Zwei Brüder (2/18)

Posted on Dezember 16, 2013

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Sie erreichten Weltenei am späten Abend. Der Inselberg lag in der Dunkelheit zwischen Himmel und Meer. Unzählige beleuchtete Fenster strahlten Teese und Ro zum Willkommen entgegen als Nanu tiefer ging und zielsicher das kleine Gartengrundstück ansteuerte, das zu Magister Nabis Haus gehörte.
Jemand schwenkte eine Laterne zur Begrüßung. Als Nanu näher heranflog, konnte Teese Flaumschnabels hochgewachsene Gestalt erkennen und in dem Laternenschwenker neben ihr Seth. Neben der großen Formori wirkte er noch kleiner und zerbrechlicher als er es in Wirklichkeit war. Neben Flaumschnabel wirkte wohl jeder von ihnen klein. Noch ein Jahr und sie würde auch die Erwachsenen auf Weltenei weit überragen.
Mit leise surrenden Flügeln senkte sich der Drache hinab und landete. Teese glitt als erste von Nanus Rücken und strich ihr über die Schnauze. „Danke Nanu. Ohne Dich hätten wir Tage gebraucht, um zurück zu kommen.“
So war es nicht einmal eine Stunde gewesen. Teese hatte zwar keine Uhr bei sich, aber es dürfte kaum sehr viel länger von Schastel Awrosch bis hierher gedauert haben.
‚Willkommen zurück, Teese‘, begrüßte Flaumschnabel das Mädchen.
‚Hulluh‘, setzte Seth hinzu.
Beide sprachen mit ihr in Gedankenrede. Teese vermutete, dass die beiden untereinander nur auf diese Art kommunizierten. Flaumschnabel konnte natürlich auch nur so sprechen, aber Seth schien die Gedankenrede gesprochenen Worten ebenfalls vorzuziehen.
‚Hallo‘, erwiderte Teese den einzigen beiden unter ihren Freunden, mit welchen sie bis jetzt zuverlässig in Gedanken sprechen konnte. ‚Ich wusste nicht, dass Ihr auf uns wartet.‘
‚Magister Nabi hat es von Nanu gehört‘, sagte Flaumschnabel und Teese glaubte Bewunderung in ihren Worten zu hören.
Magier konnten in der Regel nicht mit Drachen kommunizieren. Tiermagier hatten damit kein Problem – wenn der Drache vor ihnen stand. Magister Nabi allerdings musste Nanu bereits weit vorher gespürt und gehört haben. Teese war sich inzwischen sicher, dass sie ein besonders ausgeprägtes Talent besaß und sich in ihren Fähigkeiten sicherlich mit Dekan Ezzo messen konnte.
‚Sie hat gesagt, wir sollen uns um Nanu kümmern, wenn Ihr ankommt‘, fügte die Formori hinzu. Ihr Blick galt Ro, der hinter Teese von Nanus Rücken gestiegen war.
Teese warf Seth einen verständnislosen Blick zu und der Junge seufzte stumm. ‚Sie hat den ganzen Tag nichts gefressen und hat Hunger‘, stellte er dann fest.
Daran hatte Teese nicht gedacht. Sie hatte Nanu doch heute früh gefüttert, oder? Aber das war natürlich viele Stunden her.
‚Außerdem müssen ihre Schuppen nach einem so langen Flug gefettet werden und die Flügel gebürstet‘, setzte Flaumschnabel hinzu.
„Dann überlassen wir den Drachen Deinen Freunden“, sagte Ro in Teeses Rücken und bestätigte ihren Verdacht, dass er verstanden hatte, was Seth und Flaumschnabel mit ihr gesprochen hatten – wieso auch immer er das konnte. „Und gehen hinein. Wenn ich mich nicht irre, werden wir auch dort bereits erwartet.“
Teese nickte. „In Ordnung.“
Sie wechselte mit Seth und Flaumschnabel einen vielsagenden Blick und betrat das Haus durch die Gartentür. Bereits von außen hatte sie natürlich gesehen, dass der Raum hell erleuchtet war. Und durch die Scheiben hatte Teese auch Liina gesehen, die eilig den Tisch deckte. Auf dem Herd stand ein Topf mit kochenden Pellkartoffeln und es roch nach Heu und Bratenfleisch.
„Ich bin wieder da“, erklärte Teese, als sie zur Tür herein kam. Tatsächlich freute sie sich, wieder zurück auf Weltenei zu sein und in Magister Nabis Haus. Es war fast so als würde sie nach Hause kommen.
„Genau rechtzeitig zum Essen“, erwiderte Liina. „Die Wildschweinkeule ist bereits fertig. Ich mache nur noch den Salat an, dann könnt Ihr essen.“
Ihr, das wurde Teese unvermittelt klar, beinhaltete weder Seth und Flaumschnabel noch Liina selbst oder Yophus, die ihr beim Tischdecken half. Der Tisch war für vier Personen gedeckt. Drei Weingläser standen neben den Tellern und ein normales Glas. Dies gehörte offenkundig zu Teeses Gedeck.
Die Weingläser waren für die Erwachsenen und die umfassten dann wohl die drei Erwachsenen, die sich hier und jetzt im Raum befanden. Und das waren Ro und Magister Nabi, sowie Dekan Ezzo, der bereits am Tisch Platz genommen hatte – gegenüber von Teeses Gedeck.
„Guten Abend, Teese“, begrüßte er das Mädchen.
„Guten Abend, Dekan Ezzo“, beeilte sie sich zu antworten.
So viel zu einem gemütlichen Essen mit ihren Freunden. Sie hatte gedacht, den Rest des Abends vielleicht mit ihnen im Garten zu verbringen. Sie würden Saft trinken, während Teese Nanu putzte und ihnen von ihren Erlebnissen auf der großen Reise erzählte.
Stattdessen waren es wohl Dekan Ezzo und Magister Nabi, welchen sie Bericht erstatten musste, nachdem sie alle zusammen gegessen hatten. Teese konnte Ros missmutigen Gesichtsausdruck sehen, als er sich neben den Dekan setzte und damit notgedrungen Magister Nabis Gedeck gegenüber. Auch er hatte sich diesen Abend vermutlich anders vorgestellt.

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