Keine große Sache (8/19)

Posted on Oktober 25, 2013

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Teese sah zu dem Double, das noch immer über seine Arbeit gebeugt war. Sein Manuskript wies einige Brandlöcher auf, doch die Bücher waren noch nicht in Flammen aufgegangen. Aber selbst wenn… vermutlich würde das Double dennoch so lange weiterarbeiten, solange es noch ein Fitzelchen unverbranntes Papier auf seinem Tisch gab.
„Gut“, entschied Teese. „Ich versuche es mit ihm.“
Das Double war nicht Magister Pietro selbst. Wenn etwas schief gehen würde, wäre der Schaden wohl nicht so groß. Auch wenn Teese nicht genau wusste, was geschehen würde, wenn das Double irgendwie beschädigt werden würde oder sich verletzen würde.
Eins aber war klar: Wenn das Double hier bleiben würde, würde es verbrennen. Und auch wenn es vermutlich keine Schmerzen fühlen konnte, so würde Teese das nicht zulassen. Selbst wenn Fürst Edomar nicht vorgeschlagen hätte, das Double aus der Bibliothek zu bringen, hätte Teese es nicht hier zurück gelassen.
Entschieden ging Teese zu dem Arbeitstisch und nahm eine weitere Schreibfeder in die Hand. Das Double hatte eine ganze Anzahl von ihnen zur Verfügung, unterschiedlich angespitzt und mit verschieden gefärbten Spitzen. Federn für dicke und dünne Striche, für schwarze, grüne und rote. Genug Federn, dass Teese mehr als nur vier Menschen vom Fenster hinunter schweben lassen konnte.
Teese ging mit der Feder an das eingeschlagene Fenster und blickte in den Hof. Inzwischen gab es einen großen Menschenauflauf dort unten. Die meisten der Leute trugen die roten Uniformen der Soldaten von Schastel Awrosch. Sie versuchten anscheinend so etwas wie eine Eimerkette zu organisieren, um das Gebäude zu löschen.
‚Ein Tropfen auf den heißen Stein‘, kommentierte Fleck.
Teese nickte. Sie konnte nicht sehen, wie viel von dem Gebäude inzwischen brannte. Aber selbst wenn es nur der Turm sein sollte, war das mit ein paar Eimern Wasser nicht zu löschen. Ein ganzes Feuerwehrauto hätte man gebraucht und selbst dann… Es war ein magisches Feuer. Ob man es einfach mit Wasser löschen konnte?
‚Sicher werden die Magier gleich kommen‘, sagte Fleck zuversichtlich. ‚Dann ist es schnell gelöscht.‘
Teese nickte erneut. ‚So lange will ich aber nicht warten‘, erwiderte sie.
An die Magier hatte sie überhaupt nicht gedacht. Aber der brennende Dachstuhl über ihr ließ auch nicht den Gedanken aufkommen, dass sie jetzt noch auf diese Hilfe warten könnte. Sie wollte, dass sie alle so schnell wie möglich aus diesem Gebäude entkommen konnten.
Teese beugte sich vor und hielt die Feder aus dem Fenster. Sie gab ihre Magie in die Feder und ließ sie dann los. Die Feder sank zu Boden. Perfekt und leicht, so wie zu erwarten gewesen.
Mit einem letzten Blick hinunter stellte Teese sicher, dass die Feder auch tatsächlich sanft auf dem Boden landete. Dann wandte sie sich um und ging zu dem Double, das noch immer an seiner Arbeit schrieb, auch wenn sein Manuskript inzwischen verkohlte Flecken besaß, wo Glut von oben herabgefallen war.
Teese, die wusste, dass sie ohnehin mit keiner Reaktion zu rechnen hatte, verzichtete darauf, das Double anzusprechen. Sie fühlte nach ihrer Magie, dachte an die Feder und hob den jungen Mann einfach an der Hüfte hoch wie einen leeren Pappkarton.
Das war gar überhaupt kein Problem, denn er war nun tatsächlich genauso leicht wie die Feder. Ein wenig sperriger war er zwar und unerwartet begann er zu zappeln, kaum dass Teese ihn von seinem Stuhl gehoben hatte, aber davon ließ sich das Mädchen nicht irritieren.
Fürst Edomar und Lisande folgten Teese zum Fenster. Eilig hielt Teese das Double hinaus, bevor es sich bei seinem Herumzappeln noch irgendwo einen Arm oder ein Bein anschlug. Dann ließ sie einfach los.
Lisande drängte sich neben Teese und lehnte sich ebenso wie sie weit aus dem Fenster. Das Double schwebte, sich windend und herumzappelnd unwirklich langsam nach unten. Vom Innenhof waren überraschte Rufe zu hören. Menschen sahen und deuteten aufgeregt nach oben.
Das Double schwebte sanft wie die Feder, die ihm vorausgesegelt war, hinab. Kaum dass es auf dem Boden gelandet war, rappelte es sich auf, sah sich panisch um und rannte zurück zum Turm. Irgendjemand aus der Menge war geistesgegenwärtig genug, das Double am Kragen zu packen und zu Boden zu drücken, bevor es zurück ins Feuer laufen konnte.
Teese trat vom Fenster zurück und sah zu Lisande. „Also?“, wollte sie wissen. „Bist Du bereit?“
Lisande war wesentlich leichter als das Double und um ein Mehrfaches leichter als Fürst Edomar. Es war nur folgerichtig, dass sie die nächste sein würde.
Lisande löste sich vom Fenster. Einen Moment wirkte es als würde sie trotz allem nachdenken. Dann nickte sie. „Bereit.“
Als wolle das Gebäude Teese zur Eile antreiben, knackte es über ihren Köpfen unheilvoll. Teese sah nach oben und blickte in den brennenden Dachstuhl. Die ganze Galerie stand in Flammen. Noch immer flogen glühende Papierstücke durch die Luft.
‚Wir haben nicht mehr viel Zeit‘, stellte Fleck fest.
‚Ja.‘

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