Zwei Brüder (9/18)

Posted on Januar 20, 2014

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Teese betrachtete Ro, während er mit Magister Nabi sprach. Irgendwie war ihr als würde sie ihn zum ersten Mal sehen, nun da sie seinen Namen kannte: Johann Adam Branner. Sie hatte den kleinen Jungen gesehen, der er einst gewesen war. Wirklich klein, schlank und fast zerbrechlich wie Seth.
Er war auch nun nicht hochgewachsen – Teeses Großmutter hatte ihr einmal gesagt, früher seien die Menschen kleiner gewesen als heute. Schlank war er auch noch aber eher drahtig und durchtrainiert wie ein Karatekämpfer. Vermutlich kam das vom Schwerttraining.
Sah Teese ihm irgendwie ähnlich? Die Wachen in Thorhafen hatten problemlos geglaubt, sie sei Ros Tochter. Aber wenn sie so sehr nach ihrer Vorfahrin kam, dieser Elizabeth Knapp, hatte sie dann überhaupt etwas von Ro geerbt?
Ros Gesichtszüge wirkten streng und missbilligend, die Augen waren grau, sein Blick berechnend und abschätzend. Aber sie hatte bereits ein paar Mal andere Regungen auf seinem Gesicht gesehen, Staunen, Furcht und sogar Freude. Dann wirkte er völlig anders. Vielleicht wirklich ein wenig wie sie.
Trotzdem entschied sie, dass sie wenig von seinem Aussehen geerbt hatte. Ihr kam der Gedanke, ob sie andere Dinge geerbt haben konnte. Ro war intelligent, berechnend und – da war sich Teese sicher – sehr diszipliniert und fleißig. Eher wie Liina, überhaupt nicht wie sie.
Das einzige, was sie teilten, waren ihre magischen Fähigkeiten. Aber magisches Talent war nicht erblich, wie Teese wusste. Trotzdem hatten sie dasselbe Talent, waren beide Sympathiemagier. Und ihre Magie hatte dieselbe Farbe und sie fühlte sich vertraut an. War das ein Zufall?
„Worauf willst Du hinaus?“, brachte Ros Frage Teese aus ihren Gedanken zurück in den Keller unter Magister Nabis Haus und zu der Unterhaltung, die immer noch im Gange war. Die Frage hatte der Magister gegolten, die fast unbeteiligt zwischen ihnen stand.
„Teese ist nicht wie Du“, beantwortete Magister Nabi die Frage auf ihre Art. So, dass Teese nicht im Geringsten verstand, wie dies die Antwort auf Ros Frage sein könnte. „Aber sie ist auch nicht wie Elizabeth. Sie ist wie Winna.“
„Nein, das ist sie nicht.“ Ro sprach die Worte hart und entschlossen aus, fast als wäre dies etwas Abartiges, was nicht zur Debatte stand.
„Sie ist ein nettes Mädchen, sie hat Talent aber sie ist nicht ehrgeizig“, sagte Magister Nabi. „Sie versteht nicht immer alles, was man ihr erklärt und braucht für viele Dinge länger als andere.“
„Sie ist nicht dumm“, stellte Ro energisch fest.
„Winna war auch nicht dumm“, hielt Magister Nabi dagegen.
Die beiden maßen sich mit stummen Blicken. Teese verstand nicht im Geringsten, worum es hier eigentlich wirklich ging. Was für eine Rolle spielte sie, ob sie wie Dekanin Winna war oder nicht?
„Du hast sie unterrichtet“, sagte Magister Nabi schließlich. „Manchmal brilliert sie einfach so aus dem Nichts wie ein magisches Genie. Aber hast Du sie zu einer perfekten kleinen Schwertkämpferin gemacht? Hast Du ihr starke Sympathiemagie beibringen können?“
Teese dachte an ihre fruchtlosen Trainingseinheiten mit Ro und daran wie er versucht hatte, ihr zu vermitteln, wie man mit Magie zu Boden schweben konnte wie eine Feder. Ro dachte vermutlich an genau dasselbe. Er schien mit der Antwort zu ringen als wolle er sie nicht von sich geben.
Dann schüttelte er den Kopf. „Nein.“
„Aber trotzdem hat sie kleine Fürstin aus der Burg schweben lassen. Trotzdem hat sie ein Feuerschwert hervorgebracht, mit dem Du Dich kaum hättest messen können.“ Magister Nabi hob die Hand, um einen Einwand von Ro im Keim zu ersticken. „Ja, ich habe davon erfahren“, sagte sie nur. „Von wem, tut nichts zur Sache. Was zählt ist doch der Grund dafür. Wer hat ihr das denn alles beigebracht, wenn Du es nicht konntest?“
„Fürst Edomar hat das getan“, sagte Teese.
Magister Nabi wandte den Blick und sah Teese irritiert an, so als habe sie vergessen, dass das Mädchen noch immer anwesend sei. Und so als habe sie etwas vollkommen Falsches gesagt.
„Wie?“, wollte sie verwirrt wissen.
„Fürst Edomar hat mich auf die Idee gebracht, die Schwerter als magischen Schutz zu benutzen“, erklärte Teese. „Und er hat mir auch klar gemacht, dass ich nicht einfach genauso zaubern kann wie Ro, weil ich mir die Zusammenhänge anders vorstelle als er.“
Zu Teeses Überraschung lachte Ro, leise aber wirklich belustigt. „Eine Sackgasse in Deiner Argumentationskette, Feuerschopf“, sagte er.
Und es klang als wolle er Magister Nabi aufziehen, necken. Nie zuvor hatte Teese zudem gehört, wie jemand die Magister ‚Feuerschopf‘ genannt hatte. War das eine Art Spitzname aus Kindertagen?
„Aber…“ Magister Nabi musste sich erst einmal sammeln. Doch dann bemerkte Teese wie ein triumphierendes Lächeln auf ihrem Gesicht erschien. „Aber warum glaubst Du, hat er Teese solche Dinge zeigen können und nicht Du?“
Ro schwieg. Doch Teese wusste die Antwort.
„Fürst Edomar hat versucht herauszufinden, wo mein Problem liegt“, sagte sie. „Und dann hat er mir Möglichkeiten gezeigt, es selbst zu lösen. Ro hat…“
Ro erhob sich. Er wirkte auf Teese nachdenklich.
„Ro hat geglaubt, dass der einzig richtige Weg, etwas zu lernen, sei, es genauso zu lernen wie er selbst.“ Ro hatte die Worte selbst gesprochen, von sich selbst in der dritten Person geredet. Es klang merkwürdig in Teeses Ohren.
„Gut, der Punkt geht schließlich doch noch an Dich, Feuerschopf“, fuhr er fort. „Das war mein Fehler, nicht ihrer.“
„Wessen?“ Magister Nabis Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Teese spürte die Spannung, die in der Luft lag, ohne zu verstehen, warum.
„Teeses“, sagte Ro. „Und Winnas. Aus einer Efeuranke kann man keine Eiche mache. Wer das erwartet…“ Er zuckte mit den Schultern. „Mein Fehler“, wiederholte er schließlich nur. Er sah auf und sah Magister Nabi an. „Zufrieden?“

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