Zwei Brüder (4/18)

Posted on Dezember 30, 2013

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„Die Menschen wünschen sich Hilfe gegen die Magie, wenn sie für sie bedrohlich ist“, antwortete Teese ohne lange nachzudenken. „Drachen oder Riesen sind für sie gefährlich und jeder Magier, der gegen sie vorgeht, ist für sie ein guter Magier.“
„Und Du meinst, wir sollten nun gegen Drachen kämpfen?“, wollte Dekan Ezzo überspitzt wissen.
Teese schüttelte den Kopf. „Nein, das wäre dumm. Aber wenn alle Menschen sich so sicher fühlen würden wie die Menschen in Awrosch, würden sie in Magiern keine Bedrohung sehen.“
„Einst waren alle Menschen so sicher, eben weil sie in Thorhafen oder Awrosch gelebt haben“, sagte Dekan Ezzo. „Die Menschen aus Argentanien haben erst entschieden, dass die Magier ihre Gegner und nicht ihre Freunde sind. Danach haben sie Awrosch verlassen und sind nach Argentanien gegangen. Sie haben uns um unsere Fähigkeiten beneidet, wie die Gruppe jener um den Meister.“
„Sie haben uns nicht geglaubt, dass sie keine Magier werden können“, hielt Teese dagegen. Das war doch etwas anderes, oder? „Und deswegen haben sie versucht, es auf eigene Faust zu versuchen. Sie waren überzeugt davon, dass es funktionieren würde. Es soll bereits vorher Fälle gegeben haben, in welchen Magiergeborene zu Magiern wurden, so wie Timar.“
„Timar ist ein besonderer Fall“, erwiderte Dekan Ezzo kategorisch.
„Aber Efraim hat das nicht geglaubt“, sagte Teese. „Er hat nicht verstanden, warum Timar anders sein sollte als er. Warum Timar Magier werden durfte und er nicht.“
„Ich habe ihm erklärt, dass es nicht so einfach ist.“ Teese hatte das Gefühl, dass Dekan Ezzo glaube er müsse sich vor ihr verteidigen.
„Dass Timar in dieser Welt von der Magie eines anderen Magiers ausgefüllt worden ist, so wie wir es normaler Weise in der alten Welt werden?“, hakte Teese nach. Sie begann sich vorstellen zu können, was Efraim gedacht haben musste und was er nicht hatte glauben wollen.
„Das ist kein Vorgang, den man willentlich herbeiführen kann oder sollte“, hielt Dekan Ezzo dagegen.
„Efraim sah das anders“, stellte Teese fest. „Deswegen ist er jetzt tot.“
Schweigen senkte sich über Magister Nabis Haus und Teese musste schlucken. Außer ihr hatte das niemand gewusst? Sie hatte dem Dekan soeben in einer Randbemerkung mitgeteilt, dass sein Sohn gestorben war?
„Ich dachte“, begann sie unbeholfen, „das…“
Was hatte sie gedacht? Dass der Dekan seinen Sohn hatte spüren können und zu ihm in Gedanken sprechen wie zu einem Magier? Natürlich nicht. Er war nur ein Nichtmagier gewesen, der die Gabe besaß, magische Gegenstände zu benutzen. Mehr nicht.
„Das tut mir leid“, murmelte Teese.
In das Schweigen am Tisch hinein stellte Magister Nabi drei Becher mit Kaffee und einen mit Kakao für Teese. „Was ist mit Timar?“, stellte sie ruhig die Frage, welche der Dekan wohl in diesem Moment noch nicht zu stellen wagte.
„Er ist entkommen.“ Teese blickte auf ihre Kakaotasse, um niemanden ansehen zu müssen. „Jedenfalls hat man mir das erzählt.“
Sie atmete tief durch. Anscheinend musste sie doch noch einen genaueren Bericht zu den Vorfällen in Awrosch abgeben.
„Es war so, dass Nanu Efraim, Timar und den Meister belauschen konnte, als sie planten, wie man einen Nichtmagier zu einem Magier machen könnte“, begann Teese.
Und dann erzählte sie wie sie festgestellt hatte, dass die von ihnen benötigte Kugel mit Magie aus Ros Zimmer gestohlen worden war, wie sie mit Magie den Weg der Kugel in den Turm von Awrosch zurückverfolgt hatte, wie Timar die Kugel zerstört hatte, um Lisande damit zu füllen, wie die Magie in Teese eingedrungen war, weil ihr Magiespeicher völlig geleert gewesen war und wie Efraim sie daraufhin angegriffen hatte und von Edomar aufgehalten worden war.
Sie erzählte, wie Lisande und sie geflohen waren und dass Timar den Turm in magische Flammen gesteckt hatte, so dass ihnen und Edomar nur der Weg in die Bibliothek blieb. Wie sie versucht hatte, die anderen mit Magie zu retten und wie sie Magister Pietros Double und Lisande aus der Bibliothek hatte schweben lassen und wie dann Nanu erschienen war, wie sie und Edomar auf dem Drachen davongeflogen waren.
Teese hielt an dieser Stelle kurz inne und gab sich dann einen Ruck. Es half nichts. Sie würde es dem Dekan ohnehin erzählen müssen und Ro wusste es bereits. Magister Nabi war zudem niemand, von dem Teese eine Rüge für ihre Entscheidung erwartete.
Also erzählte sie auch, wie sie Edomar in die neue Welt gebracht hatte und wie sie dann nach Awrosch zurückgekehrt war.
„Dort habe ich Ro wiedergetroffen und wir sind zurück nach Weltenei geflogen“, beendete Teese ihre Zusammenfassung der Ereignisse der letzten Stunden.

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