Keine große Sache (15/19)

Posted on November 18, 2013

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Edomar nickte langsam. „Ich habe davon gehört. Alle haben davon gehört. Aber… bisher scheint es niemandem mehr gelungen zu sein, hier in die alte Welt zu wechseln. Die Magier haben es wohl versucht und sie haben Ruderer aus Weltenei hergeholt, um es sie versuchen zu lassen, aber…“
„Niemand hat es geschafft?“ Teese war irritiert. „Es war ganz einfach. Es war keine große Sache.“ Sie schüttelte den Kopf. „Das macht doch keinen Sinn. Warum habe ich es dann gekonnt?“
Sie sah die Antwort in Edomars Blick und es erschrak sie insgeheim. Er sah in ihr mehr als sie war. Deswegen war er so sicher gewesen, dass sie ein Flammenschwert erzeugen konnte und sie alle aus dem brennenden Gebäude retten, obwohl sie noch eine Studentin im ersten Jahr war.
Er glaubte, dass sie eine herausragende Magierin war, die vielleicht… ein wenig gehemmt war oder zu unsicher, so dass manchmal ihre Zauber nicht so gut funktionierten, wie sie sollten. Aber er glaubte an ihr Potential, daran dass sie die mächtigste aller Magier werden würde – oder sogar schon war.
Teese hingegen war sich sicher, dass das ein Irrtum war. Ja, ab und an zeigte sie besonders gute Leistungen, die andere durchaus in Erstaunen versetzten. Aber sie war weder die beste Schülerin noch die klügste, geschweige denn die fleißigste. Gerade deswegen aber war sie sich sicher: wenn sie es in die alte Welt geschafft hatte, würde es jeder andere auch können und sie würde es natürlich wieder tun können.
Teese atmete tief durch. „Ich kann Ihnen den Weg zeigen.“
„Dann lässt Du mich gehen?“
Teese nickte. „Ja.“
Einen Moment schien Edomar über eine passende Antwort nachzudenken. „Danke“, sagte er dann schließlich aber nur.
Teese wandte sich an Nanu. „Ich muss kurz in die andere Welt, Nanu. Bitte warte hier, ja? Und“ – Sie streifte ihre Umhängetasche ab und stellte sie vor ihren Drachen. – „pass bitte auf Fleck auf.“
‚Hallo?‘, meldete sich Teeses Seelentier zu Wort. ‚Ich kann gut auf mich alleine aufpassen.‘
Teese musste grinsen. ‚Kannst Du Dich auch mit Magie zur Wehr setzen, wenn es sein muss?‘
‚Nein, aber ich kann kratzen und beißen‘, erwiderte das Kaninchen. ‚Vor allem aber kann ich unauffällig sein, so dass mich sicher niemand angreift.‘
‚Was ist mit Raubvögeln?‘, machte Teese einen Einwand.
‚Alle Tiere können Magie spüren. Keines würde ein Seelentier fressen.‘
‚Trotzdem.‘ Teese war eindeutig wohler in ihrer Haut, wenn ihr Drache ein Auge auf Fleck hatte. ‚Sicher ist sicher.‘
Sie wandte sich um und bemerkte Edomars Blick auf der Umhängetasche ruhen, aus welcher Flecks Kaninchenkopf hervorlugte. Sie konnte seine Gedanken förmlich von seinem Gesichtsausdruck ablesen.
„Ja, das ist mein Seelentier“, sagte sie.
„Nicht der Drache.“ Edomar schüttelte mit dem Anflug eines Lächelns den Kopf. „Das war Efraims Fehler.“
Er hatte Nanu für Teeses Seelentier gehalten und daher hatte Teese auf die Statue von Dekanin Vela schwören können, dass der Drache nicht ihr Seelentier war. Damit hatte sie ihn fast davon überzeugen können, dass sie keine Magierin war. Aber schließlich war sie doch enttarnt worden.
Teese warf einen letzten Blick auf die Statue der Dekanin mit der Weltenscheibe und schlug dann den Weg in Richtung Awrosch ein. Edomar schloss zu ihr auf und lief schweigend neben ihr her.
Sie verließen den Weg, der in die Stadt führte, und gingen über die Wiese am Fluss entlang. Hier war Teese in der Nacht entlang gelaufen als sie vor den Schärgen geflohen war. Sie wusste nicht, wie groß die Fläche war, an welcher die alte und die neue Welt hier verbunden waren und einen Moment befürchtete sie, dass die Magier deswegen nicht erfolgreich hinüber gefunden hatten, weil man eben die genaue Stelle kennen musste. Allerdings sah Teese gleich darauf bereits die Umrisse von modernen Häusern vor sich.
In der alten Welt regnete es, was einen merkwürdigen Effekt auf Teese und Edomar hatte, denn nur die Hälfte der Tropfen berührte sie, als sie langsam von der neuen in die alte Welt hinüber gingen. Zum Teil waren sie schließlich noch in der einen Welt, zum Teil schon in der anderen.
Und jeder Schritt führte sie weiter in diese Welt ohne Magie hinein. Das Gras machte Pflastersteinen Platz, die Weite der Ebene wich zwei Reihen von Häusern, die ihren Weg einrahmten. Menschen erschienen aus dem Nichts, waren erst nur Schatten, wurden dann zu halb durchsichtigen Geschöpfen und waren schließlich genauso real und solide wie Teese und Edomar es waren.
Doch so wie diese Menschen sich aus dem Nichts herausgeschält hatten, mussten auch Teese und Edomar in ihren Augen aus dem Nichts heraus entstanden sein. Beim letzten Mal hatte sich Teese darüber keine Gedanken machen müssen, denn es war kaum ein Mensch am frühen Morgen unterwegs gewesen. Jetzt hingegen herrschte ein reges Treiben in der französischen Stadt.
Allerdings schenkte auch dieses Mal niemand Teeses Auftauchen großes Interesse. Unter Schirme geduckt und in Regenjacken gehüllt eilten die Menschen die Straße entlang. Teese hatte sich geirrt. Es regnete nicht in der alten Welt. Es schüttete.
Schnell floh Teese unter die Markise einer Metzgerei, in deren gut beleuchteten Schaufenster Würste hingen und ein großer Schinken lag, von welchem mehrere Scheiben abgeschnitten waren und auf sehr appetitliche Weise Reklame für den Metzger machten.

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