Keine große Sache (19/19)

Posted on Dezember 2, 2013

0


Teese sah zu Magister Pietros Double. Durch das Herumwälzen auf dem Boden war das Tuch um seinen Mund verrutscht und das Double konnte seinem Unmut wieder lautstark Luft machen.
„Da es aber sein Double ist“, sagte Ro, wieder ganz die Ruhe selbst, „werden wir uns damit begnügen, das Tuch wieder neu zu binden.“
Die Worte hatten einen merkwürdigen Unterton. Teese hatte das Gefühl als läge zwischen Magister Gaban und Ro eine unsichtbare Spannung in der Luft. Ob die zwei sich nicht sonderlich mochten?
Auf einen Streit hatte es Ro allerdings nicht angelegt, denn er wandte sich um, bevor Magister Gaban antworten konnte und ging zurück zu dem Double. Teese entschied ihm zu folgen. Lisande begleitete sie mit einem Kopfschütteln.
Teese sah zu, wie Ro sich zu dem Double herab beugte und das verrutschte Tuch losknotete. Irgendwie tat das Double Teese wirklich leid. Vermutlich war es nicht leicht, mit Magie an etwas gebunden zu sein und es nun nicht tun zu können. Sie war sich sicher, dass es die Aufgabe des Doubles gewesen war, eine Enzyklopädie zu schreiben – an Stelle von Magister Pietro.
Er musste ein wirklich herausragender Magier sein (Teese wollte nicht von ‚gewesen sein‘ sprechen), denn das Double sah absolut perfekt aus. Bis auf die Tatsache, dass es nicht sprach, nicht aß und nie schlief, war es von einem Menschen nicht zu unterscheiden. Doch trotz all seines Könnens war Magister Pietro ein Fehler unterlaufen und er saß nun in dem Bild fest, mit welchem er das Double zum Leben erweckt hatte. So jedenfalls hatte man es Teese erzählt.
Sie seufzte und wandte sich dem unglücklichen Double zu, das sich schreiend auf dem Boden wälzte als wäre es wahnsinnig. Irgendwie fand es Teese monströs jemanden mit einem Tuch zum Schweigen zu bringen, aber sie selbst hatte nach wenigen Augenblicken bereits das Gefühl, die Schreie nicht länger ertragen zu können. Wenn es nur einen Weg gäbe, das Double einfach zum Schweigen zu bringen. Immerhin half es ihm doch überhaupt nichts, wenn es sich so aufführte.
„Es tut mir leid, aber ich glaube nicht, dass es Dir helfen wird, zu schreien oder zu zappeln“, unternahm Teese einen Versuch, bevor sich Ro wieder über das Double beugen konnte, um es erneut zu knebeln.
„Die Bibliothek ist verbrannt“, erklärte Teese und hob ihre Stimme, um gegen die Schreie anzukommen. „Es gibt keine Bücher mehr, von welchen Du abschreiben könntest. Deine Aufgabe hier ist beendet. Du…“
Weiter kam Teese nicht, denn das Double verharrte von einem Moment zum anderen völlig still. Ro sprang auf, das Tuch in der Hand. Das Double erstarrte. Nicht wie ein Mensch erstarrt, sondern wie etwas, das einfriert und zwar schlagartig.
Alles Menschenähnliche wich aus dem Double. Es wurde wächsern wie eine Puppe. Eine große lebensechte Statue. Ros Hand legte sich auf Teeses Schulter und das Mädchen machte verunsichert einen Schritt zurück.
Das Double bekam kleine Risse, die Teese an Farbe auf einem alten Ölgemälde erinnerten. Das ganze Double wurde davon überzogen und dann zerfiel es zu Staub.
Das alles ging so schnell, dass Teese gerade einmal erschrocken nach Luft schnappen konnte. Dann lag dort, wo eben noch Magister Pietros Double gelegen hatte, nur noch ein Haufen zerriebener Farbe, farbiges Puder, so als habe man die Farbe von einem Bild gekratzt und auf dem Boden aufgehäuft.
Ros Hand fasste Teese am Arm. „Was“, brachte er hervor, „hast Du gesagt?“
„Ich…“
Doch Ro wollte keine Wiederholung von ihr. Er war auch nicht wütend, wie Teese zuerst gedacht hatte. Er ließ Teeses Arm los und winkte ab. Dann ging vor dem zu Staub zerfallenen Double in die Hocke. Er nahm eine Handvoll farbigem Staub und ließ ihn durch die Finger rinnen, rieb die Hände ineinander und betrachtete die Farbpartikel.
„Weißt Du, was Du da getan hast?“, wollte er wissen.
Teese schüttelte den Kopf und brachte dann heiser hervor, „Ich habe es zerstört.“
„Ja.“ Ro wandte sich um und Teese konnte unerwartet Hochachtung auf seinem Gesicht sehen. „Zahllose Magier haben sich an dieser Aufgabe versucht, alle erfolglos. Die besten unter ihnen sind daran gescheitert, Dekan Ezzo eingeschlossen. Ich hätte…“ Er schüttelte den Kopf, als er Teeses Ratlosigkeit bemerkte.
„Verstehst Du denn nicht?“, wollte er wissen. „Es war die Aufgabe des Doubles eine Enzyklopädie zu schreiben und zwar so lange, bis es seine Aufgabe abgeschlossen hat. Und das hat es nun. Es kann seine Aufgabe nicht mehr fortsetzen und daher ist es zerfallen.“
„Und Magister Pietro?“, wollte Teese unruhig wissen. Hatte sie mit ein paar Worten, einen großen Magier getötet?
Doch über Ros Lippen glitt ein beinahe spöttisches Lächeln. „Du hast ein ganz besonderes Talent, Teese“, sagte er. „Du begehst große Taten, ohne im Geringsten zu verstehen, wie groß sie sind.“
„Aber“, wandte Teese ein. „Ich habe doch gar nichts gemacht.“ Fast war sie ein wenig verzweifelt. Edomar, der in ihrem Wechsel zwischen den Welten eine herausragende Leistung gesehen hatte, jetzt Ro, der von einer großen Tat sprach. Dabei hatte Teese doch überhaupt nichts geleistet. Es hatte sie keine Anstrengung gekostet und…
„Ich habe nur ein paar Worte gesagt“, stellte Teese richtig. „Das ist keine große Sache.“
„Magister Pietro wird das vermutlich anders sehen“, sagte Ro und erhob sich. Er sah zu der zerstörten Bibliothek, doch sein Blick schien durch die Wände des Gebäudes hindurch zu gehen, als betrachte er etwas, das weit dahinter lag.
„Ich denke“, sagte er schließlich, „es wird Zeit für uns beide, nach Weltenei zurückzukehren.“

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements