Keine große Sache (17/19)

Posted on November 25, 2013

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Teese setzte sich in Bewegung und lief auf der Straße zurück nach Awrosch. Nanu erhob sich in die Luft und flog ihr voran. Der Drache hatte die Stadt nach wenigen Augenblicken erreicht und flog in Richtung der drei Wächter, der Türme des Magier Colligats.
Teeses Weg hingegen führte sie zurück zur Burg von Awrosch oder dem, was davon noch übrig geblieben war. Der Turm, in welchem Lisande gefangen gehalten worden war, war in sich zusammengestürzt. Seine Trümmer waren schwarz als seien die Steine verkohlt. Der seitliche Anbau, in welchem sich die Bibliothek befunden hatte, war eine einzige Ruine.
An der rechten Seite, dort wo der Gang an dem schönen Innenhof vorbei geführt hatte, in welchem Teese in Nanus Augen geblickt hatte, lagen nur noch ein paar Steinbrocken. Dahinter waren die Überreste eines verkohlten Baums zu sehen. Die Ritterstatue, die Teese bisher nur in der Dunkelheit der Nacht gesehen hatte, reckte davon unbeeindruckt heroisch ihr Schwert in den Himmel. Ein makaberer Anblick bei all der Zerstörung.
Die Bibliothek, in welcher Teese noch vor wenigen Minuten gewesen war, war praktisch völlig zerstört. Das Dach war eingebrochen, die Seitenwände in sich zusammengestürzt. Alleine die Fassade stand noch mit den großen Fenstern, aus welchen Teese Magister Pietros Double und Lisande in Sicherheit gebracht hatte.
Zwei Fenstern fehlten allerdings die oberen Bögen und auch hier waren die Steine zu einem Großteil schwarz wie Kohle. Für Teese sah das Gebäude aus wie eines der zerbombten Häuser auf Fotos nach dem zweiten Weltkrieg. Rauch stieg in dünnen Säulen auf als würde das Gebäude dampfen.
Eine dicke graue Regenwolke, die einsam genau über der Burg hing, verriet Teese, dass es die Magier gewesen sein mussten, die schließlich zu Hilfe geeilt waren und die brennende Burg gelöscht hatten. Reichlich spät, wie Teese fand. Jetzt, da ohnehin nicht mehr viel zu retten war.
Allerdings war sie anscheinend mit dieser Ansicht in der Minderheit, denn auf dem Innenhof der Burg eilten Nichtmagier hektisch umher, damit beschäftigt Schutt beiseite zu räumen. Teese konnte drei Magier in ihren schwarzen Roben erkennen, welche die größeren Steine mit Magie aufhoben und auf einen Haufen am Rande des Hofes trugen oder schweben ließen – je nach ihrem Talent, anscheinend.
Teese war nicht ganz klar, woher diese Betriebsamkeit und die Eile der Menschen kam, bis sie vier weiße Tücher bemerkte, die abseits des Trubels lagen und etwas Längliches verhüllten wie Bettdecken, die über Schlafende gelegt waren.
Teese schluckte, als ihr klar wurde, wie nahe sie mit diesem Bild der Sache kam. Unter den Tüchern lagen gleichwohl keine Schlafenden, sondern Tote. Das Feuer, das Timar aus Rache gelegt hatte, hatte Nichtmagiern das Leben gekostet. Andere lagen vielleicht noch schwer verletzt unter den Trümmern, welche man gerade versuchte eilig abzutragen.
Teese musste an die Mädchen in der Küche denken, die vorhin noch das Gemüse für das Abendessen geputzt hatten und bei ihrem Eintreten so furchtbar erschrocken waren. Sie biss die Zähne zusammen, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Wie konnte Timar so etwas getan haben? Keiner der Nichtmagier, die im Gebäude gewesen waren, war schuld daran, dass Edomar Efraim getötet hatte.
Teese wandte sich erschüttert von den Leichentüchern ab. Ihr Blick blieb an einer Gruppe von Menschen hängen, die auf der anderen Seite des Innenhofes standen, saßen und lagen, was ein seltsames Bild abgab.
Ganz am Rand stand Magister Gaban, die Arme vor dem Körper verschränkt, den Blick auf die zerstörte Bibliothek gerichtet. Seine Augenbrauen waren finster zusammengezogen, sein Gesicht wirkte hart und angespannt.
Eine respektvolle Armlänge Abstand von ihm stand einer der Soldaten von Awrosch in seiner roten Uniform. Er war ein junger Mann, der bleich und fassungslos wirkte. Sein Umhang hing über Lisandes Schultern als Schutz gegen die Kälte.
Das Mädchen saß vor ihm völlig unfürstlich auf dem Boden, die Beine angewinkelt, die Arme darum geschlungen. Teese konnte sehen, dass ihre Hände zusammengebunden waren. Doch ihre Fesselung war nichts gegen die des Mannes, der sich vor ihr mit wilder Verzweiflung auf dem Boden wand und trotzdem von allen einhellig ignoriert wurde.
Magister Pietros Double waren die Beine zusammengebunden worden und die Arme an den Körper gefesselt. Zudem hatte ihm jemand ein dickes Tuch vor dem Mund verknotet, um seine Schreie zu ersticken. So konnte er nur mit panisch weit aufgerissenen Augen hin und her zucken, was er denn auch mit heftiger Vehemenz tat.
Teese dachte an das, was Nysrael ihr über ihn erzählt hatte. Als das Double einen seiner Sammelbände beendet hatte, hatte es sich auch schreiend auf dem Boden gewunden wie ein wütendes Kind, das seinen Willen nicht durchgesetzt bekam und sich nicht mehr anders zu helfen wusste.
Teese wagte zu bezweifeln, dass er dieses Mal ein neues gebundenes Buch mit leeren Seiten bekommen würde, um seine Arbeit fortzusetzen – zumal es keine Bibliothek mehr gab, deren Werke er benutzen konnte, um seine Enzyklopädie fertigzustellen. Fast ein wenig mitleidig wandte Teese ihren Blick von ihm ab und demjenigen zu, der neben Lisande auf dem Boden hockte.
Er saß dort im Schneidersitze, den Oberkörper weit nach vorne gebeugt und den Kopf in den Händen vergraben. In einer solchen Haltung hatte Teese Ro noch nie gesehen. Es schien ihr als sei er am Boden zerstört und vollkommen fassungslos.
Teese holte tief Luft, um sich darauf vorzubereiten, sich gleich die Schelte ihres Lebens abzuholen, für ihre Dummheit, einfach so zu Efraim und dem Meister zu gehen, für ihre Unfähigkeit, sich, Edomar und Lisande einfach und schnell in Sicherheit zu bringen und wohl auch gleich dafür, dass sie den Fürsten von Awrosch in die neue Welt gebracht und ihn somit hatte entkommen lassen.
Doch Teese hatte noch keinen Fuß vor den anderen setzen können, als Lisande sie vor dem hektischen Treiben der Nichtmagier entdeckte. Teese konnte die Überraschung in den Augen des Mädchens sehen und ihren Namen von ihren Lippen ablesen: „Teese.“
Gleich darauf wiederholte sie ihn lauter. Ein erfreuter Ausruf, als habe sie nicht damit gerechnet, sie jemals wieder zu sehen.
„Teese!“

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