Keine große Sache (14/19)

Posted on November 15, 2013

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Timar war Teeses Feind. Jedenfalls aus seiner Sicht der Dinge. Teese war es am Anfang ein Rätsel gewesen, was Marisans Bruder gegen ihn hatte. Dann war ihr klar geworden, dass sie einmal Dekanin werden würde, die Nachfolgerin von Timars Vater. Und wenn sie das sein würde, würden Marisan, ihr kleiner Bruder Schirniel und ihre Mutter Weltenei verlassen müssen, denn nur die Familie eines Magiers durfte auf dem Inselberg leben – das hieß der Ehegatte eines Magiers und seine Kinder.
Dass das Timar nicht gefallen würde, da war sich Teese sicher. Ebenso war sie sich sicher, dass es ihn ärgerte, dass sie Dekanin werden würde und nicht er, der Sohn des Dekans. Hatte Nysrael nicht so etwas gesagt? Dass Timar glaubte, dass er das Amt mit demselben Recht erben sollte, wie Nysrael eines Tages Awrosch erben und Graf werden würde?
Doch selbst wenn dem nicht so war, gab es noch genug, was Timar gegen Teese aufbringen konnte. So war es Teese gewesen, die – wenngleich ohne Absicht – ihn und seine Freunde in der Schwitzhütte eingeschlossen hatte. Ein Unfall, der böse hätte enden können, wären Dekan Ezzo und Ro nicht zu ihrer Rettung herbei geeilt.
Und dann war da noch das, was Timar gegenüber dem Magisterrat selbst vorgebracht hatte. Er hatte Visionen gehabt, in welchen er gesehen hatte, dass Teese als Dekanin Krieg führen würde, der vielen Nichtmagiern und Magiern das Leben kosten würde, allen voran seinen besten Freund Faraas.
Teese überlegte kurz, ob Timar gesagt hatte, ob er sich selbst in diesen Visionen gesehen hatte. Denn wenn dies der Fall sein sollte, wäre ihre Frage bereits beantwortet. Doch es wollte ihr nicht einfallen. Edomars Antwort war allerdings für Teese genauso eindeutig.
„Er ist durch das Fenster geflohen, nachdem er den Raum in Flammen aufgehen ließ“, sagte Edomar. „Und ich wage zu bezweifeln, dass sein Körper unten auf dem Hof zerschellt ist.“
Teese nickte. Das glaubte sie auch nicht. Timar war ein viel besserer Magier als sie, er war älter und hatte deutlich mehr gelernt. Wenn er es gewesen war, der den Raum…
„Er hat das Feuer… erzeugt?“, hakte Teese ungläubig nach.
Edomar nickte. „Ich denke, er war wenig erfreut darüber, dass ich seinen Bruder getötet habe.“
Teese lief ein Schauer über den Rücken. Sie wäre zu einer solchen Reaktion niemals fähig. Selbst wenn Edomar ihre Schwester getötet hätte – und Teese liebte Nadine abgöttisch – würde sie ihn nicht töten können. Sie würde krank sein vor Trauer, aber sie könnte nie aus Rache dasselbe jemand anderem zufügen.
Wenn Edomar sterben würde, hätte auch er einen Bruder, der um ihn trauern würde und einen Neffen, der ihn abgöttisch liebte und verehrte, Nysrael. Es würde ihre Schwester nicht zurück ins Leben holen und anderen Leid zufügen. Rache war immer sinnlos und machte alles nur schlimmer. Davon abgesehen glaubte Teese nicht, dass irgendein vernunftbegabtes Wesen Genugtuung beim Tod eines Menschen verspüren konnte.
„Und die Magier werden ebenfalls nicht erfreut sein“, fuhr Edomar fort. „Und dass die halbe Burg deswegen niedergebrannt ist wird den Grafen von Awrosch nicht freuen. Egal, ob ich sein Bruder bin oder nicht, werde ich dafür vor Gericht gestellt werden.“
„Aber“, wandte Teese ein. „Das ist nicht Ihre Schuld.“
