Keine große Sache (6/19)

Posted on Oktober 18, 2013

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Teese arbeitete sich immer schneller vom Rücken über die Schultern vor. Wo ihre Hand seine verbrannte Haut berührte, heilte sie augenblicklich. Den Nacken hinauf und zur Rückseite des Kopfes. Teese rutschte auf dem Boden Stück für Stück mit ihrer Arbeit weiter. Sie umrundete Fürst Edomar über die Kopfseite und sah in sein Gesicht.
Einen Augenblick stellte sich Teese vor wie ein verbranntes Gesicht aussehen musste, doch zu ihrer enormen Erleichterung hörten die Verbrennungen ein Stück über der Stirn auf. Teese erinnerte sich, wie er die Treppe hinunter gelaufen war. Er hatte sich nach vorne gebeugt. Sein Gesicht war offensichtlich überhaupt nicht mit dem Feuer in Berührung gekommen. Über den Augenbrauen war die Haut etwas dunkel, aber nicht verbrannt. Schwarzer Ruß blieb an Teeses Fingern hängen, als sie über die Stelle strich.
Lisandes helles Lachen ließ Teese hochschrecken. Die junge Fürstin von Argentanien war zu ihr herüber gekommen und hinter Fürst Edomar stehen geblieben.
„Wie dumm von mir“, brachte Lisande leise lachend hervor. „Du bist eine Magierin. Wie konnte ich das nur vergessen? Wozu brauchen wir eine Treppe aus diesem Raum?“
Teese benötigte einen Moment, um zu verstehen, was sie meinte. Ja, sie war eine Magierin. Wenn sich eine Magierin in einem brennenden Gebäude befand, dann war sie darin nicht gefangen. Für sie gab es immer einen Ausweg. Nur dumm, dass Teese keinen wusste.
„Ja“, sagte sie zögernd. „Es ist nur…“
„Was?“, wollte Lisande irritiert wissen.
Lisandes Lachen musste Fürst Edomar wieder zu Bewusstsein gebracht haben, denn er regte sich und öffnete die Augen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht setzte er sich langsam auf.
Teese sah an ihm vorbei zu Lisande. „Mir fällt nichts ein.“
„Magischer Regen?“, schlug Lisande vor.
„Dafür brauche ich Wasser“, hielt Teese dagegen.
Fürst Edomar griff mit der linken Hand über seinen Kopf hinweg nach seiner Schulter und zog die Hand zurück. Er betrachtete die Handinnenseite gedankenverloren als erwartete er irgendetwas, das ausgeblieben war. Ob er wusste, dass er eigentlich verletzt sein müsste?
„Ich habe das geheilt“, erklärte Teese, froh über eine Gelegenheit, das Thema wechseln zu können. Es war ihr unangenehm, Lisande erklären zu müssen, dass sie ein hoffnungsloser Fall war, was Magie anging – nun, meistens jedenfalls.
Fürst Edomar drehte seine Hände, so dass er ebenso wie Teese nun die Außenseiten sehen konnte. Sie waren schwarz verbrannt mit rotviolettem Fleisch, das darunter hindurch zu sehen war. Die rechte Hand war sogar auf der Innenseite verletzt.
„Oh, das habe ich übersehen“, entschuldigte sich Teese.
Eifrig beugte sie vor und legte ihre rechte Handfläche auf seine. Seine Hand zuckte bei ihrer Berührung kurz nach unten, doch dann hielt er still. Teese konnte spüren wie ihre Magie in die Haut floss und sie… nein, eigentlich nicht heilte. Sie machte sie nur zu dem, was Teese erwartete, wenn sie ihre Hand wegzog. Eine normale Handinnenfläche.
„Was ist mit einem Schutzzauber?“, unterbrach Lisande ungeduldig Teeses Tun.
Teese hatte Lisandes Überlegungen zu einer magischen Rettung bereits erfolgreich verdrängt. Sie seufzte. „Dann bräuchten wir einen dafür geeigneten Gegenstand.“ Sie überlegte kurz. „Einen Regenschirm oder etwas in der Art.“
Fürst Edomar betrachtete noch immer schweigend seine geheilte rechte Handinnenfläche. Als würde er der Magie nicht vollkommen trauen, presste er seine Hände vorsichtig gegeneinander. Natürlich würde das die Haut nicht wieder lösen. Es zeigte Teese aber die noch immer verletzten Handrücken.
Bevor Teese ihre Hand ausstrecken konnte, um auch die verletzten Handaußenseiten zu heilen, hielt Fürst Edomar ihr seine Hände entgegen. Einen Moment überlegte Teese, ob sie diese Geste als einfache Aufforderung oder stumme Bitte verstehen sollte, doch als sie seine Hände mit ihren umschloss, wurde ihr schlagartig bewusst, dass es sie an etwas ganz anderes erinnerte.
So hatte Dekan Ezzo ihre eigenen Hände umschlossen gehalten, als er sich vor ihrer Abreise in Magister Nabis Haus ihr offenbart hatte. Doch als Teeses Magie in Fürst Edomars Hände floss, geschah nichts weiter als dass seine Haut heilte wie an den übrigen Stellen, die Teese berührt hatte.
Nachdem Dekan Ezzo ihre Hände auf diese Weise in den seinen gehalten hatte, hatte Teese ihn gekannt. Er war von dem Dekan von Weltenei zu einem Vertrauten geworden, jemandem wie ihre beste Freundin, ihre Schwester oder ihre Eltern. Jemanden, dessen Handeln sie verstand und bis zu einem gewissen Grad vorhersagen konnte. Jemanden der ihr vertraut war.
Nichts davon spürte Teese nun, als sie ihre Hände von denen des Fürsten zurückzog. Das sollte sie aber auch nicht verwundern, denn er war kein Magier. Er hatte sich ihr nicht offenbart und sie – da war sie sich ganz sicher – auch nicht ihm. Dennoch hatte diese Geste irgendeinen Symbolcharakter. Teese verstand das aufgrund der Stille, die den Moment begleitete als sie ihre Hände zurückzog.
Niemand sprach ein Wort. Nur das Knistern des Feuers über ihren Köpfen war zu hören. Verbranntes Papier regnete inzwischen wie große heiße Schneeflocken auf sie herunter. Irgendwo rechts von Teese hatte eines der unteren Regale dabei Feuer gefangen.

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