Keine große Sache (7/19)

Posted on Oktober 21, 2013

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„Schön“, unterbrach Lisande die Stille, die sich über den Raum gesenkt hatte. „Eine große Geste, aber vollkommen nutzlos, wenn wir hier sterben werden.“
Fürst Edomar wandte sich nicht zu dem Mädchen um, sondern sah nur Teese an und lächelte schließlich. „Dann sollten wir dafür sorgen, dass dieser Fall nicht eintreten wird.“
Erstaunlich leichtfüßig für einen Mann seiner Statur stand Fürst Edomar auf und ging an den Arbeitstischen vorbei. Von einem der Regale nahm er eine Holzstange, die dort aufgehängt worden war und Teese an den Stab erinnerte, der bei ihnen zu Hause im Treppenhaus hing und dazu diente, die Dachluke von unten zu öffnen.
Es war ein Stück Holz wie der Stiel eines Besens an dessen Ende ein Haken befestigt war. Damit konnte man die Dachluke einhaken und nach unten aufziehen. Wozu er in der Bibliothek genutzt wurde, erschloss sich Teese allerdings nicht. Gab es vielleicht Luken, mit welchen man die Öffnungen in der oberen Galerie schließen konnte.
Es war letzten Endes aber egal. Denn Fürst Edomar nutzte diesen Stab nicht dazu, irgendwelche Luken zu öffnen. Er ging zu einem der hinteren Fenster und fasste den Stab fest in beiden Händen. Er holte aus und zerschlug die Scheibe. Glas klirrte, doch die Scheibe war nicht vollständig zersprungen.
Mehrere gezielte Hiebe waren nötig, um das Glas zu zerstören. Fürst Edomar zog die Stange am Rahmen des Fensters entlang, um noch hervorstehende Glassplitter zu beseitigen und sah dann aus dem zerstörten Fenster in den vorderen Hof.
Teese fragte sich, was er vor hatte. Es war viel zu hoch, um einfach aus dem Fenster zu springen. Von hier nach unten war es tiefer als die Bibliothek hoch war. Bedauerlicher Weise, denn hier standen mehrere Leitern, die man vielleicht hätte nutzen können, um aus dem Fenster zu klettern. Nur, dass dann immer noch viele Meter bis zum Boden bleiben würden.
„Als die Magier die äußere Stadtmauer gesetzt haben“, Fürst Edomar hatte sich umgewandt und ging zurück zu den Arbeitstischen, „da haben sie den Steinen die Eigenschaften von Federn gegeben.“ Er griff nach einer der Schreibfedern, welche vor Magister Pietros Double auf dem Tisch lagen. „Das ist Deine Art von Magie, oder?“
Teese nickte ein wenig betrübt. „Ja.“ Sie überlegte, wie sie ihm möglichst schonend beibringen sollte, dass sie mit Federn bisher nicht sehr erfolgreich gezaubert hatte.
„Sie haben eine Feder genommen“, erklärte Fürst Edomar unterdessen, „und sie von der Mauer geworfen. Dann haben sie einen Stein hochgehoben als wäre er nicht mehr als eine leere Holzkiste und haben ihn von der Mauer fallen lassen. Er ist wie eine Feder gefallen und konnte ganz einfach an seinen Platz befördert werden.“
Teese holte tief Luft und öffnete ihren Mund, doch bevor sie etwas sagen konnte, schaltete sich Fleck in ihren Gedanken ein. ‚Versuch es!‘, sagte das Seelentier. ‚Ich glaube, ich weiß jetzt, warum es bei Dir mit der Feder nicht funktioniert.‘
Teese schloss ihren Mund überrascht wieder. ‚Warum nicht?‘
‚Weil Du die Feder geworfen hast und selbst gesprungen bist‘, sagte Fleck. ‚Das ist nicht dasselbe. Ro hat sich gedacht, dass zu springen praktisch so etwas ist wie sich selbst zu werfen. Aber Du hast das nicht gedacht. Du bist einfach nur gesprungen.‘
‚Äh. Ja.‘ Sollte das einen Unterschied machen?
‚Deinem Talent ist keine Grenze gesetzt‘, sagte Fleck. ‚Wenn es nicht funktioniert, hast Du nicht zu wenig Magie, sondern Du nutzt sie nicht richtig.‘
Teese ließ sich das kurz durch den Kopf gehen und nickte dann. Fürst Edomar, der diese Geste auf sich bezog, reichte ihr die Schreibfeder. Während Teese mit einem mulmigen Gefühl auf die Feder in ihrer Hand blickte, nahm er eines der schweren Bücher, aus welchen das Double seinen Text zusammengeschrieben hatte, vom Tisch.
„Versuchen wir es mit einem Buch“, schlug er vor.
Teese gab klein bei. „Gut. Ich versuche es“, sagte sie.
Wenn es der einzige Weg war, um lebend dem Feuer zu entkommen, dann würde sie es wenigstens versuchen. Und sie würde sich Mühe geben.
Teese hielt die Feder zwischen Daumen und Zeigefinger wie bei ihrer Übung mit Ro und gab Magie in die Feder. Dann ließ sie sie zu Boden fallen. Die Feder schwebte sanft abwärts und landete vor Teeses Füßen. Teese griff nach dem Buch, das ihr Edomar reichte und gab Magie in es, als sie es nahm. Es war unerwartet leicht. Sehr leicht. Dabei war es ein dickes Buch.
‚Es funktioniert‘, frohlockte Fleck.
Teese ließ das Buch los. Es segelte zu Boden, langsam und gleichmäßig wie die Feder.
„Oh.“ Teese war trotz allem überrascht. Sie drehte sich um. „Es hat funktioniert.“
„Bei einem Buch“, sagte Lisande. „Ich bin schwerer als ein Buch.“
Das stimmte wohl. Lisande wog sicherlich so viel wie drei dieser großen Bücher und Fürst Edomar war eine ganze Enzyklopädie.
„Das spielt keine Rolle“, erklärte der Fürst überzeugt. „Ob ein Buch oder ein Steinquader.“
„Spielt es auch keine Rolle, ob es sich um tote Materie handelt oder Lebewesen?“ Lisande wirkte nicht überzeugt.
„Ja.“ Fürst Edomar war sich seiner Sache sicherer als Teese es selbst war. „Versuchen wir es doch einfach mit einem Lebewesen, das schwerer ist als ein Buch.“
Lisande wich einen Schritt zurück. Doch Fürst Edomar hatte dabei nicht an sie gedacht.
„Das Double wäre doch ein gutes Versuchskanninchen“, schlug er vor. „Es ist eine Art Mensch und es ist schwerer als ein Buch.“

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