Zwei Brüder (8/18)

Posted on Januar 17, 2014

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Dekan Ezzo erhob sich von Tisch und wünschte allen eine gute Nacht. Ro wollte ihm nach draußen folgen, doch Magister Nabi hielt ihn zurück. „Bleib noch einen Moment Ro.“
Teese war sich nicht sicher, ob er auf ihre Worte gehört hätte. Aber ihre Hand hatte sich auf seine Schulter gelegt und die Berührung schien Ro erstarren zu lassen. Dekan Ezzo verließ das Haus und schloss die Tür hinter sich.
„So und jetzt machen sich Seth und Weißfleckfederkielflaumschnabel bettfertig“, sagte Magister Nabi in Richtung der Tür zum Garten. „Und Yophus und Lena ebenfalls.“ Sie wandte ihren Blick die Treppe hinauf, wo der Gang zu den Zimmern in der Dunkelheit nur zu erahnen war.
Die Tür in den Garten wurde geöffnet und Seth und Flaumschnabel kamen hereingehuscht. Seth murmelte etwas was vielleicht eine Entschuldigung sein sollte und eilte unter Magister Nabis strengem Blick die Treppe hinauf. Oben im Gang waren Schritte zu hören, bevor Seth oder Flaumschnabel dort angekommen waren.
Hatten sie etwa alle gelauscht? Seth und Flaumschnabel draußen an der Tür, Yophus und Liina oben im Gang?
„Und ihr zwei kommt mit mir in den Keller.“
Magister Nabi ging in den Gang im Erdgeschoss und Teese folgte ihr. Das Licht flammte von selbst auf, als sie die Tür in den Keller öffnete, den Ort an welchem Magister Nabi nicht nur den Vorrat an Lebensmittel lagerte, sondern auch persönliche Dinge.
Teese war hier bereits zuvor gewesen und erkannte einige Dinge sofort wieder. Da war das schöne gelbe Gewand, das an einem der Regale hing und mit seltsamen Mustern verziert war, die beiden Trommeln und die afrikanische Maske, verschlossene Tonkrüge, silberne Glöckchen, gewebte Decken und geschnitzte Holzschalen.
Im hinteren Teil standen mehrere Kisten. In einer davon befanden sich die Erinnerungsschiffe, die Ro in seiner Zeit als Dekan angefertigt hatte. Teese hatte eine seiner Kugeln angesehen, bevor sie gewusst hatte, wessen Erinnerungen in ihr steckte. Magister Nabi hatte ihr gesagt, sie solle sich auch die anderen ansehen, aber Teese war ihren Worten bisher nicht nachgekommen. Sie hatte sich insgeheim vor dem gefürchtet, was sie sehen würde.
„Du hast…“, setzte Ro an und verstummte.
Er ging an Teese und der Magister vorbei und beugte sich zu einer der Holzkisten hinunter. Er öffnete sie. Teese kam neugierig näher und sah, was in ihr lag. Zwei Schwerter. Seine beiden Schwerter. In seiner Erinnerung hatte Teese sie geführt und hatte ihre Macht durch sich pulsieren gefühlt. ‚Macht‘ und ‚Magie‘ hießen die beiden Klingen. Sie waren blankpoliert und wirkten wie teure Antiquitäten, so wie sie auf einem Bett aus weichem Stoff in der Truhe lagen.
„Du hast Winna belogen“, sagte Ro. Er hatte eine weitere Truhe geöffnet. In ihr befanden sich Bücher, in einer anderen lagen verschiedene Dinge durcheinander: Roben, Schmuckstücke, ein Messer, ein Elefant aus Elfenbein.
„Sie hat mir nie den Auftrag gegeben, die Dinge zu vernichten“, sagte Magister Nabi mit einem halben Schulterzucken.
Teese bemerkte zu ihrer Überraschung dass Ro leicht schmunzelte. Magister Nabi wandte sich Teese zu. „Du weißt nun, wer Ro einmal war“, sagte sie. „Weißt Du inzwischen auch, wer Du bist?“
Teese sah die Magister unsicher an. „Ich verstehe die Frage nicht ganz.“ Sie war Teese, Dekananwärterin Teese.
„Du weißt, wer sie ist, oder?“ Magister Nabi sah zu Ro.
Er schwieg, seinen Blick auf die Waffen gerichtet, die in der vorderen Kiste lagen.
„Sie ist die Nachfahrin von Elizabeths und Eurem gemeinsamen Sohn“, fuhr Magister Nabi fort.
Ro wandte sich um. Sein Gesicht wirkte wieder starr und missmutig. „Woher willst Du das wissen?“
„Ich bin weder blind noch blöde“, schnaubte die Magister. „Sie ist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Die hübschen Augen, die neckische Nase, der helle Teint mit den Sommersprossen, die dunklen Haare, die Art wie sie lacht.“
Teese machte große Augen, als sie verstand, vom wem Magister Nabi sprach. Elizabeth, das musste die Mutter von Johann Adam Knapp sein, dessen Grabstein sich zu Hause auf dem Friedhof befand. Ihr Vorfahre, von dem ihre Großmutter ihr erzählt hatte, dass er das uneheliche Kind eines Abtes gewesen war, der in Frankreich ein Kloster geleitet hatte – Weltenei. Sie hatte nachgerechnet und so herausgefunden, dass Ro dieser Mann gewesen sein musste, ihr Vorfahre.
Ro aber hatte nicht herausfinden können, dass sie eine Nachfahrin seines Sohns war. Dazu hätte er in die alte Welt zurückkehren müssen. Sie hatte sich gewundert, woher er es dennoch gewusst hatte, als er sie auf der Brücke am Standbild von Dekanin Vela hatte schwören lassen, dass sie sein Fleisch und Blut sei. Aber jetzt war es Teese auf einmal völlig klar. Sie sah ihrer Vorfahrin ähnlich. So ähnlich, dass selbst Magister Nabi diese Ähnlichkeit nach all diesen vielen Jahren aufgefallen war.
„Sehe ich ihr so ähnlich?“, wollte Teese dennoch verblüfft wissen.
„Ja.“ Magister Nabi lachte fröhlich.
„Ja.“ Ros Stimme klang kalt und tonlos. Traurig, entschied Teese.
„Ich wusste bisher nicht einmal ihren Namen“, sagte Teese. „Nur den ihres Sohnes. Johann Adam.“
Ro starrte Teese an. „Sie hat ihn wie genannt?“
„Johann Adam Knapp“, wiederholte Teese.
„Nach seinem Vater“, sagte Magister Nabi und wirkte irgendwie glücklich bei diesen Worten.
Teese hielt inne. Ro hieß Johann Adam? Und seinen Nachnamen kannte sie auch. Der hatte ebenfalls auf dem Grabstein gestanden. Ihre Großmutter hatte Teese erklärt, dass alle das Kind nach seinem Vater gerufen hätten, nicht Knapp wie die Mutter, sondern Branner wie der Vater. Ro hieß also Johann Adam Branner.

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