Edomar machte eine vage Geste. „Vielleicht“, sagte er dann. „Aber unser Rechtssystem ist anders als jenes in der alten Welt. Aber selbst wenn die weltliche Gerichtsbarkeit mich nicht schuldig sprechen würde… die Magier werden auf alle Fälle Nachforschungen anstellen und tausendmal lieber wäre ich in Awrosch angeklagt als auf Weltenei.“
Was nicht gut klang. Teese überlegte, welche Strafe wohl für den Fall vorgesehen war wenn ein Sohn eines Magiers den eines anderen tötete. Sie nahm stark an, dass es für die Magier etwas anderes sein würde als wenn sich irgendwelche Nichtmagier umbrachten. Davon abgesehen war Efraim Dekan Ezzos Sohn gewesen.
„Also?“
Edomar sah Teese fragend an. Ihr wurde bewusst, dass seine anfängliche Frage noch immer im Raum stand. Ob er sie gehen lassen würde. Sie hatte fälschlicher Weise angenommen, dass er wegen der Taten der Schärgen vor Gericht kommen würde und dass er, wenn sie ihn gehen lassen würde, eine Gefahr für die Magier und andere Menschen darstellen würde. Aber das war nicht der Fall. Glaubte sie, dass er wegen dem Brand in der Burg zur Rechenschaft zu ziehen war? Nun, eigentlich nicht. Aber er hatte Efraim getötet. Natürlich hatte der angegriffen und so gesehen war es so etwas wie Notwehr. Aber hatte Teese das Recht, ihn dafür freizusprechen oder zu verurteilen? Hatte sie überhaupt das Recht über ihn zu urteilen? War das nicht die Aufgabe eines Gerichts?
‚Und wenn sie ihn zum Tode verurteilen?‘, wollte Fleck wissen.
Teese erschrak. ‚Meinst Du, das würden sie?‘
‚Ich denke das ist es, was zur Debatte steht‘, antwortete das Seelentier.
Teese schluckte. Dann würde sie jetzt und hier vielleicht über sein Leben entscheiden – sofern er sich ihrer Entscheidung beugen würde.
„Wenn ich Sie gehen lasse“, begann sie langsam, „was werden Sie dann machen?“
Edomar zuckte mit den Schultern. „Versuchen unterzutauchen. Klug wäre es, in die alte Welt zu gehen, in welcher die Magier jeden nur mit nichtmagischen Mitteln suchen können, aber Weltenei ist weit…“
Teese nickte. „Und dann? In der alten Welt?“
Jetzt war es Edomar, der seine Worte langsam formulierte. „Dort lebt der andere Teil meiner Familie. Ich könnte ein normales Leben in der alten Welt führen. Ich bin in beiden Welten aufgewachsen. Ich würde einen Beruf ergreifen und…“ Er zuckte mit den Schultern.
„Dann wäre alles, was Sie bisher gemacht haben umsonst“, stellte Teese fest. „Was ist mit den Nichtmagiern, die zu Magiern werden sollen?“
„Sagtest Du nicht, dass Du alles tun wirst, was in Deiner Macht steht, um die Situation der Nichtmagier eines Tages zu ändern?“, wollte Edomar wissen.
Einen Augenblick glaubte Teese er würde sie damit aufziehen wollen. Aber in seinen Augen war keine Spur von Spott.
Teese nickte. „Ja, das werde ich. Aber bis ich Dekanin sein werde…“
„Ich kann warten.“
Damit würde die Verantwortung für das Wohlergehen der Nichtmagier auf Teeses Schultern lasten. Aber würde es das nicht ohnehin? Wenn sie Dekanin werden würde, würde sie versuchen, diese Welt zu verändern. Dazu war sie entschlossen. Wenn sie schon Dekanin werden musste, dann sollte sie das Amt doch auch zum Wohle der neuen Welt nutzen, oder? Sie wusste nicht, ob sie sich das selbst zutraute, aber sie war auch noch ein Kind. Sie würde älter werden, klüger und… nun sicher auch mächtiger.
Teese traf eine Entscheidung. „Es gibt eine Möglichkeit, direkt hier in die alte Welt zu wechseln“, sagte sie.

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