Keine große Sache (16/19)

Posted on November 22, 2013

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„Ich habe keine Ahnung, wie Du es gemacht hast“, sagte Edomar und wischte sich den Regen von der Stirn. „Aber es hat offenkundig funktioniert.“
„Ja“, sagte Sophie.
Dieses Mal hatte sie daran selbst jedoch keinerlei Zweifel gehegt. Sie war sich sicher gewesen, in die alte Welt gelangen zu können. Allerdings hatte sie gedacht, dass sie am selben Ort zwischen den Welten wechseln musste und das hier war nicht die Straße, auf welcher sie das erste Mal gestanden hatte.
„Dann wirst Du auch problemlos zurückgelangen können“, stellte Edomar fest.
„Ja“, wiederholte Sophie.
Auch da war sie sich inzwischen sicher. Das hatte beim letzten Mal schließlich auch funktioniert. Warum sollte es das also dieses Mal nicht?
„Ich werde trotzdem zur Sicherheit hier warten, während Du gehst“, entschied Edomar.
„Gut.“ Dagegen hatte Sophie nichts einzuwänden.
„Nun…“ Irgendetwas schien der Fürst von Awrosch noch auf dem Herzen zu haben. Sophie wusste allerdings nicht, was. Sie schenkte Edomar daher einen ratlosen Blick. Er würde es schon selbst aussprechen müssen.
„Ich weiß natürlich“, sagte er denn auch, „dass man niemals jemand anderem seinen Namen aus der alten Welt sagen sollte. Selbst wenn man ihm vollkommen vertraut. Daher…“
Er ging ein paar Schritte an Sophie vorbei und winkte ihr, ihr zu folgen. Ratlos folgte Sophie ihm, bis sie praktisch direkt im Eingangsbereich der Metzgerei standen. Ein grauhaariger Verkäufer mit einem Bauch, der sich mit dem Edomars fast sogar messen konnte, sah über seine Brille hinweg Sophie einen Moment unwillig an und bediente dann seine einzige Kundin, eine Dame in einem eleganten roten Mantel.
Edomar reichte Sophie die seine Hand. „Ich wünsche Dir viel Erfolg bei allem, was Du vor hast. Auf Wiedersehen, Sophie Loebel.“
Sophie machte große Augen. Dann verstand sie unvermittelt. Der Metzger und seine Kundin. Das waren natürlich Menschen aus dieser Welt. Und vor Menschen aus der alten Welt wurden alle magischen Namen zu ihren Gegenstücken aus der alten Welt.
Sophie erwiderte Edomars Händedruck. „Danke. Ich wünsche Ihnen alles Gute, André Lapin.“
Einen Moment war Sophie einfach nur überrascht, dass es funktioniert hatte. Sie hatte zwar gewusst, dass Edomars Mutter eine Magierin aus der alten Welt gewesen war und er hatte selbst gesagt, dass er hier noch eine Familie hatte, zu welcher er gehen konnte, dass er einen Teil seines Lebens hier verbracht hatte – trotzdem war die Vorstellung für sie seltsam, dass er einen Namen in dieser Welt besaß.
Hatte er hier als Kind gelebt? War er vielleicht auf eine ganz normale Schule in der alten Welt gegangen? Aber warum war er dann in die neue Welt zurückgekehrt? Wenn sie eine Nichtmagierin wäre, würde sie dann nicht viel lieber hier in der alten Welt leben?
Edomar zog seine Hand zurück und schmunzelte. „Wenn Du wider Erwarten doch Hilfe brauchen wirst… meine Familie lebt in Paris.“
„Danke.“
André Lapin. Sophie würde sich den Namen am besten aufschreiben, um ihn nicht zu vergessen. Wobei… eigentlich konnte sie so einen Namen gar nicht vergessen. Lapin, das war nicht nur ein Name, sondern auch das französische Wort für ein Tier. Sophie wusste das auch ohne ihre Französisch-Kenntnisse, denn bei ihr zu Hause sagten die alten Leuten Lapping zu diesem Tier.
Es war die Bezeichnung für ein Kaninchen. Und sich den dicken kahlköpfigen Mann als Kaninchen vorzustellen… nun, es sorgte dafür, dass man diesen Namen sicherlich nicht vergaß.
Sophie wandte sich um und sah die Straße entlang. Es war Zeit für sie, zurück zu gehen. Ohne noch einmal zurück zu sehen, ging Sophie die Straße hinunter und hielt nach der neuen Welt Ausschau. Grasbüschel vor ihren Füßen, Bäume am Ende der Straße, Awrosch zu ihrer Linken und den Fluss mit der Brücke zu ihrer Rechten.
Wie sie es erwartet hatte, erschien alles mit jedem Schritt die Straße hinunter deutlicher vor ihren Augen. Für gut fünfzig Meter schienen beide Welten zur selben Zeit zu existieren, dann gewann die neue Welt die Oberhand und wenige Meter weiter befand sich Teese wieder am Flussufer, fast direkt an der Brücke und nur wenige Schritte von Nanu entfernt.
‚Das hat aber lange gedauert‘, stellte Fleck fest.
‚Tut mir leid.‘ Teese schüttelte sich, um den Regen aus der alten Welt los zu werden. ‚Wir mussten da noch etwas klären.‘
Sie hob die Tasche mit ihrem Seelentier hoch und hängte sie sich wieder um. ‚Aber jetzt können wir los, zurück in die Stadt. Nicht, dass sich noch jemand Sorgen um mich macht.‘

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