Keine große Sache (4/19)

Posted on Oktober 11, 2013

1


Teese hatte keine Ahnung, was es bedeutete, wenn eine Türklinke in einem brennenden Gebäude heiß war. Sie hatte überhaupt keine Erfahrungen mit brennenden Gebäuden. Ebenso wenig wie Lisande, welche die Klinke herunter drückte und die Tür nach einem kurzen Zögern öffnete.
Kaum, dass die Tür geöffnet worden war, quoll grauer Rauch in dicken Schwaden in die Bibliothek und stieg sofort nach oben zur Decke auf. Ein Feuer konnte Teese im Turm nicht sehen. Im Grunde konnte sie ohnehin nichts von dem Turm und seiner Treppe sehen außer dem Rauch. Er nahm ihr die Sicht wie ein dichter Nebel und war im ersten Moment auch fast genauso hell.
„Siehst Du, es brennt nicht mehr“, sagte Lisande zufrieden.
„Ja.“ Teese spähte in die Rauchschwaden, welche im Turm nach oben zogen wie in einem Schornstein. „Aber können wir trotzdem sicher nach unten gehen? Das sind noch viele Stufen.“
War es mehr als ein Stockwerk? Teese war unsicher. Der Blick aus dem Fenster hatte sich sehr hoch angefühlt. Und so lange sie nach unten laufen würden, würden sie die Luft anhalten müssen. Unbedingt. Menschen konnten nur Luft atmen, Rauch war dazu nicht geeignet.
„Ich sehe keine wirkliche Alternative“, hielt Lisande dagegen.
Aber auch sie zögerte sichtlich, den Weg nach unten anzutreten, denn unvermittelt begann der Rauch dichter zu werden. Er färbte sich dunkel und bildete seltsame Schleifen am Fußende der Tür. So als würde ihn jemand durchrühren.
Der Rauch, der jetzt schnell wie ein Fluss aus Nebel in die Bibliothek und nach oben zur Decke floss, war bedrohlich schwarz und er wurde immer mehr.
„Jetzt oder nie“, sagte Lisande.
Doch anstatt den Turm zu betreten, wich sie zurück und trat Teese fast auf den Fuß. Aus den Rauchschwaden kam etwas auf sie zu. Es war etwas kleiner als Teese und sicher doppelt so breit. Aber erst als es den Treppenabsatz der Tür erreichte, wo der Qualm nach oben zog, erkannte Teese Fürst Edomar.
Er hielt sich nach vorne gebeugt und ließ sowohl Teese als auch Lisande in den Raum zurückweichen. Teese kam nicht dazu, ihn sich genauer anzusehen, denn wie aus dem Nichts schoss eine weitere Feuerwalze durch den Turm. Dieses Mal allerdings nicht nach unten, sondern mitten hinein in die Bibliothek.
Er klang als würde ein D-Zug direkt an Teese vorbei schießen. Aber die Druckwelle, die Teese wegschleuderte, war heiß wie das Innere eines Backofens und um ein Vielfaches stärker als die eines vorbeirasenden Zuges.
Teese flog zur Seite, Lisande knallte gegen die Arbeitstische und selbst der massige Fürst Edomar wurde mit einer Leichtigkeit durch den Raum geschleudert als sei er ein welkes Blatt in einem Herbststurm.
Teese landete halbwegs unbeschadet auf dem Hosenboden und starrte zur Tür, durch die nun wieder recht schwerfällig Rauch quoll. Doch der Turm stand in Flammen. Wie das möglich sein sollte, war Teese nicht klar. Der Turm bestand aus Steinen. Steine brannten nicht.
Doch bestand an dem Feuer, das nun im Turm wütete kein Zweifel. Leckende Feuerzungen züngelten voller Begierde in den Raum und Teese rappelte sich schnell auf.
Sie mussten die Tür wieder schließen. Und sie war die erste, die wieder auf den Beinen war, um das machen zu können. Vielleicht auch die einzige, die es überhaupt konnte. Zeit, nach den anderen zu sehen, hatte Teese keine. Sie stürzte zur Tür und fühlte nach der Magie in ihr, um ganz sicher zu sein.
‚Zu‘, dachte sie, während sie mit ihrer ganzen Kraft die Tür schloss. ‚Zu, so dass nichts mehr hereinkommen kann.‘
Die Tür schloss sich mit einem endgültig klingenden Rumms.
‚Teese, schau…‘, meldete sich Fleck zu Wort.
Teese legte den Kopf in den Nacken. Und als sie es sah, wurde ihr bewusst, dass sie es bereits die ganze Zeit hören konnte. Der obere Teil der Bibliothek brannte. Der gesamte Rauch, der dort eben noch gestanden hatte, war vom Feuer verschlungen worden und die Bücher brannten. Sie saßen in einer brennenden Bibliothek fest.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements