Keine große Sache (18/19)

Posted on November 29, 2013

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Lisande sprang auf und lief auf Teese zu. Teese war sicher, hätte man Lisande nicht ihre Arme zusammen gebunden, wäre sie in diesem Moment von der jungen Fürstin umarmt worden.
„Unglaublich. Du lebst“, brachte sie hervor.
„Äh. Ja.“
Konnte es sein? Hatte niemand gesehen, wie sie auf Nanu aus der Bibliothek geflogen war? Alles hatte in Flammen gestanden, Rauchschwaden waren in den Himmel gestiegen und die Menschen waren hektisch umher geeilt und hatten versucht, zu retten, was noch zu retten war. Dann war das Dach eingebrochen und Nanu hatte einen Großteil der Fassade niedergerissen.
Was für sie die logische Folge von Nanus Ankunft gewesen war – nämlich ihre Rettung – musste von außen betrachtet ihr Tod gewesen sein. Niemand hätte in dieser Bibliothek länger überleben können. Die rauchenden Trümmer, die noch von ihr übrig geblieben waren, ließen daran keinen Zweifel.
Trotzdem hatte Teese keinen Moment gedacht, dass man annehmen würde, sie sei tot. Die Magier müssten es besser wissen. Vielleicht nicht Magier Gaban aber von Ro hätte sie erwartet…
Teese kam nicht dazu, diesen Gedanken zu beenden, denn Ro war Lisande gefolgt. Und das, was Lisande aufgrund ihrer gefesselten Hände nicht tun konnte, tat er. Ros Umarmung kam für Teese vollkommen unerwartet. Nie hätte sie mit einer solch emotionalen Reaktion dieses Mannes gerechnet.
Ros Arme umschlossen Teese so fest, Teese konnte das Zittern spüren, das durch seinen Körper lief, während er sie an sich drückte. Er presste seinen Kopf von oben auf ihren und strich dann mit den Händen über ihre Haare und die Schultern hinunter. Langsam sackte er vor ihr in die Knie.
Teese begann zu verstehen, welche Ängste er um sie ausgestanden haben musste und welche Trauer ihr gegolten haben musste, damit er, der nie eine Miene verzog und so kalt und abweisend war, nun eine solche Reaktion zeigte.
„Es… es tut mir leid“, brachte sie hervor. „Ich hatte gedacht…“
Ro schüttelte den Kopf und rang mit der Fassung. „Dekan Ezzo selbst hat gesagt, er könne Dich nicht mehr spüren“, sagte er heiser.
„Oh, aber“, setzte Teese an und dann verstand sie unvermittelt.
Man hatte sie nicht gefunden und Magister Gaban hatte sich mit Dekan Ezzo in Verbindung gesetzt. Und Dekan Ezzo und sie konnten in Gedanken kommunizieren. Natürlich aber nur, solange sie sich beide in der neuen Welt befanden. Der Welt voller Magie.
„Ich war nicht hier“, sagte Teese. Gerne hätte sie mehr gesagt, aber Magister Gaban war ebenfalls herüber gekommen und Teese wollte ihm gegenüber ungern erklären, wo sie gewesen war und wen sie mitgenommen hatte.
„Wo ist Fürst Edomar?“, erkundigte er sich sachlich.
Offenkundig hatte er sich um Teese keine Sorgen gemacht. Sie hatte seinen Gesichtsausdruck gesehen, als er das schwelende Gebäude betrachtet hatte. Sicher hatte es ihn besorgt, dass die Dekananwärterin anscheinend ums Leben gekommen war. Aber diese Sorge hatte mehr der Zukunft und ihrer Position gegolten als ihr selbst.
„Fürst Edomar…“ Teeses Gedanken rasten. Sie wollte nicht lügen, aber sie wollte weder Gaban noch einem anderen aus Schastel Awrosch die Wahrheit sagen.
„Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wo er ist“, sagte sie schließlich. Und das war auch die Wahrheit.
‚Liina färbt auf Dich ab‘, kommentierte Fleck amüsiert.
Magister Gaban verzog den Mund zu einem unwilligen Strich, so dass sich Teese gezwungen sah hinzuzusetzen. „Das ist die Wahrheit.“
„Niemand würde das Wort der Dekananwärterin anzweifeln“, versicherte ihr Ro und stand auf.
Sie fing seinen Blick auf und hatte das Gefühl, dass er verstanden hatte, was genau geschehen war. Sie war sich zudem sicher, dass er ihr Vorgehen für richtig hielt. Hatte er selbst nicht gewusst wer der Meister war? Und hatte er selbst es nicht weder Dekan Ezzo noch einem der anderen Magier verraten?
Ein markerschütternder Schrei durchbrach unvermittelt die Stille und beendete das heikle Thema fürs Erste. Alle schraken zusammen, Teese jedoch mehr als die anderen, denn sie konnte den furchteinflößenden Schrei, der sofort in ein klagendes Jammern überging, nicht gleich zuordnen. Erst als Magister Gaban das Wort ergriff, verstand sie, von wem es stammte.
„Wäre es nicht das Double unseres besten Schriftmagiers, ich würde dafür sorgen, dass er auf ewig stummt,“ sagte er missmutig.

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