Keine große Sache (9/19)

Posted on Oktober 28, 2013

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Teese lief eilig zum Tisch und raffte gleich alle Schreibfedern an sich, die dort noch lagen. Zwei davon waren bereits durch herabregnende Glut versengt worden. Doch es gab noch genug Federn, die Teese für tauglich hielt.
Sie wollte sich gerade dem Fenster zuwenden, als ein Knarren wie das einer schlecht geölten Tür zu hören war. Nur war das Geräusch viel lauter und klang bedrohlich. Dann gab ein Teil der Galerie nach und mit einem Tosen als würde jemand einen ganzen Lastwagen Sand und Kies auskippen rauschten Holztrümmer, Regalreste und lichterloh brennende Bücher an der rechten Seite der Bibliothek nach unten.
Ein Feuerball verschluckte den Tisch, an dem Teese eben noch gestanden hatte. Wie eine feurige Lawine bauschte sich eine Glutwolke auf und sackte dann zu Boden. Sie kam Teese nicht näher als vier oder fünf Meter, aber die Hitze spürte Teese auch so.
„Jetzt schnell“, drängte Fürst Edomar das Mädchen unnötiger Weise zur Eile.
Teese nickte und lehnte sich aus dem Fenster. Trotz aller Eile atmete sie einmal tief durch, um sich zu konzentrieren. Sie hielt eine der Schreibfedern aus dem Fenster, ignorierte die aufgeregte Menschenmenge unter sich, und füllte ihre Magie in die Feder.
Als Teese die Feder aus dem Fenster warf, drehte sie sich im Fallen ein paar Mal um sich selbst und fiel dann mit dem Federkiel nach unten wie ein Bleistift zu Boden. Kommentarlos nahm Teese eine neue. Immerhin hatte sie noch genug. Dieses Mal sah sie sich die Feder vorher zur Sicherheit noch prüfend an. Aber sie war absolut intakt.
Teese verdrängte den Gedanken an den Fall, welchen Lisande vor sich gehabt hätte, wäre die vorherige ihre Feder gewesen. Deswegen hatte Ro bei seinem Sprung von der Stadtmauer gewartet, bis er sicher gewesen war, dass die Feder sanft auf dem Boden landen würde. Und deswegen wartete auch Teese, bis die nächste Feder, welche sie warf, sicher auf dem Boden angekommen war.
Teese wandte sich um und sah, dass sich Lisande neben ihr auf den Boden gesetzt hatte, die Knie angezogen und die Arme um die Beine geschlungen. So war sie klein und kompakt. Nachdem Teese Magie in ihren Körper gegeben hatte, war es ein Einfaches, sie hochzuheben und aus dem Fenster zu halten.
Sie verdrängte alle Gedanken an ein mögliches Unglück und dachte nur an die Feder. Dann ließ sie Lisande los. Langsam, als würde man sie behutsam abseilen, sank die junge Fürstin nach unten, hinab zu einer aufgeregten Menschenmenge. So ähnlich musste der Blick von Drahtseilakrobaten auf ihre Zuschauer sein, kam es Teese in den Sinn. Sie konnte etwas vollführen, was keiner von ihnen beherrschte. Und sie staunten darüber.
Wie würden sie erst staunen, wenn Fürst Edomar herabgeschwebt kommen würde. Teese konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
‚Und Du?‘, wollte Fleck wissen.
‚Wie und ich?‘ Teese verstand nicht, was ihr Seelentier damit sagen wollte.
‚Wer wirft Dich aus dem Fenster?‘
‚Nun… wenn Ro es hinbekommen hat zu denken, springen und werfen wäre dasselbe…‘
Teese beendete den Satz nicht, denn sie war sich nicht sicher, ob sie das auch hinbekommen würde. Springen war springen und werfen war werfen. Das eine machte man aktiv und das andere war etwas, das jemand anderes mit einem machte. Fleck hatte vermutlich Recht. Genau das war bisher ihr Problem gewesen. Und nur weil sie nun darum wusste, hieß das nicht, dass das Problem damit beseitigt war.
‚Darüber mache ich mir später Sorgen‘, sagte Teese schließlich zu Fleck. ‚Wenn alle anderen in Sicherheit sind.‘
‚Ich weiß‘, erwidere Fleck sanft. ‚Deswegen hat Dich die Quelle der Welten zur nächsten Dekanin ausgewählt.‘
Teese seufzte. ‚Eine beeindruckende Dekanin, die sich den Hals bricht beim Sprung aus einem Fenster.‘
‚Vielleicht musst Du gar nicht springen‘, sagte Fleck und sein Tonfall wurde mit jedem Wort aufgeregter. ‚Teese. Geh weg vom Fenster. Schnell.‘
Und in dem Moment, in dem Fleck hinzusetzte ‚Nanu kommt‘, da sah Teese ihren Drachen auch schon.
Nanu war schnell, das hatte Teese gewusst. Aber mit ihr war sie niemals so schnell geflogen wie jetzt, als der Drache aus den Wolken herabgeschossen kam wie eine Rakete. Eine Rakete, die direkt auf Teese zuhielt und auf das Fenster, durch welches der Drache nie im Leben hindurchpassen würde.
Teese taumelte zurück und stieß gegen Fürst Edomar, der hinter ihr stand. „In Deckung“, brachte sie hervor, entsetzt von dem Bild, das sich kurz vor ihrem geistigen Auge abzeichnete. Sie und Edomar zermalmt von einer einstürzenden Wand, die Nanu in vollem Flug einriss, um zu ihr in das brennende Gebäude zu kommen.

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