Keine große Sache (10/19)

Posted on November 1, 2013

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Deckung aber gab es keine in der Bibliothek. Sicher hätte man sich hinter den Arbeitstischen in Sicherheit bringen können, doch auf diesen lag brennender Schutt wie ein Scheiterhaufen. Und vor wenigen Minuten hätte man auch einfach in eine der Regalreihen hechten können, doch auch diese brannten inzwischen wie Fackeln, deren Rauch nach oben zog und durch das Dach ins Freie quoll. Zu Teeses Glück, vermutlich, denn wenn dieser ganze Rauch die Bibliothek ausgefüllt hätte, dann wäre ihnen keine Zeit geblieben, sich über eine Flucht Gedanken zu machen.
So weit wie sie nach hinten konnten, wichen Teese und Edomar zurück. Dann brach Nanu durch die Wand. Die verbleibenden Fenster gingen klirrend zu Bruch. Steine fielen polternd wie bei einer Lawine zu Boden und der vordere Teil der Decke brach ein.
Teese sah davon allerdings nichts. In dem Moment, in dem sich Nanu wie ein Geschoss durch Fenster und Wand bohrte, packte Fürst Edomar sie und drehte sich mit ihr in einer schnellen Bewegung vom Fenster weg, so dass er Nanu den Rücken zukehrte und Teese in den Raum voller brennender Bücher, Regale und Trümmer blickte. Das Feuer loderte durch den unvermittelten Zustrom frischer Luft auf. Die Regalreihen glühten förmlich und alles, was bis eben noch nicht gebrannt hatte, fing in einem einzigen Moment Feuer.
‚Teese, Du musst schnell etwas unternehmen.‘
Flecks Worte brachen wie ein einziger Gedanke über Teese herein. Schneller als Worte und klarer und deutlicher. Teese musste nicht nachfragen, warum sie etwas unternehmen musste. Flecks Gedanken verschmolzen mit ihren eigenen und ließen sie klarer sehen, warum Nanu es so eilig gehabt hatte, zu ihr zu kommen.
Ihren Drachen beunruhigte das Feuer in der Bibliothek nicht halb so sehr wie Fürst Edomars Anwesenheit. Die Anwesenheit des Mannes, welchen die Kinder der Magier nur Meister nannten.
Er war es, welcher den Schärgen ihre Befehle gegeben hatte. Er hatte hinter der versuchten Entführung von Rinnir gesteckt. Seine Schärgen waren Teese und Ro gefolgt und vor ihnen war Teese in die alte Welt geflohen. Er hatte sich mit Timar verbündet, der Teese hasste und für Nanu ihr Feind war. Er hatte versucht aus Lisande eine Magierin zu machen, gegen ihren Willen. Er war eine Bedrohung für die Magier.
Nanu sah in ihm eine Bedrohung für Teese. Und wenn Teese in Gefahr war, würde Nanu alles tun, um sie zu schützen. Und Drachen hatten keine Skrupel bei der Wahl ihrer Mittel. Nanu würde Edomar töten, um Teese vor ihm zu retten.
Teese bedauerte, dass sie ihrem Drachen die Zusammenhänge nicht mit denselben schnellen Gedankengängen erklären konnte, mit welchen Nanu eben mit ihr gesprochen hatte. Denn Edomar war nicht Teeses Feind. Er hatte sie gegen Efraim verteidigt, obwohl das hießt sich mit einer nichtmagischen Waffe einem mit Magie aufgeladenem Schwert entgegen zu stellen. Er hatte Teese gezeigt, wie sie mit ihrem Talent ihre Schwerter führen konnte und wie Teese sie alle aus dem brennenden Gebäude retten konnte. Und in diesem Moment noch schützte er sie mit seinem Körper gegen Nanu in seinem Rücken.
Der Druck von Edomars Arm vor Teeses Brust lockerte sich und Teese wand sich aus seinem Griff, um sich nun ihrerseits zwischen ihren Drachen und ihn zu stellen. Abwehrend streckte Teese ihre Arme Nanu entgegen.
„Nicht, Nanu“, sagte sie schnell und eindringlich. „Er ist…“
Was?
Was war Edomar?
Ein Freund? Das konnte er nicht sein, wenn er gegen die Magier war, wenn er Rinnir entführen wollte und Lisande mit Gewalt zu einer Magierin machen.
Ein Feind? Das konnte er auch nicht sein, wenn er sie gleichzeitig zu schützen versuchte. Er hatte ihr mehr beigebracht über Magie als Ro das gesamte halbe Jahr über.
Teese versuchte, die unvereinbaren Tatsachen miteinander zu verschmelzen. Und als sie das versuchte, wurde ihr klar, was Edomar für sie war.
„Er hat es gut gemeint.“, erklärte Teese ihrem Drachen. „Er hat es falsch gemacht, aber er will mir nichts Böses, Nanu. Er hat mir auch geholfen und er ist Nysraels Onkel. Er ist seine Familie. Und Nysrael ist Marisans Freund. Nysrael und Marisan sind beide meine Freunde.“
Nanu stand einen Augenblick in ihrer Angriffshaltung wie in Stein gemeißelt. Dann entspannte sich der Drache und ließ sich vor Teese nieder. Die Flügel wurden angelegt und Nanu schob ihren Kopf nach vorne.
Erleichtert kam Teese näher und strich ihrem Drachen mit ihrem Ärmel über die Nase. Nanu schnaubte zufrieden warme Luft aus ihren Nüstern.
Der Drache war genauso erleichtert wie Teese. Wenn Nanu hier war, wusste sich Teese in Sicherheit. Sie würde nicht aus dem Fenster springen müssen. Sie und Edomar würden mit Nanu in den Hof hinunter fliegen können. Alles andere war jetzt ohnehin nicht mehr möglich.
Die vordere Wand der Bibliothek war ein einziger Schutthaufen. Sich über die eingestürzten Mauerreste zu wagen, war Selbstmord. Glasscherben lagen in großen Splittern zwischen Steinen, die bei jedem Schritt nachgeben konnten. Teile der Wand standen zur Seite hin noch bedrohlich instabil, ebenso wie die Reste des Daches, das eingebrochen war. Hier gab es kein Durchkommen. Aber über ihnen war der freie Himmel und sie hatten einen Drachen.
„Ja, ich freue mich auch, Dich zu sehen, Nanu.“ Teese kraulte ihren Drachen behutsam. „Aber wir sollten jetzt so schnell wie möglich von hier verschwinden. Fliegst Du uns hier heraus?“
Nanu legte den Kopf schnief und fiepte wie eine kleine Katze. Ihr Blick glitt an Teese vorbei zu Edomar in ihrem Rücken.
„Ja, ihn nehmen wir auch mit“, sagte Teese entschieden und drehte sich zu Edomar um.

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