Keine große Sache (5/19)

Posted on Oktober 14, 2013

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Teese sah nach den anderen. Lisande rappelte sich, halb auf den vorderen Arbeitstisch gestützt, auf. Sie hatte ihr Gesicht schmerzhaft verzogen und hielt sich ihre Seite. Vielleicht hatte sie sich beim Aufprall verletzt.
„Ganz schlechte Entwicklung der Dinge“, sagte sie allerdings recht trocken, als sich ihrer und Teeses Blicke trafen.
Vielleicht war es ihr Tonfall, so ruhig und sachlich, der dafür sorgte, dass Teese nicht in Panik geriet. Lisande musste ebenfalls bemerkt haben, dass es über ihren Köpfen brannte. Es war zwar noch kein loderndes Feuer, aber ein Feuer war es allemal. Ein paar glimmende Papierfetzen segelten von oben herab. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bevor das Feuer von der oberen Galerie auf den unteren Teil der Bibliothek übergreifen würde.
Das Double von Magister Pitro saß davon unbeeindruckt weiter über seine Schreibarbeit gebeugt. Ob er so auch noch weiterarbeiten würde, wenn sein Tisch, seine Bücher und er selbst lichterloh brennen würden?
Nichts schien ihn von seiner Arbeit abhalten zu können, weder ein Feuersturm noch eine Kollision mit Fürst Edomar, welcher von der Druckwelle gegen den Stuhl des Doubles geschleudert worden war, so dass der Stuhl leicht schief stand.
Teese näherte sich dem Fürsten mit einem leicht mulmigen Gefühl. ‚Ist er tot?‘, wollte sie von Fleck wissen.
‚Nein‘, beruhigte sie ihr Seelentier. ‚Aber bei diesen Verbrennungen…‘
Teese konnte es selbst sehen. Die rote Trainingskleidung war am Rücken und den Schultern verbrannt und klebte in schwarzen Fetzen auf der Haut. Ebenso sah es den Nacken hinauf aus und am Kopf, soweit Teese ihn von hinten sehen konnte. Hätte der Fürst noch Haare auf dem Kopf besessen, wären sie sicherlich verbrannt. So war es die Haut an ihrer Stelle.
Zögerlich ging Teese in die Knie und beugte sich ein wenig vor. Das sah irgendwie seltsam aus. Sie hatte gedacht, die schwarzen Fetzen wären Teile von verbrannter Kleidung, aber das war nicht der Fall. Das war verbrannte Haut. Sie sah aus wie die angebrannte Schale von Grillkartoffeln.
Teese berührte vorsichtig Fürst Edomars verbrannten Rücken. Die Haut fühlte sich heiß an und irgendwie klebrig. So als hätte man die Finger in heißen Honig getunkt. Teese zog ihre Hand zurück und schnappte erschrocken nach Luft. Die schwarzen Hautfetzen klebten an ihrer Hand und auf dem Rücken des Fürsten klaffte eine hellrote Fleischwunde.
Teeses Reaktion darauf war panisch und alles andere als klug. Als könne sie die Haut wieder an ihre Stelle zurück bringen, presste sie ihre Hand erneut an dieselbe Stelle. Natürlich ohne, dass die verbrannten Hautfetzen dort hängen bleiben konnten.
‚Benutze Magie‘, riet Fleck aufgeregt. ‚Das ist keine dumme Idee. Aber es geht nur mit Magie.‘
Teese widerstand dem Impuls, ihre Hand erst einmal wieder zurück zu ziehen. Statt dessen fühlte sie nach ihrer Magie und dem vertrauten Kribbeln in den Fingern. Haut wieder anzukleben war doch eigentlich ganz einfach. Das war so als wenn man aus einem Luftballon und Papierstreifen eine Laterne basteln wollte.
Das hatten sie in Teeses Kindergarten getan als sie noch klein gewesen war. Man nahm einen Luftballon und rieb eine Stelle mit Kleister ein. Dann nahm man sich Papierfetzen und pappte sie einfach nacheinander auf den Kleister, bis der ganze Ballon damit bedeckt war. Dann musste man ihn nur trocknen lassen und konnte oben ein Loch hinein schneiden, um eine Kerze hinein zu…
Nein, diesen Teil brauchte Teese nicht. Sie wollte ja keine Laterne aus dem Fürsten machen. Trotz des Ernsts der Lage musste Teese leise lachen.
Sie ließ ihre Magie in die Hände fließen und dachte daran, wie man Papierfetzen auf einen Ballon klebte. Einfach berühren, Finger wieder abziehen und das Papier klebte am Ballon und nicht mehr an den Fingern.
Teese rollte ihre Hand langsam zur Seite ab, so dass sie nach und nach ihre Handinnenfläche sehen konnte. Tatsächlich, es klebte nichts mehr daran. Mehr noch, an der Stelle, an welche sie die schwarzen Hautfetzen geklebt hatte, war die Haut des Fürsten vollkommen normal. Rosafarben und hell wie Teeses Handinnenfläche.
‚Großartig‘, sagte Fleck.
‚Und so einfach‘, stellte Teese fest.
Manchmal konnte Magie so kinderleicht sein. Andere Zauber wollten überhaupt nicht funktionieren – sie dachte an ihre praktischen Übungen mit Ro – aber dieser hier war so einfach wie atmen.
Teese setzte ihre Hand ein Stück neben die magisch geheilte Haut und drückte auch hier die verbrannten Fetzen mit Magie wieder an ihre Stelle. Sie zog die Hand weg und die Haut war perfekt und neu als wäre sie nie mit Feuer in Kontakt gekommen.

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