Zwei Brüder (6/18)

Posted on Januar 6, 2014

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„Ich glaube auch nicht, dass es das Problem löst“, sagte Teese dann, indem sie schließlich Dekan Ezzo zustimmte. „Das Problem sind nämlich nicht die Nichtmagier oder die Magier oder die Menschen in der alten Welt. Das Problem sind alle Menschen, die andere um etwas beneiden, was sie gerne hätten, sie deshalb fürchten oder verehren.“
Die Worte kamen ihr ganz wie von selbst und klangen in Teeses Ohren viel zu klug für sie selbst. Aber es waren ihre Worte und ihre Gedanken. Nur dass sie sie noch nie so klar hatte ordnen und aussprechen können.
„Das Problem ist, dass es Magie und Inspiration gibt. Dass es Menschen mit magischen Fähigkeiten gibt und Menschen ohne diese. Das Problem würde erst gelöst, wenn alle Menschen gleich wären, wenn alle die gleichen Möglichkeiten hätten.“
Sie gestikulierte ein wenig hilflos, um ihren Worten mehr Gewicht zu verleihen. „Nicht jeder Mensch muss wirklich Magier werden oder Wissenschaftler. Aber jeder muss die Möglichkeit dazu haben. Nur dann sind Menschen glücklich: wenn sie denken, dass sie selbst alles werden können, was andere auch geworden sind.“
„Diesen Zustand werden wir nie erreichen“, sagte Dekan Ezzo. „Das Leben besteht aus Licht und Dunkelheit. Das Licht kann nicht dunkel werden, die Dunkelheit nicht hell. Diese Möglichkeit besteht nicht.“
„Aber Licht und Dunkel kann man trennen“, sagte Teese langsam. „Das ist es, was Dekan Zeni sich gedacht hat.“ Erst jetzt verstand sie die ganze Tragweite seines Plans. „Wenn sich Licht und Dunkel nie begegnen, weiß das Dunkel nichts vom Licht und kann nicht neidisch sein auf sein Strahlen.“
Sie dachte für einen kurzen Augenblick nach. „Aber das hat nicht funktioniert. Das Dunkel auf der einen Seite ist zwar völlig Dunkel geblieben. Aber das Licht auf der anderen Seite hat den Schatten hervorgebracht. Kinder von Magiern waren nie vorgesehen. Kinder aus der alten Welt zu holen und als Magier auszubilden war nie vorgesehen. Die Trennung war nicht endgültig und deswegen ist die neue Welt nicht richtig.“
Teese holte tief Luft. „Was also getan werden muss, ist die Welten endgültig und komplett zu trennen.“
„Dann gäbe es allerdings keinen Kreislauf zwischen Magie und Inspiration mehr“, sagte Dekan Ezzo. „Beide Welten würden stagnieren. Die Menschen wären vielleicht tatsächlich glücklich, aber es gäbe keinerlei Entwicklung mehr.“
„Und es wäre genauso schwierig umzusetzen wie beide Welten wieder zu vereinen“, hatte auch Ro einen Einwand vorzubringen. „Wie willst Du das umsetzen? Woher willst Du die Kraft nehmen, die Welten endgültig zu trennen? Ich habe Riesen und Drachen töten müssen, um die nötige Magie in mir aufnehmen zu können.“
„Und das war falsch“, sagte Magister Nabi scharf.
„Ja“, fauchte Ro zurück. „Aber es war die einfachste Möglichkeit – und die einzige, die ich sehe.“
„Die schnellste, die Du gesehen hast“, korrigierte Magister Nabi ihn.
„Hört auf“, sagte Teese laut und erschrak selbst ein wenig vor ihren eigenen Worten. Als wären Ro und Magister Nabi zwei zankende Kinder und sie eine vernünftige Erwachsene, die ihnen etwas zu sagen hatte.
„Dekan Zeni hat die Welten fast vollständig getrennt“, fuhr Teese nach einem Moment fort, in dem tatsächlich alle geschwiegen hatten. „Er hat das alleine geschafft. Es fehlt nur noch ein wenig.“
„Du meinst, Du wirst dies eines Tages schaffen können?“, wollte Dekan Ezzo wissen. Seine Worte klangen ruhig aber Teese spürte seine Anspannung.
„Vielleicht“, sagte sie schließlich. „Aber vielleicht will ich das gar nicht alleine versuchen. Es betrifft doch alle von uns, oder? Warum soll so etwas ein einziger Magier machen, wenn viele helfen könnten?“
Zum erneuten Mal senkte sich Schweigen über den Raum. Teese hatte ein ganz merkwürdiges Gefühl. Als wäre sie ein Lehrer, der versucht hatte, seiner Klasse etwas zu vermitteln oder ein religiöser Lehrmeister seinen Schülern. Unbehagen machte sich in ihr breit. Niemals hätte sie sich so etwas zugetraut. Woher kam diese unerwartete Einsicht und die Fähigkeit, ihre Gedanken so gut in Worte zu fassen?
„Wie ich sehe war Deine Reise überaus erfolgreich, Dekananwärterin Teese“, sagte der Dekan schließlich und wandte sich Ro zu. „Wie sieht es mit den Unterrichtseinheiten aus, die Ihr während der Reise bearbeiten solltet?“

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