Zwei Brüder (7/18)

Posted on Januar 9, 2014

0


Teese hörte nur mit einem Ohr zu, während Ro dem Dekan berichtete, welche Lektionen Teese in den beiden Büchern gelesen hatte, wieviele Stunden Schwerttraining sie absolviert hatte und in welchen Zaubern sie sich mit welchem Erfolg versucht hatte.
Sie fühlte sich seltsam verkehrt am Platz. So als wäre dies ein einziger Traum. Sie war Teese, unverkennbar und sie schlief nicht, sondern war wach, aber sie traute sich selbst nicht zu, was sie gerade den Erwachsenen erzählt hatte und wie sie ihre Worte gefunden hatten.
‚Keine Angst, Teese‘, meldete sich Fleck zu Wort. ‚Ich glaube, genau das meinte Dekan Ezzo damit, dass Deine Reise erfolgreich gewesen ist.‘
‚Aber ich habe nirgends gelernt, wie die Welt funktioniert und wie man sie besser machen könnte‘, wandte Teese ein.
‚Du hast viele Menschen getroffen und Du hast über viele von ihnen nachgedacht‘, hielt Fleck dagegen. ‚Du bist es, deren Name in der Quelle steht. Du bist eine Art Auserwählte. Das ist Deine besondere Gabe und je mehr Du lernst, desto mehr wächst Du.‘
Teese rümpfte die Nase bei diesen Worten. Auserwählte. Das klang ihr viel zu erhaben als dass es sie bezeichnen könnte.
‚Aber ich bin nicht Besonderes‘, sagte Teese schließlich. ‚Vielleicht habe ich auf dieser Reise ein paar Dinge getan, die andere beeindruckt haben, aber ich bin nicht halb so klug, talentiert und fleißig wie Liina.‘
‚Dafür lässt Du Dich auf andere Menschen ein, hörst zu, was sie sagen und versuchst sie zu verstehen.‘
‚Aber das kann jeder. Das ist nichts Besonderes.‘
‚Vielleicht könnte das wirklich jeder. Aber etwas können und etwas machen, sind unterschiedliche Dinge.‘
Teese seufzte stumm. ‚Wenn Du meinst‘, sagte sie halbherzig. ‚Aber diese plötzliche Beredsamkeit, die ist doch wirklich neu. So bin ich nicht.‘
‚Hast Du jemals wirklich über Dinge sprechen müssen, die Du glaubst und für richtig hältst?‘, wollte Fleck wissen.
‚Wie meinst Du das?‘
‚Das hier war keine Prüfung in Sachkunde und auch kein Abfragen von magischem Wissen‘, erklärte Fleck. ‚Sie wollten Deine Meinung hören und Du hast ihnen gesagt, was Du denkst.‘
‚Aber dass man die Welten wirklich trennen sollte, der Gedanke ist mir doch eben erst gekommen.‘ So schnell gab Teese nicht auf.
‚Das glaube ich nicht. Manchmal weiß und versteht man Dinge lange bevor der Verstand die Zusammenhänge durchschaut hat‘, sagte das Seelentier. ‚Davon abgesehen bin ich nicht sicher, ob es wirklich schon die endgültige Lösung ist, denn sie hat auch Mängel.‘
‚Oh.‘ Teese fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen. ‚Welche denn?‘ Sie hatte selbst daran geglaubt, die perfekte Lösung für die Welt aus dem Ärmel geschüttelt zu haben.
‚Wenn Du die Welten wirklich trennen wirst, werden sich alle Magier endgültig und absolut für eine entscheiden müssen – Dich eingeschlossen‘, erklärte das Kaninchen. ‚Ich welcher Welt würdest Du bleiben? Hier bei mir und Deinen Freunden oder bei Deinen Eltern und Deiner Schwester? Du würdest nie mehr zu ihnen zurückkehren können. Nie wieder. Das bedeutet absolute Trennung doch.‘
Teese schwieg. Soweit hatte sie nicht gedacht. Sie hatte eine Modell-Lösung für alle erdacht, ohne nachzudenken, wie sich dies auf den Einzelnen auswirken würde.
‚Und was ist mit den Nichtmagiern?‘, setzte Fleck nach. ‚Sie sind weiterhin Nichtmagisch, oder? Und können weiterhin neidisch auf die Magier sein. Oder sollen sie alle in die alte Welt?‘
Teese fühlte sich unvermittelt enttäuscht. Sie hatte sich an einem Problem versucht, das wohl deutlich eine Nummer zu groß für sie war.
„Nun, ich denke, damit bin ich im Bilde, was diese Reise angeht.“
Ro hatte seinen Bericht beendet und Dekan Ezzo hatte das Wort ergriffen.
„Ihr habt einen langen und“ – er sah zu Teese – „aufregenden Tag hinter Euch. Es wird Zeit ins Bett zu gehen. Komm morgen bitte nach dem Frühstück ins Dekanat, damit ich Dich ins Hospital begleiten kann. Magister Pietro hat nach Dir gefragt, kaum dass er wieder des Sprechens mächtig war. Hätte Magister Mintal ihm nicht strikte Bettruhe verordnet, er wäre heute Abend schon mit mir gekommen.“
Teese nickte, unschlüssig was sie sagen sollte. Das war wohl ihr erstes großes Wunder. Dass sie Magister Pietros Double zerstört hatte und den berühmten Schriftmagier erlöst. Etwas, das vor ihr so viele versucht hatten und daran gescheitert waren.
Nur, dass sich Teese darauf überhaupt nichts einbildete. Wäre es ihr Ziel gewesen, Magister Pietro aus seinem Portrait zu befreien; hätte sie sich darüber Gedanken gemacht, wie man das bewerkstelligen könnte; hätte sie diese Gedanken dann in Taten umgesetzt und wäre erfolgreich gewesen – dann hätte auch Teese darin eine große Tat sehen können. So war es in ihren Augen ein Unfall, mit einem glücklichen Ergebnis.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements