Keine große Sache (11/19)

Posted on November 4, 2013

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Der Fürst stand wie erstarrt und Entsetzen spiegelte sich in seinem großen runden Gesicht. Teese wurde klar, dass Edomar bereits gesehen hatte, wie Nanu Menschen verletzt hatte. Nachdem Teese an der Brücke in die alte Welt geflüchtet war, war Nanu eingetroffen und hatte die Schärgen angegriffen. Man hatte Teese zwar gesagt, niemand sei getötet worden, aber von Verletzten war die Rede gewesen.
„Sie ist nicht mein Seelentier“, sagte Teese zu Edomar. „Aber für sie bin ich ihre Mutter. Solange ich es für richtig halte, wird sie niemandem etwas tun.“
Das Entsetzen des Fürsten wich sichtbar einem Zögern, das schließlich in einem fast ratlosen Schulterzucken endete. „Als hätte ich irgendeine andere Wahl.“ Er gab sich einen Ruck. „Dann los.“
Teese nickte und schwang sich auf Nanus Rücken. Sie rückte weit hinter das Nackenschild zurück, so dass Edomar vor ihr Platz nehmen konnte. Einen Moment überlegte Teese, ob das zusätzliche Gewicht für Nanu zu viel sein könnte, doch dann kam ihr in den Sinn, dass Nanu alleine schon mehr wiegen musste als zwei Elefanten zusammen. Ob jetzt vierzig Kilo auf ihren Schultern lasteten oder zweihundert, machte für sie wohl wenig Unterschied.
Mit der üblichen Leichtigkeit schwang sich Nanu denn auch in die Luft. Als ihre Flügel sich vibrierend in Bewegung setzten, flogen Funken durch die brennende Bibliothek. Nanu erhob sich senkrecht wie ein Hubschrauber nach oben durch das eingebrochene Dach und Teese warf einen Blick nach unten.
Die Bibliothek brannte lichterloh. Das ganze Gebäude stand in Flammen. Der Turm sah aus wie eine brennende Pechfackel. Über allem stieg schwarzer Rauch in dicken Schwaden in den Himmel und wurde vom Wind davon getragen. Wie eine riesige Gewitterwolke hing der Rauch bedrohlich über Awrosch.
Nanu drehte bei und Teese sah irritiert nach vorne. Ihr Drache machte keine Anstalten, im Innenhof vor dem brennenden Gebäude zu landen, sondern flog zielstrebig weiter.
‚Sie kann dort nicht landen‘, erklärte Fleck. ‚Dort ist alles voller Menschen, die bereits panisch genug sind.‘
„Okay“, sagte Teese laut. „Wenn wir dort unten nicht landen können, wo dann?“
‚Vor der Stadt‘, sagte Fleck. ‚Dort ist mehr als genug Platz.‘
„Gut, dann vor der Stadt.“
Edomar vor Teese nickte fast unmerklich. Nanu flog ohne allzu viel Eile über Schastel Awrosch hinweg. Erst über die eng zusammenstehenden Häuser, dann über kleinere Häuschen mit Gärten und dann über eine Reihe brach liegender Felder. Eine Straße führte direkt durch sie hindurch geflankt von hübschen Fachwerkgebäuden.
Das musste die Straße sein, über welche Teese das erste Mal nach Awrosch gekommen war, denn sie hielt direkt auf die Stadtmauer zu. Nanu gewann an Höhe und flog über die Mauer hinweg.
Teese kam in den Sinn, dass das eigentlich nicht möglich sein dürfte. Hatte Dekanin Iva die Stadtmauer nicht gerade als Schutz gegen Drachen und andere magische Kreaturen errichtet? Kein Drache sollte diese Mauer überfliegen können.
‚Wieso kann Nanu es?‘, wollte Teese von Fleck wissen.
‚Vermutlich weil Nanu kein wilder Drache ist‘, erwiderte ihr Seelentier. Das Kaninchen hatte den Kopf aus der Umhängetasche geschoben und blickte zurück über die Stadt. Das kleine Näschen zuckte mehrmals, dann verschwand Fleck wieder im Schutz der Transporttasche.
‚Weil sie keine Gefahr darstellt?‘, hakte Teese nach.
‚Du konntest durch die Stadtmauer gelangen‘, hielt Fleck fest. ‚Du bist ebenso magisch wie Nanu es ist. Der Schutz der Mauer ist gegen feindliche Magie gerichtet, nicht gegen Magie allgemein. Sonst müssten wohl alle Magier außerhalb der Mauer bleiben.‘
Diese Erklärung machte Sinn. Teese blickte zurück nach Schastel Awrosch. Nanu ging langsam in den Sinkflug über und die Häuser der Stadt verschwanden hinter der gewaltigen Mauer aus Teeses Blickfeld. Die Burg, welche auf einem Hügel errichtet worden war, blieb noch einen Moment länger sichtbar, dann verschwand auch sie und nur die gewaltige Rauchwolke über der Mauer verriet ihre Position. Nanu landete und Teese wandte den Blick wieder nach vorne.
Ihr Drache war nicht direkt hinter der Stadtmauer gelandet, sondern bis zum Fluss weiter geflogen. Als Teese von Nanus Rücken glitt, stand sie direkt vor der Brücke, welche über den Fluss führte. Die Statue von Dekanin Vela wachte über die Brücke. Ihre ausgestreckte Hand wies über die Brücke, in der anderen hielt sie die Weltenscheibe, auf welche Efraim Teese hatte schwören lassen.
Edomar trat neben Teese und blickte wie sie zur Brücke. Teese kam in den Sinn, dass sie sich hier das erste Mal begegnet waren. Der Meister und sie.
Edomars Mundwinkel zuckten kaum merklich. Er sah Teese an. „Hier wären wir also wieder“, sagte er, anscheinend dasselbe denkend wie Teese. „Hier sind wir uns begegnet und hier könnten sich die Wege wieder trennen.“ Er hielt kurz inne. „Wirst Du mich gehen lassen, Dekananwärterin Teese?“

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