Zwei Brüder (1/18)

Posted on Dezember 9, 2013

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Es war das letzte Training in der Halle für dieses Jahr. Der Frühling wich langsam auch auf der britischen Insel einem Sommer und somit konnte das Hockey-Training ab nächster Woche im Freien stattfinden. Gabriel interessierte sich nicht für Hockey – oder für Sport im Allgemeinen – aber er hatte sich erkundigt, damit er wusste, wohin er gehen musste.
Nun saß er in der zweiten Reihe der ansonsten leeren Tribüne und verfolgte ungeduldig das Trainingsspiel der Hockey-Mannschaft. Spieler rannten hin und her, die Schläger in der Hand, den Ball immer im Visier. Man hörte ihre Rufe und das Quietschen von Gummisohlen auf dem Turnhallenbelag.
Ein Pfiff und der Trainer beendete das Übungsspiel. Die Spieler gruppierten sich um ihn, während er eine kurze Abschlussbesprechung machte und die Jungen dann unter die Dusche schickte. Sichtlich erschöpft schlurften sie in den Gang, der zu den Umkleiden führte. Nur einer ging in die entgegengesetzte Richtung und kam zu Gabriel.
Er blieb vor der ersten Tribünenreihe stehen und sah zu dem Jungen hinauf. „Nun?“
Gabriel unterdrückte den Impuls versichernd in seine Jackentasche zu greifen, wohin er Daniels Brief gesteckt hatte. Den Brief, in welchem ihm sein Bruder geschrieben hatte, wie gut es ihm auf Weltenei gefiel. Dass er für sie beide das Seelentier vervollständigt hatte. Dass er ein Musikmagier war und Nanu das Fliegen beigebracht hatte. Dass er mit seinem magischen Gesang Menschen erstarren lassen konnte und ein erstes magisches Musikstück geschrieben hatte, das Blumenknospen aufblühen ließ.
Gabriel war begeistert von der neuen Welt und er verstand nicht im Geringsten, was Daniel an ihr störte. Er wollte nächstes Jahr wieder dorthin zurück und er wollte, dass Gabriel mit ihm kommen würde. Er hatte geschrieben, dass er das schon mit ihren Eltern regeln würde. Seine Tutorin würde die Eltern überzeugen können, dass sie beide nach Weltenei gehen sollten. Und wenn nicht würde sicher Doktor Hoffmann sie unterstützen. Er würde auch Dekan Ezzo bitten, bei ihren Eltern ein gutes Wort einzulegen. Gabriel solle es sich bitte überlegen. Sie könnten wieder zusammen sein – auf Weltenei.
Gabriel atmete tief durch. „Du hattest Recht, Faraas“, sagte er dann zu dem Hockey-Spieler. „Ich bin Rinnir.“
Robert Ward, dessen Name in der alten Welt Faraas lautete, grinste. „Dachte ich es mir doch.“ Er stützte den Hockey-Schläger auf den freien Sitz zu Gabriels Füßen. „Du hast mich belogen.“
„Notgedrungen“, verteidigte sich Gabriel. „Mein Bruder und ich haben die Plätze getauscht. Ich bin an seiner Stelle hierhergekommen und er ist an meiner Stelle nach Weltenei gegangen.“
„Aber inzwischen seid Ihr aufgeflogen.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Überraschung flackerte kurz in Gabriels Augen auf und Robert fuhr fort, „Ich habe Doktor Hoffmann hier gesehen.“
Gabriels Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Ja“, sagte er nur trocken.
„Und nun?“, wollte Robert wissen. „Was willst Du nun von mir?“
„Ich muss nach Weltenei.“
„Und?“
„Dazu muss ich nach Frankreich – alleine, ohne die Erlaubnis meiner Eltern.“
„Ja?“
Gabriel schüttelte den Kopf. „Ich bin erst zwölf Jahre alt“, sagte er. „Weder kann ich mir eine Fahrkarte kaufen, noch habe ich das Geld dazu.“
Robert zuckte mit den Schultern, als ginge ihn das nichts an.
„Wenn Du mit mir runter in den Ort gehst, sie mit mir kaufst und das fehlende Geld auslegst…“
„…dann?“ Roberts Interesse schien nun doch geweckt zu sein.
„Dann werden mein Bruder und ich uns auf Timars Seite schlagen.“
Robert pfiff durch die Zähne. „Ich dachte, Du seist eine Freundin von der kleinen Dekananwärterin.“
Gabriel zuckte mit den Schultern. „Ich habe sie erst auf Weltenei kennengelernt. Meinen Bruder kenne ich schon seit ich geboren wurde. Mein Bruder geht mir über alles.“
Robert nickte als könne er das nachvollziehen, was Gabriel sich nicht vorstellen konnte. Niemand, der keinen Zwilling hatte, konnte das nachvollziehen.
„Denkst Du, Teese hält Dich für einen Freund?“, wollte er wissen.
„Ich… denke schon“, sagte Gabriel langsam.
Robert dachte nach. „Gut“, sagte er dann. „Machen wir einen Deal. Du und Dein Bruder, Ihr werdet Teeses Freunde bleiben. Für meine Leistung will ich von Dir jedes Jahr genau erfahren, was sie auf Weltenei gemacht hat und wie die Situation dort aussieht. Außerdem unterrichtest Du Timar von unserem Deal. Und wenn es zu dem Krieg kommt, den er voraus gesehen hat, dann werdet Ihr auf seiner Seite kämpfen.“ Robert zögerte kurz. „Kannst Du das auch für Deinen Bruder beschwören?“
„Ja.“ Gabriel zögerte selbst keinen Moment.
Daniel würde machen, was er ihm sagte. Aber selbst wenn dem nicht so wäre, wäre das kein Problem, denn er hatte nicht vor, die nächsten Jahre nach Weltenei zurück zu kehren, wie Robert sich das dachte. Er würde nach Weltenei gehen und seinen Bruder zur Vernunft bringen. Sie würden der neuen Welt den Rücken kehren. Wenn nicht in Einvernehmen, dann würde Gabriel das Seelentier zerstören.
Dann würde er sich an nichts erinnern können, Daniel aber ebenso wenig. Und sein Versprechen an Robert – nun, daran wäre er dann auch nicht mehr gebunden. Kaum anzunehmen, dass er sich daran dann überhaupt noch erinnern würde.
„Gut“, sagte Robert. „Dann schwöre es mir für Euch beide.“
Gabriel stand auf und legte drei Finger der rechten Hand auf sein Herz. „Ich schwöre“, begann er.

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