Keine große Sache (13/19)

Posted on November 11, 2013

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Edomar schüttelte den Kopf. „Nein. Da irrst Du Dich“, sagte er. „Das Experiment mit der Fürstin von Argentanien war meine Idee, das ist wohl wahr. Die Vorstellung war zu verlockend, die Geschichte auf eine so einfache Weise zu verändern. Die zukünftige Gräfin der Magierhasser selbst zu einer Magierin zu machen…“ Er machte eine vage Geste. „Das magst Du mir zu Recht anlasten. Aber weder habe ich eine Entführung geplant noch irgendwelche Verbrechen befohlen.“
„Aber“, unternahm Teese einen Einwand, doch Edomar ließ sich nicht ausreden.
„Die Schärgen – nennen wir sie einmal so auch wenn wir beide wissen, dass die Bezeichnung irreführend ist – sind von Efraim und Thelesflor geführt worden. Es war eine Gruppe Magiergeborener, die neidisch auf die Magier waren und unzufrieden mit ihrer eigenen Stellung. Aus ihrem Trotz heraus haben sie versucht, die Magier in Misskredit zu bringen, indem sie als Magier verkleidet Schlechtes getan haben.“
Edomar nickte, als er Teeses Blick bemerkte. „Das ist kindisch, da stimmte ich Dir zu. Aber geschickt waren sie. So geschickt, dass die Magier lange nichts von ihrem Treiben mitbekamen und Überfälle oder Raubzüge den Schärgen des Grafen von Argentanien zugeschrieben haben. Ich selbst habe das lange geglaubt, bis wir Efraim und einige seiner Freunde gestellt haben. Ich wusste sofort, dass sie keine Schärgen sein konnten. Die meisten kenne ich seit meiner Jugend.“
Teese schwieg und hörte aufmerksam zu, während Edomar fortfuhr. „Das hat sie aber nicht davon abgehalten, auch Awrosch Schaden zuzufügen, weil Awrosch von den Magiern unterstützt und beschützt wird. Aber Awrosch ist meine Stadt und einen Feind in meiner Stadt kann ich nicht dulden. Aber ich habe ihre Motive verstanden und entschieden, es für meine Zwecke zu nutzen.“
Edomar sah nervös über Teeses Schulter, als sich Nanu bewegte. Doch der Drache war nicht in Angriffsstimmung. Vielmehr sank er in eine gemütliche Hockposition und wirkte als höre er genauso interessiert zu wie Teese.
„Ich habe den Schärgen in Aussicht gestellt, dass es möglich wäre, sie alle zu vollwertigen Magiern zu machen“, fuhr Edomar nach einer kurzen Pause fort. „Es gibt…“ Er hielt inne und korrigierte sich mit sichtlichem Bedauern. „Es gab in unserer Bibliothek Aufzeichnungen, die sich mit diesem Thema beschäftigten. Denn nicht nur Magiergeborene waren unglücklich mit ihrem Status. Viele Magier, die nichtmagische Kinder hatten, hätten viel dafür gegeben, ihre Kinder ebenfalls zu Magiern zu machen.“
Teese nickte. Daran hatte sie nie gedacht, aber es war offensichtlich. Wenn sie einmal Kinder haben würde, würde sie wollen, dass es ihnen genauso gut gehen würde wie ihr und dass sie genauso von Magie profitieren würden wie sie. Magier, die eigene Kinder hatten, mussten einfach ein Interesse daran haben, ihre Kinder selbst zu Magiern machen zu können.
„Tatsächlich gab es mehrere Fälle, in welchen es wohl wirklich funktioniert hat“, erklärte Edomar. „Alleine die Tatsache, dass Timarel zum Magier wurde, beweist, dass diese Aufzeichnungen nicht erfunden sind.“
Teese war sich da nicht so sicher, aber sie nickte, denn sie konnte Edomars Gedankengang durchaus nachvollziehen. Und wenn es noch andere Fälle gab…
„Wenn die Schärgen ihren Einfluss mit meinem Wissen verbinden würden“, sagte Edomar, „dann hätten wir eine Chance herauszufinden, wie es genau funktioniert. Wie man Nichtmagier zu Magiern macht und damit, nun vielleicht nicht alle Probleme beseitigt, aber einen Großteil.“ Er zögerte kurz und fügte dann fast lapidar hinzu. „Und das habe ich ihnen angeboten. Efraim hat sich einverstanden erklärt, die Magier wurden nie über die wahren Hintergründe informiert und ich wurde zur treibenden Kraft der Schärgen. Zum Meister, zum Wissenden, nicht zum Anführer. Ich habe Efraim gesagt, wir bräuchten einen jungen und unerfahrenen Magier für unsere Studien, aber weder habe ich ihm aufgetragen einen zu entführen noch ihm irgendwie zu schaden.“
„Und jetzt?“, wollte Teese wissen.
„Jetzt gibt es die Schärgen nicht mehr“, antwortete Edomar. „Oder sie werden jedenfalls keine große Rolle mehr spielen. Efraim und Thelesflor mögen die Schärgen zusammen gegründet haben, aber die treibende Kraft war immer Efraim. Thelesflor ist kein Anführer. Zu zaghaft, zu unschlüssig.“
Teese benötigte einen Moment, um zu verstehen, das Edomar ihr gerade ganz nebenbei mitgeteilt hatte. „Dass heißt, Efraim…“
Edomar schüttelte den Kopf. „Ich hatte ihn davor gewarnt, in Awrosch noch einmal jemanden anzugreifen. Und ich habe ihm auch gesagt, dass Du unter meinem Schutz stehst.“
Daran erinnerte sich Teese noch sehr gut. Genauso gut erinnerte sie sich aber auch an das rotleuchtende Schwert Efraims. Was hatte Edomar einer magischen Waffe entgegensetzen können?
„Ich bin kein Anfänger, was den Schwertkampf angeht“, sagte Edomar und es schien als habe er damit auf Teeses Gedanken geantwortet. „Magie ist mächtig, aber ein schneller Kämpfer hat gegen die mächtigste Waffe immer Chance.“
„Efraim ist tot“, stellte Teese fest.
„Ja.“
Sie schauderte. Er war kein netter Mensch gewesen, keine Frage. In Teeses Augen war er ein Verbrecher gewesen. Trotzdem würde sie wohl nie einfach so über den Tod eines Menschen hinweg gehen können. Jemanden zu töten, selbst wenn es in Notwehr geschah oder in einem Zweikampf, den beide Kämpfer gewollt hatten, war für sie monströs.
Sie schluckte schwer, bevor sie die nächste Frage stellen konnte. „Und Timar?“

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