Zwei Brüder (10/18)

Posted on Januar 24, 2014

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„Eiche?“, wiederholte Magister Nabi. Sie schüttelte betrübt den Kopf. „Nein, es tut mir leid. Ich bin nicht zufrieden.“
„Dann kann ich Dir auch nicht helfen.“ Ro zuckte mit den Schultern und legte die Schwerter zurück. Behutsam schloss er die Kiste. „Vielleicht gibst Du es einfach auf.“
Magister Nabi verschränkte die Arme vor der Brust. „Und sterbe einfach.“
„Das habe ich nicht gesagt.“ Ro wirkte gereizt.
„Du hast keine Vorstellung davon, wie gerne ich aber einfach genau das machen würde.“ Magister Nabis Stimme klang unerwartet eisig. „Da gäbe es eine Menge in der alten Welt wofür ich liebend gerne meine Magie einsetzen würde.“
„Und was hält Dich dann davon ab?“ Ro klang nun ebenso kalt und abweisend.
„Die Vorstellung, dass ich dann die letzten 120 Jahre umsonst gelebt habe und Deine verfluchte Ansammlung an Magie im Nirwana verpufft.“ Magister Nabi wandte sich ab und sah demonstrativ zur Kellertreppe.
„Das ist bereits geschehen“, kommentierte Ro knapp.
„Nicht alles“, sagte Magister Nabi scharf.
„Nein, aber das was ich zurückhole…“ Ro ließ den Satz ins Leere laufen und brummte unwillig etwas, das Teese nicht verstand.
„Ja, jetzt liegen diese Kugeln sicher verwahrt im Magieturm“, setzte Magister Nabi nach. “Aber sobald ein Dekan es Dir erlauben wird, sie an Dich zu nehmen, wirst Du genau das tun. Und ein Dekan, wer immer es auch sein wird, der Dir das erlaubt, wird vorher absolut davon überzeugt sein müssen, dass Du mit dieser Magie stirbst und sie für die alte Welt freisetzt.“
Ro zuckte unbeeindruckt mit den Schultern, aber Teese hatte das Gefühl, dass seine Ruhe eine äußere Maske war, aufgesetzt, um zu verstecken, dass ihn diese Worte aufregten, aufwühlten oder erschreckten. Was davon der Fall war, konnte Teese nicht sagen. Sie verstand ohnehin nicht alles, was die beiden hier sprachen.
Nun, sie verstand, dass Magister Nabi von der Magie sprach, die Ro den kranken Kindern abgenommen hatte. Magie, die einst seine gewesen war, bei seiner Bestrafung freigesetzt worden war und jetzt in der Welt auf Kinder übersprang, die keine Magier werden konnten. Dass die Kugeln, die Ro mit Magie füllte, irgendwo gesammelt wurden, hatte Teese vermutet. Wo sie im Magieturm lagern sollte, war ihr allerdings nicht klar. Es mussten Unmengen an Kugeln sein.
Und Teese wurde klar, dass sich die Frage stellte, warum Ro sie zurückholte. Um den Kindern zu helfen, für deren Tod er sonst verantwortlich wäre? Oder um die Magie eines Tages für sich zu nutzen?
Dann würde er natürlich damit argumentieren, dass er die Magie wieder in sich aufnehmen müsse, um sie bei seinem Tod freizusetzen. Und das würde der Dekan auch glauben müssen, der ihm erlaubte, die Magie wieder an sich zu nehmen. Dekan Ezzo würde das nicht das. Sowohl Ro als auch Magister Nabi schienen sich darin einig zu sein und Teese sah das nicht anders. Der Dekan nutzt Ro und sein Wissen, aber er misstraute seinen guten Absichten.
„Wie willst Du das jemals erreichen, wenn Du nicht einmal mich überzeugen kannst?“, wollte Magister Nabi herausfordernd wissen.
„Dich zu überzeugen habe ich nicht vor“, sagte Ro schließlich.
