Zwei Brüder (3/18)

Posted on Dezember 27, 2013

0


„Wenn Ihr dann fertig seid“, sagte Magister Nabi zu Yophus und Liina zugleich, „geht bitte nach oben und räumt Teeses Zimmer auf. Weißfleckfederkielflaumschnabel hatte den Raum nun tagelang für sich alleine. Und so wird es dort wohl auch aussehen.“
Yophus und Liina wechselten einen vielsagenden Blick, den Teese nicht deuten konnte und gingen dann die Treppe hinauf. Magister Nabi stellte leise vor sich hin summend eine Schüssel mit Kartoffeln auf den Tisch und tischte dann den Braten auf. Teese wusste nicht genau, was es zu Essen gab, außer dass es ein Braten war und unerklärlicher Weise eine gute Handvoll Heu unten im Bräter lag.
Vermutlich hatte Liina hier irgendeine Spezialität zubereitet. Dass Liina gekocht hatte, konnte Teese jedenfalls leicht dem verlockenden Duft des Bratenfleischs entnehmen. Sie ließ sich eine Scheibe auf den Teller legen und nahm sich von den Kartoffeln.
Gegessen wurde schweigend, was Teese Zeit gab, sich zu überlegen, was sie eigentlich genau von ihrer Reise erzählen sollte. Sie hatte so viel erlebt und erfahren, aber was davon war von Dekan Ezzo erwünscht und was sollte Teese vielleicht besser für sich behalten?
„Nun denn“, ergriff der Dekan das Wort als Magister Nabi begann, den Tisch abzuräumen. „Deine Reise sollte dazu dienen, dass Du einen Einblick in die Welt der Nichtmagier erhältst. Was hast Du denn über die Nichtmagier gelernt, Dekananwärterin Teese?“
Nervosität stieg in Teese auf, als ihr klar wurde, dass sie überhaupt nicht berichten sollte, was sie alles erlebt hatte, sondern was sie aus diesen Erlebnissen gelernt hatte. Aber was hatte sie über die Nichtmagier gelernt? Sie hatte so viele getroffen angefangen bei den Wächtern in Thorhafen, Eilanne im Ewigen Kreuz und die Moritatensänger. Dann waren da Efraim und die Schärgen, der kleine Jacopo aber auch Edomar und die Menschen aus Awrosch oder Lisande. Alle waren Nichtmagier, aber alle verschieden, genauso wie…
„Nichtmagier sind im Grunde auch nur Menschen“, sagte Teese. „Manche sind freundlich und aufgeschlossen, andere missmutig, abweisend oder sogar feindlich gesinnt. Untereinander behandeln sie sich so gut oder so schlecht wie das Menschen nun einmal machen.“
Dekan Ezzo nickte. „Und Magiern gegenüber?“, wollte er wissen. „Du hast Deine Reise als Nichtmagierin begonnen und als Magierin beendet. Was ist Dir aufgefallen?“
Teese musste nicht lange nachdenken. Das war offensichtlich. Da musste sie nur an die Menschen aus Awrosch und aus Argentanien denken und das, was sie aus dem Gespräch mit Lisande und Nysrael erfahren hatte.
„Es gibt Nichtmagier, die profitieren von uns Magiern, wie die Menschen in Awrosch“, sagte sie. „Sie sehen in uns einen Vorteil für sich und sind uns daher eher freundlich gesinnt. Andere werfen uns vor, wir würden uns in Dinge einmischen, die uns nicht angehen. Sie meinen, wir wären die Quelle all der feindlichen Magie, der sie ausgesetzt sind, wie Drachen oder früher Riesen. Daher betrachten sie uns als Feinde, wenn auch übermächtige Feinde wie die Menschen in Argentanien.“
Teese versuchte ihre Gedanken zu ordnen. „Die Menschen im Umland von Awrosch scheinen die Magier vor allem zu fürchten und sind ihnen gegenüber misstrauisch.“ Sie dachte an das Gespräch, das sie im Ewigen Kreuz am Nachtbartisch belauscht hatte. Niemand hatte viel Gutes über die Magier gesagt aber als dann die Schärgen hereingekommen waren und sich als Magier ausgegeben hatten, hatten ihnen alle ganz unterwürfig Platz gemacht.
„Aus dieser Furcht heraus sind diese Nichtmagier Magiern gegenüber besonders höflich und zuvorkommend, aber sie verstehen uns nicht“, fuhr Teese fort. „Wir sind für sie so etwas wie Götter. Auch sie halten uns für übermächtig, wollen uns aber nicht verärgern. Gleichzeitig reden sie aber nur wenig Gutes über uns, wenn sie unter sich sind. Ich glaube, viele von ihnen wären uns gerne los.“
Dekan Ezzo nickte mit finsterem Gesichtsausdruck. „Das ist eine richtige Beobachtung.“
„Aber“, ergänzte Teese einen plötzlichen Gedanken, „gleichzeitig wünschen sie sich gütige und helfende Magier.“
Dekan Ezzo wirkte verblüfft, so dass Teese sich beeilte fortzufahren, „Ich habe unterwegs Moritatensänger gehört, die eine Geschichte von dem verfluchten Dekan erzählt haben, der den Riesenkönig erschlagen hat. Die Nichtmagier haben ihn in den höchsten Tönen gelobt, weil er magische Wesen getötet hat.“
Dekan Ezzos Gesicht zeigte einen missbilligenden Gesichtsausdruck. „Und was schließt Du daraus?“, wollte er aber nur wissen.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements