Zwei Brüder (5/18)

Posted on Januar 3, 2014

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„Und Du glaubst, dass Fürst Edomar Dir in allen Punkten die Wahrheit erzählt hat?“, ergriff Dekan Ezzo schließlich das Wort, als Teese geendet hatte. „Was die Vorfälle im Turm anbelangt, was seine Rolle bei den Schärgen angeht und was seine Pläne für die Zukunft betreffen?“
„Ehm.“ Teese musste gestehen, dass sie daran nicht wirklich gezweifelt hatte. „Ja“, sagte sie daher, während sie überlegte, woher dieses Gefühl der Sicherheit gekommen war. „Weil er etwas Besonderes in mir gesehen hat. Jemanden, den er nicht anzulügen wagen würde.“
Das klang unglaublich überheblich, musste sich Teese eingestehen. Aber die Worte waren ausgesprochen und es war der Eindruck, den sie selbst gehabt hatte.
„Jemanden, der die Welt verändern wird.“ Ro hatte die Worte ausgesprochen und sie klangen seltsam zwiespältig aus seinem Mund. Als wären sie Lob und Tadel zugleich.
„Ja“, sagte Teese nach kurzem Zögern. „Ich glaube, das erwartet er von mir – von der neuen Dekanin.“
„Es ist schwer, die Welt zu ändern“, ergriff Dekan Ezzo wieder das Wort. „Viele haben es versucht, die meisten sind gescheitert oder die Ergebnisse waren nicht das, was sie hatten erreichen wollen.“
„Aber es zu versuchen“, mischte sich nun Magister Nabi ein, „ist nicht schlecht.“
Ro gab ein undefinierbares Brummen von sich, das nicht wie eine Zustimmung klang.
„Ich habe es versucht und es war schlecht“, sagte er dann.
Magister Nabi zog eine Augenbraue hoch.
Dekan Ezzo warf Ro einen rügenden Blick zu.
Teese schüttelte den Kopf. „Ich weiß noch immer nicht, was genau Du eigentlich wolltest“, sagte sie an Ro gewandt. Das hatte ihr immerhin immer noch niemand gesagt, Ro eingeschlossen, „außer mächtig zu werden, mächtiger als alle anderen Magier.“ Irgendwo in ihrem Inneren hallten die Worte von Magister Gaban wieder: ein Engel, den Göttern gleich
„Oh.“ Magister Nabi schien freudig überrascht. „Das habt Ihr also inzwischen geklärt.“
„Du weißt, von wem Du da sprichst?“, wollte Dekan Ezzo von Teese wissen.
„Dekan Roath“, sagte sie und sah, wie Dekan Ezzo das Gesicht verzog. „Tut mir leid“, beeilte sie sich hinzuzufügen. „Der verfluchte Dekan, der Namenlose. Derjenige, der Ro einst gewesen ist.“
Die drei Erwachsenen sahen Teese gleichermaßen erwartungsvoll an, ohne dass sie verstand, was sie jetzt noch sagen sollte. Sie versuchte zu rekapitulieren, was sie gesagt hatte. Hatte sie irgendetwas übersehen?
„Ich habe die absolute Macht angestrebt“, sagte Ro schließlich als sonst keiner sprach, „um die Welten wieder zu vereinen.“
Teese klappte der Mund auf. „Das…“
„Es erschien mir alle Probleme zu lösen“, fuhr Ro fort. „Dass Magier sich entscheiden müssen, in welcher Welt sie leben wollen, in welcher ihre Familie und in welcher ihre Kinder aufwachsen sollen.“
Das war Ros Ziel gewesen? Teese war verblüfft. Sie hatte bisher gedacht, dass er Macht anhäufen wollte, um der Macht Willen. Dass er magische Kreaturen getötet hatte, um mächtiger zu werden als alle, einfach um der mächtigste Magier zu sein.
„Wäre das denn möglich?“, wollte Teese schließlich wissen. „Die Welten wieder zu vereinen?“
„Ja“, sagte Ro im selben Moment, in dem Dekan Ezzo sein „Nein“ aussprach. Beide Männer maßen sich mit Blicken. Ro schlug schließlich die Augen nieder. „Es hätte funktioniert“, murmelte er dennoch und klang fast ein wenig wie ein bockiges Kind. „Es hätte funktioniert, wenn nicht…“
„Selbst wenn es funktioniert hätte“, fiel ihm Dekan Ezzo ins Wort. „Was hätten wir gewonnen? Am Anfang war es eine Welt und in ihr ist die Magie vernichtet worden. Magier sind hingerichtet worden. Wäre die Welt wieder eins, dann wären wir wieder genau an demselben Punkt wie Hunderte Jahre zuvor.“
„Die Menschen haben in diesen Jahren aber dazugelernt“, unternahm Ro einen Einwand.
Teese hatte das Gefühl, dass er hin und her gerissen war zwischen der Verteidigung seines Standpunktes und dem, was er als bestrafter und doch am Leben gelassener Verurteilter noch sagen durfte oder zu sagen wagte.
„Sie fürchten keine Hexen und Zaubermeister mehr, keine Beschwörer und Drachen“, fuhr Ro fort. „Sie haben die Vernunft entdeckt und sie glauben an Dinge wie Notwendigkeit und Logik. Wenn sie wüssten, dass Magie die Quelle ihrer Technik ist, ihrer Erfindungen und ihres ganzen Lebens, dann würden sie den Magiern denselben Stellenwert zukommen lassen wie ihren Wissenschaftlern.“
Dekan Ezzo schüttelte entschieden den Kopf. „Das ist Wunschdenken. Die Menschen haben sich nicht wirklich geändert. Würden Magier auftauchen, würden sie uns wieder fürchten und verfolgen und das mit inzwischen weit ausgereifterer Technik und ganz anderen Tötungsmethoden als einem Scheiterhaufen.“
Magister Nabi wandte sich lächelnd Teese zu. „Was meinst Du denn dazu, Teese?“, wollte sie wissen und wirkte dabei so nebensächlich als hätte sie sie gefragt, ob sie lieber Kakao oder Tee zum Frühstück trinken würde.
Erneut sahen die drei Erwachsenen Teese erwartungsvoll an. Jeder der Dreien schien etwas Bestimmtes von ihr zu erwarten. Und jeder – da war sich Teese sicher – etwas anderes.

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