„Eben“, erwiderte Magister Nabi. „Genau deswegen warte ich darauf. Und wenn es noch einmal 120 Jahre dauern wird. Bilde Dir nur nicht ein, dass Du es Dir so einfach machen kannst.“
Und mit diesen Worten ging die Magister zur Treppe und verließ den Keller. Ro und Teese blieben zurück.
Teese stand im Raum, unschlüssig, was sie jetzt machen sollte. Der Magister folgen? Hier blieben? Sie sah zu Ro.
Der ließ sich zu Boden sinken und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Kellerwand. „Hast Du verstanden, was sie gesagt hat?“, wollte er schließlich von Teese wissen.
Teese schüttelte den Kopf. „Nein, also nicht alles.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Aber ich verstehe selten alles, was sie sagt.“
Ro schnaubte belustigt. „Was frage ich das ausgerechnet Dich?“, murmelte er. „Seit damals versteht sie niemand mehr.“
„Sie war nicht immer so?“, wollte Teese überrascht wissen.
„Nein, natürlich nicht“, entfuhr es Ro, so als wäre der Gedanke absurd. „Bis zu dem Tag, an welchem sie mein Seelentier vernichtet haben, war sie“ – es schien als suche er nach einem Wort und musste passen – „anders.“
„Und warum ist sie jetzt so?“
Ro machte eine vage Geste. „Wer weiß das schon. Vermutlich ist auch das meine Schuld.“
Er sah zu der Kiste mit den Erinnerungsschiffen. „Hat sie Dir meine Kugeln zum Betrachten gegeben?“, wollte er wissen.
Teese schüttelte eilig den Kopf. „Nein, ich habe sie selbst entdeckt und eine angesehen, bevor ich wusste, was genau darin ist, aber…“
Ro sah Teese fragend an. „Aber?“
„Aber sie hat mir gesagt, ich soll die Übrigen auch ansehen“, sagte Teese. Und als Ro nicht darauf reagierte, setzte Teese hinzu. „Soll ich das?“
„Du wirst nichts mehr aus ihnen erfahren, was Du seit spätestens heute nicht ohnehin schon weißt.“ Ro winkte ab. „Ja, sieh sie Dir an. Vielleicht lernst Du noch irgendetwas daraus. Anscheinend fehlt mir die Einsicht dafür, was Du Dir auf welche Weise aneignen kannst.“
Er schien Teese irgendwie desillusioniert.
„Es tut mir leid, dass ich keine gute Schülerin bin“, sagte sie daher.
„Du bist eine gute Schülerin“, erwiderte Ro. „Ich bin einfach nur der falsche Lehrer für Dich.“ Er seufzte und stand auf. „Ich werde Dekan Ezzo nahelegen, dass weitere zusätzliche Übungsstunden mit mir Deine Ausbildung nicht fördern werden.“
Teese senkte den Kopf. Zu ihrem eigenen Erstaunen war sie enttäuscht. Sie hätte darüber jubeln müssen, endlich ihre ungeliebten Trainingsstunden mit Ro los zu werden. Warum fühlte sie sich bei der Vorstellung aber eher leer und deprimiert?
„Ich denke, es ist Zeit für mich, nach Hause zu gehen“, fuhr Ro fort. „Und Du solltest schlafen gehen.“
Teese seufzte leise. „Ja.“
Für mehr fand sie keine Worte. Vielleicht war schlafen wirklich eine gute Idee. Sie folgte Ro nach oben. Während er das Haus verließ, sah Teese noch einmal nach Nanu und ging dann hinauf in ihr Zimmer.
Von Magister Nabi fehlte jede Spur. Im Haus war es still. Flaumschnabel schlief bereits, als Teese in das Zimmer kam. Es war ungewohnt aufgeräumt und wirkte auf Teese unbewohnt und überhaupt nicht wie ihr Zimmer. Sie machte sich eilig bettfertig und war wenig später bereits eingeschlafen.

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