weißt Du…“ Sie hatte ganz vergessen, Liina von ihrer eigenen Entdeckung zu berichten. Aber sie kam nicht dazu es nun nachzuholen.
„Nein, warte, Du wirst überrascht sein“, fiel ihr Liina ins Wort und rührte in der Pfanne. „Ich habe es wirklich geschafft, die Schrift wieder halbwegs lesbar zu machen. Dieser Brief ist eine Anleitung, eine Anleitung wie Weltenei funktioniert, wer hier wer ist und mit wem Rinnir etwas zu tun hatte. Es ist ein Brief von Rinnir an seinen Bruder… Rinnir.“
„Es sind Zwillinge“, sagte Teese. „Und der andere ist in diesem Schuljahr nach Weltenei gekommen.“
Liina hielt in ihrer Rührbewegung inne. „Du… weißt das schon?“ Ihre Stimme klang im ersten Moment enttäuscht. Doch Teese hörte eine unterschwellige Anklage in ihren Worten. Sie hätte es ihr sagen sollen und wenn sie Liina dazu hätte wecken müssen.
„Ja, in der Nacht vor meiner Abreise habe ich ein Gespräch mitgehört, in dem es darum ging“, beeilte sie sich zu erklären. „Im Schlaf bin ich in Magister Elgins Gedanken geraten und habe die Sitzung des Magisterrats verfolgen können. Dekan Ezzo hatte den Verdacht schon länger, dass Rinnir, also dass Daniel und Gabriel ihre Plätze getauscht haben.“
„Das erklärt, warum die Magister so souverän reagiert haben.“ Liina nickte nachdenklich. Teese stellte erleichtert fest, dass der anklagende Unterton aus ihrer Stimme verschwunden war.
„Souverän?“, wollte sie wissen.
„Sie haben Rinnirs Seelentier aufgelöst und sein Bruder hat die übrig gebliebene Aura-Kugel neu befüllt“, erklärte Liina. „Devin hat es Fenn erzählt.“
„Sie haben das Seelentier aufgelöst?“ Teese dachte mit Entsetzen daran, unter welchen Qualen Ro bei diesem Vorgang gelitten hatte.
„Ja, anscheinend hat es auf den Magier überhaupt keine Auswirkung, wenn er sich nicht in der neuen Welt befindet.“
Teese atmete tief durch. „Gott sei Dank“, murmelte sie.
„Na, sonst hätten sie es nicht gemacht, oder?“ Liina verdrehte die Augen.
„Ja, bestimmt nicht.“ Teese konnte sich nicht helfen, aber irgendwie war sie sich bei Dekan Ezzo in solchen Fälle nie allzu sicher. Wobei er die Erinnerungsschiffe natürlich ebenfalls gesehen hatte. Auch er wusste, was es bedeutete, die Vernichtung des eigenen Seelentiers miterleben zu müssen.
„Sie haben das Seelentier auch nicht wirklich zerstört“, fuhr Liina fort. „Sie haben es nur aufgelöst und die gesamte Magie zurück in die Kugel gegeben. Sie war wohl zur Hälfte gefüllt, als der neue Rinnir sie bekommen hat.“
„Und jetzt füllt er sie“, stellte Teese fest.
„Nein.“ Liina schob das fertige Rührei und den Speck gekonnt auf einen Teller. „Er hat sie bereits gefüllt und sein Seelentier hat er auch gefertigt.“
„Das ging aber schnell“, stellte Teese fest.
„Ja“, meinte Liina gedehnt. „Er besitzt wohl ein ziemlich starkes Talent. Aber er hatte auch nur noch die zweite Hälfte zu füllen.“
Liina mochte es, wenn andere fleißig waren und gut in dem, was sie taten. Aber sie sollten nicht fleißiger und besser sein als sie. Da war sich Teese sicher. Liina wollte die beste sein. Immer und in allem.

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