Keine große Sache (12/19)

Posted on November 8, 2013

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Im ersten Moment verstand Teese nicht, was er meinte. Doch dann dämmerte es ihr. Edomar würde nicht nach Schastel Awrosch zurückkehren, nicht zurückkehren können. Teese wusste, dass er der Meister war. Lisande wusste, dass er der Meister war. Und sie beide waren noch am Leben. Die Magier würden erfahren, was genau im Turm geschehen war und sie würden Edomar gefangen nehmen. Dass er der Bruder des Grafen von Awrosch war, würde die Sache nicht einfacher machen, eher machte es sie noch schlimmer.
Wenn Edomar Probleme mit den Magiern und Awrosch vermeiden wollte, musste er die Stadt verlassen und sich dem Zugriff der Magier entziehen. Und genau da lag für Teese das Problem. Sie war eine Magierin. Mehr noch, sie war die zukünftige Dekanin. Er selbst hatte sie in diesem Moment daran erinnert. Würde Dekan Ezzo Fürst Edomar gehen lassen? Wohl kaum. Würde es Teese dann tun dürfen?
Aber… selbst wenn es nicht klug wäre, würde sie ihn denn hindern können zu gehen? Er war anscheinend dieser Meinung. Sonst hätte er nicht gefragt, ob sie ihn daran hindern würde. Doch Teese hatte keine Ahnung mit welcher Art von Magie sie ihn davon abhalten konnte, einfach zu gehen.
Ihre Hand fuhr gedankenverloren zu ihrer Robentasche. Sie selbst wusste vielleicht in diesem Moment keinen Zauber für einen solchen Fall, aber Liina hatte an etwas Derartiges gedacht. Teese hatte inzwischen bereits zwei ihrer Zauber benutzt, einen Eiszauber im Wald vor Awrosch, womit sie den kleinen Jacopo verschreckt hatte und einen Nebelzauber, mit welchem sie den Schärgen an der Brücke entkommen war.
Ganz automatisch zog ihre Hand einen weiteren gefalteten Zettel aus ihrer Robe. Alles, was sie tun musste, war das Band zu lösen, mit welchem der Schriftzauber von Liina gebunden worden war. Sie sah auf den Zettel in ihrer Hand. ‚Starre‘ war darauf geschrieben und darunter so klein, dass Teese es auf die Entfernung nicht lesen konnte ‚Bindet eine Sache oder Person an einen Ort‘. Sie hatte die Beschreibung gelesen, als sie die Zettel alle durchgesehen hatte, vor einer gefühlten Ewigkeit im Gasthaus zum ewigen Kreuz.
Teese blickte auf und bemerkte, dass Edomar ebenfalls auf den Zettel in ihrer Hand sah. Er musste inzwischen wissen, was es war. Schade eigentlich, dass Liina ihr keinen Regenzauber mitgegeben hatte. Dann hätte Teese das Feuer in der Bibliothek löschen können und würde sich jetzt nicht in dieser verzwickten Situation befinden.
Teese atmete tief durch, um besser nachdenken zu können. Es brachte sie nicht weiter, sich zu wünschen, sie würde jetzt keine Entscheidung treffen müssen. Sie musste und zu zögern würde die Entscheidung nicht besser machen.
„Ich weiß nicht, ob das klug wäre“, sagte sie schließlich. „Ich glaube, Sie sind eigentlich ein netter Mensch. Und ich glaube, ich verstehe auch, warum sie sich wünschen alle Menschen wären Magier.“
Sie dachte an das erste Mal als sie in Lorphitals Gasthaus auf Weltenei gewesen war. Das Obergeschoss war lichtdurchflutet, ein freundlicher Raum mit eleganten Sitzgelegenheiten und einer großen Terrasse mit einem wunderschönen Blick über die Insel. Dies war der Bereich für die Magier.
Das Erdgeschoss hingegen war alleine für Nichtmagier vorgesehen. Dort standen im schummrigen Dämmerlicht schlichte Holztische eng beieinander. Als würden Nichtmagier nicht mehr benötigen oder verdienen. Als wären sie Menschen zweiter, nein eher sogar dritter Klasse. Teese fühlte noch immer eine Mischung aus Ekel und ehrlichem Zorn, wenn sie daran dachte.
„Ich finde es auch nicht gerecht, dass Magiern alles zuzufallen scheint und sie alles Schöne und Gute für sich in Anspruch nehmen“, fuhr Teese fort. „Und wenn ich es ändern könnte, dann würde ich das tun.“
Das waren schöne Worte. Mehr nicht. Und Teese fühlte sich selbst dabei irgendwie schäbig. Reden konnte jeder. Gute Absichten brachten niemanden weiter.
„Wenn ich einmal Dekanin bin, werde ich versuchen es zu ändern“, fügte sie daher hinzu. „Ich weiß nicht, ob das möglich ist, aber so wie es zurzeit auf dieser Welt läuft, läuft es nicht richtig. Es ist nicht gerecht.“
Sie suchte nach ihrem roten Faden. Eigentlich hatte sie doch auf etwas ganz anderes hinaus gewollt.
„Aber nur weil etwas nicht richtig ist, ist es noch lange nicht richtig, es mit Gewalt ändern zu wollen“, erklärte sie überzeugt. „Zu versuchen Rinnir zu entführen, mich gefangen zu nehmen, Lisande gegen ihren Willen zur Magierin zu machen“ – Sie dachte an das, was sie über die Schärgen gehört hatte – „und all die Dinge, welche Ihre Leute angestellt haben, das ist ein Verbrechen. Und auch wenn ich davon ausgehe, dass Sie selbst nichts davon getan haben, haben Sie es in Auftrag gegeben und werden es weiterhin tun, wenn ich Sie gehe lassen.“

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